Reusstal

Umstrittene Starkstromleitung: «Die Variante ist ein fauler Kompromiss»

Hans Kneubühler, Präsident des Vereins Verträgliche Starkstromleitung Reusstal (VSLR), hält die Variante des Bundes für schlecht.

Hans Kneubühler, Präsident des Vereins Verträgliche Starkstromleitung Reusstal (VSLR), hält die Variante des Bundes für schlecht.

Der Kampf des Vereins Verträgliche Starkstromleitung Reusstal (VSLR) geht weiter: Die Starkstromleitung Niederwil-Obfelden soll unter den Boden.

Vor einer Woche hat das Bundesamt für Energie (BFE) in Bremgarten den Korridor für die geplante neue 380-kV-Hochspannungsleitung Niederwil-Obfelden vorgestellt. Daran wird seit 2006 geplant. Ein erstes Projekt hat Swissgrid 2012 zurückgezogen, nicht zuletzt wegen des grossen Widerstandes, der sich im Reusstal formiert hatte.

Die Opposition koordiniert hat der Verein Verträgliche Starkstromleitung Reusstal (VSLR), der von Hans Kneubühler, Fischbach-Göslikon, präsidiert wird. Kneubühler ist auch Geschäftsführer der schweizweit tätigen Organisation Hochspannung unter den Boden (HUSB). Im Interview äussert er seine Bedenken zur jetzt vorgestellten Projektvariante.

Hans Kneubühler, Sie haben an der Präsentation den vorgestellten Korridor als «schlechte Variante» kritisiert. Wie beurteilen Sie den Anlass im Rückblick?

Hans Kneubühler: Es war ernüchternd. Vor allem die Aussage von Werner Gander, dem Leiter Sektion Elektrizitäts- und Wasserrecht beim BFE, war hart. Gander sagte: «Der Prozess zur Festlegung einer Hochspannungsleitung ist eben kein demokratisches Verfahren, sondern liegt in der Hand der zuständigen Behörden.»

Nun haben diese Behörden bei ihren Entscheiden allerdings Gesetze und Rahmenbedingungen zu beachten, denen das Schweizer Volk zugestimmt hat…

Das ist grundsätzlich richtig. Doch diese Gesetze und Rahmenbedingungen bedürfen einer Anpassung. Daran arbeiten auch unsere HSUB-Vorstandsmitglieder im Parlament. Wir sind mit Nationalräten aus SVP wie auch aus der SP dort präsent. Kritisch betrachten wir aber auch die «hausgemachten» Reglemente im Bundesamt für Energie, mit denen die Gesetze oftmals interessengesteuert umgesetzt werden.

Wo sind Ihrer Meinung nach Anpassungen nötig?

Die entsprechenden Gesetze sind so anzupassen, dass bei der Planung einer Hochspannungsleitung neben den finanziellen Argumenten auch die ideellen Faktoren vermehrt Gewicht erhalten. Zudem gibt es neben den Gesetzen Reglementarien, die im BFE verwaltungsintern erstellt worden sind und zu denen nie demokratisch Stellung genommen werden konnte. Als Beispiel nenne ich das Ent­scheidungsschema Kabel versus Freileitung. Das ist so kons­truiert, dass tendenziell die ­Variante Freileitung punktet. Besonders, weil es von Leuten angewandt wird, die mehr­heitlich in Richtung Freilei- tung tendieren.

Was kritisieren Sie konkret an diesem Schema?

Der Schutz der Landschaft hat da nur einen ideellen, keinerlei finanziellen Wert und in der Interessenabwägung deshalb jeweils viel zu wenig Gewicht.

Zurück ins Reusstal. Warum ist die Leitungsvariante Ihrer Meinung nach schlecht?

Wir waren erfreut, als wir über die im Frühling 2016 vorgestellten möglichen Planungskorridore im Rahmen einer Vernehmlassung mitdiskutieren konnten. Alle Gemeinden und Organisationen sowie der Kanton haben damals die Variante 5 mit einer reinen Erdverkabelung klar favorisiert. Doch davon ist im aktuellen Projekt fast nichts mehr vorhanden.

War das Mitwirkungs­verfahren von 2016/17 also eine reine Farce?

Die Aktion von Swissgrid war gut gemeint und sehr in unserem Sinne, aber – wie sich jetzt herausstellt – letztlich nutzlos und für die Region frustrierend.

Ist die Verkabelung der geplanten Hochspannungsleitung Niederwil-Obfelden jetzt endgültig vom Tisch?

Für den VSLR nicht. Wir haben an unserer Sitzung vom Dienstag beschlossen, weiter für eine verträglichere Leitungsvariante unter Boden zu kämpfen und hoffen, dass die Region erneut geschlossen mit im Boot ist.

Sieht der VSLR wenigstens ein gutes Haar am aktuellen Projekt oder ist es in Ihren Augen ganz unbrauchbar?

Unbrauchbar ist vielleicht der falsche Ausdruck und überspitzt. Unserer Einschätzung nach ist diese Variante einfach ein fauler Kompromiss – man hat überall ein bisschen geschraubt, ist mit der Leitungsführung etwas vom bewohnten Gebiet abgerückt, hat den Naturfreunden etwas gegeben und will mit der Verkabelung an der Reuss etwas für das Vogelschutzgebiet tun. Das Problem «Landschaftsverschandelung» ist damit nicht vom Tisch. Im Gegenteil: Mit der hohen Waldüberspannung und den geplanten zwei grossen Übergangsbauwerken im Raum Rottenschwil und bei Jonen wird sie noch verschärft. Dazu kommt, dass die vorgesehene Leitungsführung weiter einige Liegenschaften und auch das Wohngebiet von Staffeln tangiert.

Stichwort Wald: An der Präsentation ist aufgezeigt worden, dass eine ­Verkabelung im Waldgebiet unmöglich wäre?

Das wurde so kommuniziert, ja. Doch es gibt auch andere Varianten. Man könnte das Waldgebiet beispielsweise unterirdisch durchstossen, Stichwort «Microtunneling», statt Schneisen zu schlagen und im Tagebau zu verkabeln. Und es gibt, im Goms im Wallis, auch schlechte Beispiele von bis zu 100 Meter breiten und mehrere Kilometer langen Schneisen, die man für Freileitungen durch den Wald geschlagen hat. Folgerung: Für Freileitungen darf man also Schneisen im Wald schlagen, für Verkabelungen nicht?

Ein Argument gegen eine Verkabelung sind die hohen Kosten, die sich gegenüber einer Freileitung auf übers Doppelte belaufen sollen.

Pauschale, grobe Schätzungen dafür genügen nicht. Wir verlangen dazu einen transparenten Kostenvergleich aufgrund von konkreten Projekten. Aber klar ist, dass höhere Leitungskosten letztlich von den Konsumenten bezahlt werden müssen. Das heisst, bei einer Erdverkabelung wird der Strom teurer. Auch wenn eine Erdverkabelung tatsächlich doppelt so teuer wird wie eine Freileitung, schlägt sich das auf den Strompreis kaum nieder. Der Kostenanteil der Höchstspannungsleitungen am Endpreis beläuft sich auf lediglich 4%. Wir reden also letztlich von einem Anteil von 0,5 bis 1 Rappen pro Kilowatt. Ich denke, das ist für die Stromkonsumenten verkraftbar, wenn dafür Landschaften ungestört erhalten werden können.

Welche Haltung nimmt der Kanton Aargau in der Varianten-Frage ein?

Der Kantonsvertreter hat an der Präsentation klar gesagt, dass der Kanton bei seiner ab­schliessenden Beurteilung die Meinung der betroffenen Region entsprechend gewichten und in seine Vernehmlassung einfliessen lassen wird. Somit ist es doppelt wichtig, dass sich unsere Region vereint und mit starker Stimme für ein ­besseres, zukunftsgerichtetes Leitungs­projekt einsetzt.

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