Bezirksgericht Bremgarten
Vergewaltigung in der Beziehung? Beschuldigter zu hoher bedingter Geldstrafe verurteilt

Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Tätlichkeiten und Drohung - dies waren die Vorwürfe in einem Prozess zwischen einem Schweizer und einer Russin. Die Richter mussten entscheiden, wem sie glauben wollten - Beweise gab es fast keine.

Dominic Kobelt
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Häusliche Gewalt (gestellte Aufnahme)

Häusliche Gewalt (gestellte Aufnahme)

Keystone

«Es war eine sehr intensive Beziehung, besonders was die Streitigkeiten anbelangt. Im Nachhinein bin ich froh, dass es vorbei ist.» So beschreibt ein 35-Jähriger seine Beziehung, die er mit einer Russin geführt hat. Diese beschuldigt ihn der mehrfachen Vergewaltigung, sexuellen Nötigung, Tätlichkeiten und Beschimpfung, der Drohung und der mehrfachen Pornografie.

Der Fall, der gestern vor dem Bezirksgericht Bremgarten verhandelt wurde, stellte sich schwierig dar, weil fast keine direkten Beweise vorlagen. Die Richter mussten abwägen, ob sie den Aussagen der Klägerin oder denen des Beschuldigten glauben wollten, und diese widersprachen sich in vielerlei Hinsicht.

Das Paar war fast ein Jahr zusammen, mit einem zweimonatigen Unterbruch. Vergewaltigungen soll es laut der Russin bereits während der ersten Beziehungsphase gegeben haben. Allerdings hatte sie, obwohl sie angeblich zum Sex gezwungen wurde, sich erniedrigt und sich «geschockt» gefühlt hatte, nach der Trennung SMS mit sexuellen Avancen verschickt. «Das war scherzhaft gemeint», verteidigte sie sich.

Die Russin kehrte gar zu ihrem Peiniger zurück, worauf es erneut zu Vergewaltigungen und sexueller Nötigung gekommen sein soll. Auf die Frage, warum sie zurückgekehrt sei, antwortete sie: «Dummheit. Liebe. Ich weiss es nicht.»

Zweifelhafte Befragung

Die Verteidigung bemängelte zudem die Befragung durch Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Einvernahmeprotokolle gäben ein stark verzerrtes Bild wieder. Das Gericht befand später ebenfalls, dass der Polizeibeamte «nicht ganz objektiv» gewesen sei. Während die Protokolle klar und stringent wirkten, schweifte die Klägerin vor Gericht immer wieder ab.

Trotz dieser Unstimmigkeiten war die Staatsanwaltschaft von der Glaubwürdigkeit der Klägerin überzeugt: «Es gibt zahlreiche Opfer, die ihre Peiniger spät, manchmal auch gar nie anzeigen.» Sie sei psychisch und finanziell von ihm abhängig gewesen. Für Gerichtspräsident Peter Thurnherr aber war klar: «Es gibt zwar Indizien, aber das Mass an Sicherheit, das das Gericht haben müsste, ist nicht gegeben.» Der Beschuldigte wurde vom Hauptvorwurf der mehrfachen Vergewaltigung und der mehrfachen sexuellen Nötigung freigesprochen.

Wie einen Hund verprügelt

Dagegen sprach ihn das Gericht schuldig der versuchten Vergewaltigung, der mehrfachen einfachen Körperverletzung und der Drohung.

Diese Ereignisse haben sich in der zweiten Beziehungsphase abgespielt: An einem Abend ist das Paar unter starkem Alkoholeinfluss in Streit geraten.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass es zu einer «veritablen Schlägerei» gekommen sei und der Mann seine Partnerin «wie einen Hund verprügelt» habe, dies auch mit einer Stablampe und einer Peitsche.

Der Ex-Mann der Russin hatte dies am Telefon mitbekommen und die Polizei gerufen. Diese erliess ein Kontaktverbot - daran hat sich der Mann aber nicht gehalten.

Er kehrte noch in derselben Nacht zurück und zerrte seine Frau aus dem Bett. Dabei riss er ihr Hose und Slip herunter, «das zeigt eindeutig eine sexuelle Absicht», sagte Thurnherr. «Zugutehalten kann man Ihnen, dass Sie selber wieder aufgehört haben. Trotzdem: Das war der Tiefpunkt einer desaströsen Beziehung.»

Der Beschuldigte wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 43200 Franken und einer Busse plus einer Genugtuung von je 2500 Franken verurteilt.