Urs Lehmann ist keiner, der am Sonntagnachmittag mit seiner Familie vor dem Fernseher sitzt. «Ich verbringe sehr gerne Zeit mit der Familie, wir gehen aber lieber raus und unternehmen etwas.» Der frühere Skirennfahrer ist auch heute noch voller Energie, arbeitet nicht nur als CEO der Similasan in Jonen, sondern ist auch seit fast zehn Jahren Präsident von Swiss Ski und kommentiert zudem Skirennen auf Eurosport.

Ist er ein Mensch, der den Stress zum Leben braucht? «Stress ist das falsche Wort, aber es muss etwas laufen. Wenn ich an den Olympischen Spielen bin, habe ich ja während des Rennens nichts zu tun. Statt im Ziel zu stehen, mit den Händen in den Hosentaschen, kommentiere ich lieber das Rennen.»

Dass Lehmann Co-Kommentator bei Eurosport wurde, ist einem Zufall zu verdanken – «manche würden es auch eine glückliche Fügung nennen», erzählt er. «Bei einem Weltcup-Rennen der Damen war ich der Vorfahrer. Das war kurz vor meinem letzten Rennen im Jahr 1996. Bei der Besichtigung der Strecke traf ich Sigi Heinrich – damals schon eine Legende bei Eurosport.»

Der habe ihn eingeladen, nach der Fahrt bei ihm vorbeizuschauen. «Wir haben uns gut unterhalten, und dann hat er gemeint: ‹Wenn du irgendwann aufhörst, ruf mich doch an.›» Seit 20 Jahren ist Lehmann mittlerweile Co-Kommentator.

Urs Lehmann gewinnt Gold bei den Weltmeisterschaften in Morioka, Japan, 1993.

Urs Lehmann gewinnt Gold bei den Weltmeisterschaften in Morioka, Japan, 1993.

Auch wenn er für einen europäischen Sender arbeitet, schlägt Lehmanns Herz jedes Mal schneller, wenn ein Schweizer am Start steht. «Das muss so sein. Ich darf auch als Co-Kommentator jubeln, wenn eine Schweizerin oder ein Schweizer gewinnt», erklärt er schmunzelnd und fügt hinzu: «Zugegeben, manchmal muss ich meine Emotionen etwas zurücknehmen.»

Reizt es den Ex-Spitzensportler, selber wieder die Bretter zu montieren? «Ich stehe noch oft auf den Ski. Aber ich bin froh, dass ich nicht mehr in Kitzbühel oder am Lauberhorn die Wettkampfpiste hinunter rase.» Das Material sei schneller geworden und er sei nicht mehr so trainiert wie früher. «Da würde der Gefahren-Faktor gegenüber dem Spass-Faktor heute ganz klar überwiegen.»

Obwohl Lehmann, der mit seiner Familie in Oberwil-Lieli lebt, sich im Skirennsport hervorragend auskennt, muss er sich auf alle seine Einsätze bei Eurosport vorbereiten. «Klar, als Präsident von Swiss Ski habe ich weiterhin engen Kontakt zu den Athleten, und mein Rucksack an Erfahrungen, den ich mitbringe, hilft mir. Es wäre dennoch fahrlässig, sich nicht zu informieren. Ich muss beispielsweise wissen, wie die Piste präpariert ist, wie das Wetter sein wird und welcher Rennfahrer bereits im Training gute Leistungen gezeigt hat.»

Gute Ausgangslage

Die Chancen der Schweizer an Olympia schätzt Lehmann als sehr gut ein. «Bei den Spielen in Sotschi holte die Schweiz elf Medaillen. Das Potenzial ist diesmal ähnlich.» Allerdings gibt Lehmann zu bedenken, dass eine gute Ausgangslage allein nicht reiche, das Wettkampfglück sei ebenfalls entscheidend.

Wenn Lehmann nach Pyeongchang reist, macht er das als Chef von Swiss Ski und nebenbei als Co-Kommentator von Eurosport. Trotzdem: Fragen die Athleten den Chef der Similasan auch mal nach Globuli? «Nein, das nicht unbedingt. Aber zwischen meinen verschiedenen Funktionen gibt es durchaus Verbindungspunkte», erzählt er.

So bietet das Unternehmen etwa Sportlerlehren an – Noé Roth, der vor kurzem zum Nachwuchsspringer des Jahres ausgezeichnet wurde, absolviert seine Ausbildung bei Similasan. Und Lehmann kann manchmal Reisen miteinander verbinden – so fliegt er unmittelbar nach den Olympischen Spielen in Südkorea weiter nach Indonesien, wo er Geschäftspartner trifft. Im Ziel zu stehen, mit den Händen in den Hosentaschen, das liegt Urs Lehmann wirklich nicht.