Zwei Aargauerinnen an der Spitze der Stadtzürcher Politik, das gehe zu weit. Was sich anhört wie ein Witz, war durchaus ernst gemeint. Die Äusserung eines Gewerbeverbandsmitglieds sei allerdings die einzige negative Reaktion auf ihre Wahl zur Zürcher Gemeinderatspräsidentin gewesen, sagt Dorothea Frei. Zusammen mit Stadtpräsidentin Corine Mauch, die in Oberlunkhofen aufgewachsen ist, steht sie an der Spitze der grössten Schweizer Stadt. Ansonsten bekäme sie höchstens mal einen Spruch mit einem Augenzwinkern zu hören, sagt Frei: «Der Zürcher frotzelt gerne über Aargauer – und umgekehrt.»

Die höchste Zürcherin empfängt im Festsaal des Rathauses. Gemälde mächtiger Männer, Deckenmalereien, Blick auf die Limmat. Hier sei schon Winston Churchill zu Gast gewesen, sagt Frei und führt gleich weiter durch ihr Reich im oberen Stock: den Ratsaal. Seit Mai sitzt sie während eines Jahres an den Mittwochnachmittagen ganz vorne auf dem «Bock» unter dem riesigen Zürcher Wappen, leitet die Sitzungen, erteilt das Wort, mahnt zu gemässigterem Ton.

Zufall sei es, dass sie dieses hohe Amt während des nächsten Jahres ausüben kann, sagt sie. «Eine politische Karriere ist nicht planbar.» Und tatsächlich mutet der Verlauf ihrer Laufbahn als Politikerin eher zufällig an. 1993 wurde sie in den Aarauer Einwohnerrat gewählt – obwohl sie sich nur als Freundschaftsdienst auf einen der leeren Listenplätze setzen liess. Ungelegen sei ihr die Wahl damals gekommen, sagt sie. «Ich war dabei, mich als Erwachsenenbildnerin selbstständig zu machen.» Sie trat ihr Amt trotzdem an.

Nach zwei Jahren verliess sie den Aarauer Einwohnerrat wegen eines Jobangebots in Meiringen aber bereits wieder. Später zog es sie nach Zürich. Ihr neuer Arbeitgeber, die Gewerkschaft VPOD, hatte zwei Forderungen: Wohnsitz in der Stadt und einen Parlamentssitz im Gemeinderat. Letzteren eroberte sie just an ihrem letzten Arbeitstag für die Gewerkschaft, ihr Amt trat sie dennoch an – auch wenn die Wahl erneut ungelegen gekommen sei, wie sie sagt. Schon wieder war sie dabei, sich selbstständig zu machen. Diesmal als Coach und Organisationsberaterin, was sie bis heute ist. In Zürich gefiel es ihr von Anfang an, im Gemeinderat zunächst weniger: Kaum jemand hörte dem anderen zu, während die einen vorne ihre Argumente darlegten, liefen die anderen im Saal umher, lasen Zeitung, sprachen laut miteinander. «Ich war schockiert», sagt sie. «Das war ich mir aus Aarau nicht gewohnt.» Nun kann sie als Präsidentin des Gemeinderats selber für Ruhe und Ordnung sorgen. Das sei weniger einfach als erwartet, sagt sie.

Ratskollegen beschreiben sie als sehr korrekt, selbstbewusst, gut vorbereitet. Und sie habe viele Berührungspunkte zur Wirtschaft. Ihr Vorgänger als Präsident, der Grüne Martin Abele, hält das für einen Vorteil: Sie sei mit einem «Bonus vonseiten der Bürgerlichen» in ihr Präsidialjahr gestartet. Ein bürgerliches Ratsmitglied sagt, an ihrer Wahlfeier habe es auch Sponsoren aus dem Bankenbereich gehabt. Das sei bei einer Sozialdemokratin eher verwunderlich, es spreche aber für sie, dass sie überparteilich verankert sei. Und er fügt an: So wie sie sich anziehe, würde man sie eher für eine Bürgerliche als für eine Linke halten.

Dorothea Frei selber sieht sich «nicht am linken Rand der SP». Sie, die von sich sagt, sie fahre sehr gerne Auto, weicht etwa bei Verkehrsfragen schon mal von der Parteilinie ab. Eine andere Partei sei für sie aber nie infrage gekommen. Politisiert von der Nicht-Wahl der SP-Kandidatin Christiane Brunner 1993 in den Bundesrat, geprägt von ihrem beruflichen Umfeld im Gesundheitsbereich: «Als Pflegefachfrau hätte ich gar keine andere Partei als die SP wählen können.»

Dabei ist sie in einer sehr bürgerlichen Familie aufgewachsen. Auf einem Bauernhof in Ehrendingen, als ältestes von sechs Kindern. Ihr Vater sei Mitglied der SVP, sagt Frei und lacht.

Kritik an ihrem Aargauer Heimatdorf übte sie in ihrer Antrittsrede als Präsidentin. In Zürich, sagte sie, werde man primär an seiner Leistung gemessen, nicht an der Herkunft. In Ehrendingen habe sie das nicht so wahrgenommen. «Zuzüger hatten es weit schwerer, im Dorf ihren Platz zu finden.» Anders in Zürich: «Menschen, die etwas erreichen möchten, erhalten hier eine Chance, dies zu tun.» In ihrem Fall das höchste politische Amt der Stadt.