Bremgarten

Velofahrer übersieht Hundeleine und reisst die Halterin zu Boden – die beiden landen vor Gericht

Der Dackel rannte auf die andere Strassenseite, was schliesslich zu einem Unfall führte. (Symbolbild)

Der Dackel rannte auf die andere Strassenseite, was schliesslich zu einem Unfall führte. (Symbolbild)

Ein angeleinter Hund lief auf die andere Strassenseite, deshalb kam es zu einem Unfall mit einem Radfahrer. Dieser wurde angezeigt, was sich im Nachhinein als Fehler herausstellte.

Es geschah vor zwei Jahren, an einem Sonntagmorgen im April: Eine Frau war mit ihren zwei Hunden auf einer geteerten Strasse an der Reuss unterwegs. Beide Tiere führte sie an flexiblen Laufleinen. Als ihr eine zweite Hundehalterin entgegenkam, überquerte einer ihrer Hunde – ein rund 10 Kilo schwerer Dackel – die Strasse um seinen Kollegen zu begrüssen.

Gleichzeitig nahte ein Radfahrer. Er verwickelte sich mit seinem Rad in der über die Strasse gespannte Leine, konnte jedoch einen Sturz vermeiden. Im Gegensatz zur Hundehalterin: Sie wurde zu Boden gerissen und zog sich dabei verschiedene Verletzungen zu, die zum Teil bis heute noch nicht ganz ausgeheilt sind.

Auf Meldung an die Polizei verzichtet

Der Radfahrer kümmerte sich um die Verletzte. Zusammen mit der zweiten Hundehalterin, die dabei mehrmals beteuert habe, ihn treffe bestimmt keine Schuld. Er hätte ja die über die Strasse gespannte, dünne Hundeleine nicht oder erst zu spät erkennen können.

Die Sache war offenbar für alle so klar, dass niemand auf die Idee kam, die Polizei zu rufen. Auch der Partner der verletzten Hundehalterin nicht. Er war kurz nach dem Vorfall auf den Unfallplatz gekommen und wenig später mit ihr und den beiden Hunden im Auto davon gefahren war. Der Biker sah keinen weiteren Handlungsbedarf. Vor allem auch nach einem Anruf am späteren Sonntagnachmittag: «Der Partner der Verletzten hat mich darüber orientiert, dass die Kinnverletzung der Frau im Spital habe genäht werden müssen, die Angelegenheit für mich aber erledigt sei.»

Die Mühlen der Justiz beginnen zu laufen

War sie nicht. Drei Monate später wurde der Radfahrer von der Hundehalterin angezeigt. Die Staatsanwaltschaft warf ihm in der Folge fahrlässige Körperverletzung und Nichtgenügen der Meldepflicht bei entstandenem Personenschaden vor und verfügte eine happige Busse. Der Mann reagierte mit einer Gegenanzeige wegen fahrlässiger Verletzung der Verkehrsregeln. Und so erhielt alsbald auch die Hundehalterin von der Staatsanwaltschaft dicke Post – eine Strafanzeige mit Bussenverfügung.

Beide Parteien akzeptierten die jeweiligen Strafbefehle nicht und man(n)/frau sahen sich vor dem Bezirksgericht Bremgarten wieder. Dort versuchte der Verteidiger der Hundehalterin, den Radfahrer als Rüppel darzustellen. Dieser, so erklärte er in seinem Plädoyer, sei – erstens – auf einem Wanderweg gefahren, auf dem er gar nicht hätte fahren dürfen und hätte es – zweitens – an der nötigen Vorsicht fehlen lassen. Der Anwalt des Bikers hielt dagegen: «Mein Mandant hat sich in allen Teilen korrekt verhalten; vor und nach dem Unfall.»

Das sah letztlich auch Einzelrichterin Corinne Moser so. Sie sprach den Mann im Anklagepunkt der fahrlässigen Körperverletzung frei. Er, so ihr Fazit zum Geschehen, hätte die dünne Hundeleine kaum sehen können. Und, fügte sie an, auf der betreffenden Strasse sei Radfahren erlaubt. Für die Unterlassung der Meldepflicht gab es hingegen eine Busse von 400 Franken: «Bei Unfällen mit verletzten Personen ist in jedem Fall die Polizei beizuziehen», hielt die Gerichtspräsidentin fest.

Für die Frau ging die Sache weniger glimpflich aus. Sie wurde wegen fahrlässiger Verletzung der Verkehrsregeln verurteilt, muss eine (kleine) Busse bezahlen und die (hohen) Verhandlungs- und Anwaltskosten selber tragen. Hat das Urteil Bestand, wird sie zudem auch Mühe haben, mit ihren Entschädigungsforderungen durchzukommen, die vom Gericht auf den Zivilweg verwiesen worden sind.

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