Wohlen
Vizeammann Huwiler: «Die vielen persönlichen Angriffe haben mich am meisten belastet»

Der Wohler Vizeammann Paul Huwiler spricht im Interview über seine zwei intensiven Jahre als Ad-interim-Leiter der Gemeinde. Er verrät, was ihn belastet und was ihn gefreut hat.

Toni Widmer
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Paul Huwiler hat in den vergangenen zwei Jahren als Vizeammann interimistisch die Gemeinde Wohlen geführt. (Archiv)

Paul Huwiler hat in den vergangenen zwei Jahren als Vizeammann interimistisch die Gemeinde Wohlen geführt. (Archiv)

Toni Widmer

Paul Huwiler, hinter Ihnen liegen zwei intensive Jahre. Sind Sie froh, dass sie vorbei sind?

Paul Huwiler: Ich hätte mir gut vorstellen können, dass es so weitergeht, als Gemeindeammann im Vollamt. Darum habe ich im Herbst ja auch kandidiert, und deshalb ist die Fragestellung eigentlich falsch.

Die Frage war auch anders gemeint. Sie mussten von heute auf morgen als Vizeammann die Leitung des Gemeinderates übernehmen und der Gemeinderat bestand nur noch aus sechs Personen.

Ja, klar, dass diese Phase Ende Jahr vorbei ist, darüber bin ich sehr froh. Es war wirklich nicht ganz einfach. Wir mussten viele Sachen auffangen und uns oft praktisch über Nacht mit neuen Situationen zurechtfinden. Wir haben in dieser Zeit viele Projekte lanciert und wir haben auch die ganze Reorganisation der Gemeindeführung aufgegleist. Das ging an die Substanz und in dieser Intensität hätte ich sicher nicht weiterarbeiten können. Ich habe, wie meine Kollegen im Gemeinderat auch, in dieser Zeit sicher viel Zusatzarbeit leisten müssen.

In welchen Bereichen war die Belastung besonders hoch?

Wir haben viele Projekte in sehr kurzer Zeit lanciert. Die zuständigen Gemeinderäte waren da jeweils auch operativ stark eingebunden und mussten einen grossen Effort leisten. Was mich freut, ist, dass wir – etwa mit dem Sportpark Bünzmatt und der neuen Gemeindeordnung – Wohlen in den letzten zwei Jahren doch ein schönes Stück weiterbringen konnten.

Der Einwohnerrat und die Stimmberechtigten haben mitgezogen und dem «neuen» Gemeinderat das Vertrauen geschenkt. Worauf führen Sie das zurück?

Wir haben insbesondere im Einwohnerrat versucht, den Umgang miteinander zu intensivieren und vor allem zu verbessern. Es ist uns gelungen, verhärtete Fronten aufzuweichen, und bei wichtigen Projekten auch die potenziellen Kritiker frühzeitig ins Boot zu holen. Ich denke, der ganze Informationsaustausch ist insgesamt deutlich besser geworden, und das hat sich letztlich ausbezahlt. Für mich war und ist das A und O des Ganzen stets, sich auf Augenhöhe zu begeben und Kritiker nicht als Gegner zu betrachten, sondern zu versuchen, sie abzuholen. Wie sich zeigt, hat dieses Miteinander deutlich mehr gebracht als ein stures Gegeneinander.

War das denn vorher anders?

(überlegt länger) Ich habe meinen persönlichen Stil, bei dem eine gute Gesprächskultur und der Einbezug aller einen hohen Stellenwert hat.

Sie weichen aus.

Ob und was sich in den vergangenen zwei Jahren geändert hat, müssen andere entscheiden. Was ich sagen kann, ist, dass es – vor allem aus dem Einwohnerrat – doch verschiedentlich positive Rückmeldungen gegeben hat. Die Einwohnerratssitzungen, so wurde mir signalisiert, seien angenehmer geworden, weil es weniger Knatsch gebe. So gesehen, hat mein politischer Stil offensichtlich funktioniert.

Was hat Sie in den vergangenen zwei Jahren am meisten belastet?

Die vielen persönlichen Angriffe. So etwas ist oft sehr schwierig wegzustecken. Man kann sich zwar als Politiker eine Elefantenhaut zulegen, aber kein gefrorenes Herz.

Haben die Erfolgserlebnisse diese Kritik letztlich nicht aufgewogen?

Ja sicher, bis zu einem gewissen Grad schon. Insgesamt hatte ich aber oft das Gefühl, was nicht gut läuft, wird höher gewichtet, als das, was gelungen ist. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönliches Empfinden. Was ich hoffe, ist, dass es jetzt etwas normaler weitergeht.

Die Zukunft ist aufgegleist, im Gemeindehaus werden neue Leute gesucht – freuen Sie sich auf die Umsetzung der neuen Gemeindeordnung?

Ja, ich bin dankbar dafür, dass uns der Einwohnerrat mit der Bewilligung der neuen Stellen ermöglicht hat, die neuen Organisationsstrukturen, die vorderhand ja nur auf dem Papier existieren, in die Praxis umzusetzen. Es liegt noch einiges an Arbeit vor uns, aber ich bin überzeugt, dass es gut kommt und unsere Verwaltung professioneller wird.

Nur die Verwaltung?

(lacht) Selbstverständlich auch der Gemeinderat. Wir haben die Krise als Chance nützen und Veränderungen in der politischen Führung der Gemeinde herbeiführen können, die im Normalfall wohl nicht so leicht möglich gewesen wären. Das hat auch unser externer Berater für die Neuorganisation festgestellt und erklärt, es sei eher unüblich, dass in einer Gemeinde neben der Verwaltung gleich auch der Gemeinderat «reformiert» werden könne. Wir haben es wegen der günstigen Konstellation geschafft.

Im Rückblick waren die zwei intensiven Jahre auch positive Jahre?

Der dauernde Spagat zwischen Beruf und Gemeinderatsamt hat mich stark gefordert. Man legt ja die Messlatte hoch und versucht stets, allem und jedem zu genügen. Letztlich schafft man es dann aber doch nicht immer, seinen persönlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Der eigenen Zufriedenheit ist das nicht eben förderlich. Aber sicher: Es war für mich eine spannende Aufgabe. Ich habe viele neue Leute kennen gelernt, in vielen Abläufe vertieft Einblick erhalten und Zusammenhänge erkannt, die ich vorher so noch nicht gesehen hatte. Ja, insgesamt war es eine positive Zeit und eine gute Erfahrung.