Asylstreit in Oberwil-Lieli
«Unsägliche Angst-Macherei, unerträgliche Übertreibungen»

Peter Litschig bezeichnet Argumente der Asylgegner als Angstmacherei. Der Wirtschaftsingenieur und Manager im Ruhestand gehört zu den guten Steuerzahlern im Dorf. Die bisherige Asylpolitik von Gemeindeammann Andreas Glarner will er nicht mittragen.

Toni Widmer
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Peter Litschig – ein normaler, liberaler, in der Mitte stehender Oberwil-Lieler.

Peter Litschig – ein normaler, liberaler, in der Mitte stehender Oberwil-Lieler.

Toni Widmer

«Man kann zum Flüchtlingswesen verschiedener Meinung sein. Aber auf die Art, wie das Referendumskomitee in Oberwil-Lieli agiert, geht es nicht», sagt Peter Litschig. Der Wirtschaftsingenieur und Manager im Ruhestand gehört zu den guten Steuerzahlern im Dorf. Die bisherige Asylpolitik von Gemeindeammann Andreas Glarner will er allerdings nicht mittragen. «Die grossen Flüchtlingsströme sind ein Problem. Das kann man jedoch nicht lokal in Oberwil-Lieli lösen», sagt Litschig.

Das Schreiben des Referendumskomitees, welches seiner Meinung nach auf «seltsamen Wegen an die Adressen aller Einwohnerinnen und Einwohner gelangt ist», sei ein Pamphlet, mit dem falsche Signale ausgesendet würden. Er melde sich zu Wort in der Hoffnung, dass sich die Bevölkerung von Oberwil-Lieli durch diese «unsägliche Angstmacherei» nicht zu einem falschen Entscheid verleiten lasse.

Rechtspopulistische Argumente

Es gehöre zu den politischen Rechten der Schweiz, ein Referendum zu ergreifen, sagt Peter Litschig, der sich als «ein normaler, liberaler, in der Mitte stehender Oberwil-Lieler» bezeichnet. Ihn habe jedoch die Tonalität der Ausführungen im Schreiben entsetzt, mit dem von einem Komitee zum Referendum gegen den Beschluss der Gemeindeversammlung vom 27. November aufgerufen wird: «Es ist die Rede vom Ruin der Sozialkassen, Kürzungen der AHV und IV, Wegnahme des Vaterlands, sinkendem Bildungsniveau, Benachteiligung bei der Wohnungssuche und überbelegten Gefängnissen. Da werden mit rechtspopulistischen flüchtlings- und islamfeindlichen Argumenten im Stile von Pegida Ängste geschürt. Diese unerträglichen Übertreibungen haben nichts gemein mit unserem ‹Juwel am Mutschellen›», hält Litschig fest.

Unsere Gesellschaft, fährt er fort, müsse sich selbstverständlich auch mit negativen Aspekten der Flüchtlingsströme auseinandersetzen. Wir stünden vor der Herausforderung, echte Flüchtlinge zu erkennen und sie erfolgreich in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Das sei kein Grund, sich unsolidarisch gegenüber anderen Gemeinden zu verhalten, sich loszukaufen und Problemlösungen zu verweigern. Im Gegenteil: «Die durch unsere Gemeinde nicht aufgenommenen Flüchtlinge werden sich anderswo konzentrieren. Tragischerweise leisten wir mit unserer Aufnahme-Verweigerung eben jenen Banlieue-Zuständen Vorschub, vor denen das Komitee warnt.»

Signal der Weltoffenheit senden

«42 000 Flüchtlinge haben seit 2010 in der Schweiz Bleiberecht erhalten. Das entspricht 0,1% der Gesamtbevölkerung. Sollen das die Anzeichen der im Schreiben angedrohten Invasion sein?», fragt sich Litschig. Es sei der schlecht funktionierenden Arbeitsintegration zuzuschreiben, dass von diesen Flüchtlingen 28 000 keinen Job hätten. «Nicht die Flüchtlinge sind das Hauptproblem, sondern der Arbeitsmarkt, der kaum Chancen bietet auf einen existenzsichernden Erwerb. Die Integration der Flüchtlinge und Migranten ist aufwendig und langwierig, kann sich aber wirtschaftlich lohnen und ist nicht bloss aus humanitären Gründen geboten. Das hat die OECD festgestellt».

Für Peter Litschig liegt das Referendumskomitee auch mit der Aussage daneben, mit der Aufnahme von Asylbewerbern würde man der Jugend das Vaterland wegnehmen: «Ich bin überzeugt, dass der Grossteil der Jugendlichen anders denkt. Ihnen nimmt man das Vaterland weg, wenn man es verbarrikadiert.»

Die Behörde habe in Oberwil-Lieli Häuser abreissen lassen, mit der Absicht, Asylunterkünfte zu verhindern. «Der Wohnraum ist durch uns selber verknappt worden. Da tönt der Vorwurf, heimische Bürger und Paare mit Kindern blieben auf der Strecke, absurd und zynisch. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Familien in Container-Wohnungen leben möchten, die wir für Asylanten aufstellen werden», hält Peter Litschig weiter fest und spricht auch das sinkende Bildungsniveau an, vor dem das Komitee warne und dieses den Flüchtlingen zuschreibe: «Lehrer sagen, dass die Anzahl Schüler pro Klasse entscheidender sei als der Ausländeranteil. Die Klassengrössen wurden jedoch genau von jenen politischen Kreisen angehoben, die jetzt das sinkende Bildungsniveau monieren.»

Immigranten, die in der Schweiz in der Vergangenheit Zuflucht gefunden hätten, würden uns ein definitiv anderes Bild zeigen, als die angsttreibende und populistische Schwarzmalerei des Referendumskomitees zu suggerieren versuche, sagt Peter Litschig und ist überzeugt: «Wir Oberwil-Lieler werden deshalb ein weiteres Mal ein Signal der Weltoffenheit, Humanität und Christlichkeit aussenden.»

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