Wohlen

Viele Hindernisse: Viele Restaurants und Läden mit Rollstuhl kaum erreichbar

Vier Berufsmaturandinnen haben Aarau, Brugg und Wohlen per Rollstuhl auf die Probe gestellt. Die Freiämter Gemeinde kommt dabei gar nicht gut weg.

Wer im Rollstuhl sitzt, stösst öfter an Barrieren – auch an solche, die durch das Behindertengleichstellungsgesetz längst beseitigt sein müssten. Diese Tatsache erhärtet die beachtenswerte Untersuchung von vier Berufsmaturandinnen, zu denen auch die frisch diplomierte Fachfrau Hauswirtschaft, Julie-Pearl Meyer, 19, aus Wohlen gehört.

Es geht nicht um Sonderrechte, sondern um Menschenrechte

Julie-Pearl Meyer schloss kürzlich im Wohn- und Pflegezentrum Bifang in Wohlen ihre Ausbildung zur Fachfrau Hauswirtschaft mit der Note 5,4 ab – der zweitbesten im Aargau. Ihre Berufsmaturität absolvierte sie an der Berufsfachschule in Brugg. Zusammen mit Marion Kästner, Nicole Streuli und Alexandra Erismann schrieb sie die Maturaarbeit «Barrierefrei in die Selbstständigkeit».

Das Fazit: Barrierefreiheit wird schweizweit nur teilweise umgesetzt, die völlige Chancengleichheit ist noch nicht denkbar. Und das, obwohl das Behindertengleichstellungsgesetz fordert, dass die Nachteile für Menschen mit Beeinträchtigung «verhindert, verringert oder beseitigt» werden müssen.

Die Barrieren lauern überall: Wer im Handrollstuhl ohne Motor sitzt, ist oft auf Hilfe angewiesen, wenn sie oder er kleinere Absätze oder gar Treppen überwinden will. Elektrorollstühle sind da oft zu schwer. Mehr als die Hälfte der Bushaltestellen ist noch nicht behindertengerecht.

Deshalb scheine es unwahrscheinlich, die Vision, wie vom Gesetz gefordert, bis 2023 zu erfüllen, schreiben die Autorinnen. Es gehe nicht darum, für die Menschen mit einem Handicap «Sonderrechte» durchzusetzen, sondern darum, allgemeinen Menschenrechten zum Durchbruch zu verhelfen.

Wohlen: SBB-Ticketschalter klappt, Friedhof ist schwierig

Die Autorinnen stellten Aarau, Brugg und Wohlen im Rollstuhl auf die Probe, um herauszufinden, wie die Orte es mit der Barrierefreiheit halten. Die Bilanz fiel für Wohlen, um es vornehm auszudrücken, durchzogen aus. «Wir starteten unser Experiment beim Friedhof und merkten schnell, dass nur Kleinigkeiten für einen Menschen im Rollstuhl zum Verhängnis werden können», schreiben die Autorinnen.

Rollstuhlfahrer sind gut beraten, eine Person mitzunehmen, die den Rollstuhl über die Hindernisse lenkt. Im Friedhof sind der steinige Untergrund und enge Wege ein Hindernis. Ebenfalls sind die Wege durch kleine Mauerränder abgetrennt, die das Risiko erhöhen, dass der Rollstuhl kippt.

Der Bahnhof Wohlen wird derzeit umgebaut, die Perrons werden so angepasst, dass Rollstuhlfahrer problemloser in den Zug einsteigen können. Aber der Teufel steckte auch am Bahnhof im Detail. Als die Autorinnen vor einiger Zeit mit dem Rollstuhl von einem bereits umgebaute Perron in den Zug fahren wollten, blieben die Räder im Zwischenraum von Bahnsteig und Eingang stecken.

Hingegen ist der Fahrkartenschalter der SBB für Rollstuhlfahrer auf einer angenehmen Höhe. Aber der Coop Pronto am Bahnhof bleibt für den Rollstuhlfahrer versperrt, wenn er, wie alle anderen Konsumenten, den Haupteingang benützen will. Eine Treppe verhindert den Zutritt. Auf Wunsch ist das Ladenpersonal aber bereit, den barrierefreien Nebeneingang zu öffnen.

Im Migros-Center ist man auf Hilfe angewiesen, wenn man Produkte aus den oberen Regalen nehmen will. Auch ist der Self-Checkout für Rollstuhlfahrer zu hoch. Im Manor wären eine Rampe und mehr Platz zwischen den Regalen von Vorteil. Die Banken und das Gemeindehaus sind bereits gut zugänglich, was man von vielen Restaurants und kleinen Läden nicht sagen kann – von Ausnahmen abgesehen.

Zu steile Treppen und zu schmale Türen erschweren den Zugang. Rampen oder Rollstuhllifte würden helfen, heisst es in der Maturaarbeit. Die Autorinnen führten zudem mit 118 Personen aller Altersklassen eine Online-Umfrage über das Thema Barrierefreiheit durch und interviewten drei Menschen, die im Rollstuhl sitzen.

Mit einem Blick auf die zahllosen Schwierigkeiten, die diese Menschen im Alltag bewältigen müssen, bestätigt sich: Das Behindertengleichstellungsgesetz hat Fortschritte gebracht. Der Weg bis zu einer Art von Chancengleichheit ist aber noch weit.

Meistgesehen

Artboard 1