Jubiläumsfest

Umfahrung Bremgarten: 60 Jahre geplant, in 65 Monaten war sie gebaut

Vor 25 Jahren, am 18. Oktober 1994, ist die Umfahrung Bremgarten eröffnet worden. Bis zum Spatenstich vom 9. Juni 1989 waren im Städtchen während rund 60 Jahren zahlreiche Varianten zur Verkehrsentlastung der Altstadt geprüft worden. Aus Anlass des Jubiläums organisiert die Stadt zusammen mit Aargau Verkehr vom 6. bis 8. September ein grosses Fest in Bremgarten-West.

Hansruedi Lüscher (†2016) war Bauingenieur von Beruf und von 1982 bis 1986 Stadtrat in Bremgarten. Schon vor seiner Zeit in der Behörde hat er sich mit grossem Engagement für die Verkehrsentlastung der Altstadt und eine Umfahrung starkgemacht. Lüscher wurde denn auch bei der Eröffnung des Jahrhundertwerks, am 18. Oktober 1994, da und dort als «Vater der Umfahrung» bezeichnet.

Lüscher war sicher die treibende Kraft hinter diesem Projekt, doch es hat viele Väter. Immerhin sind von der ersten Idee bis zum ausführungsreifen Projekt rund 60 Jahre vergangen. Wie viele Varianten in dieser Zeit diskutiert und wieder verworfen worden sind und warum sich Kanton und Stadt schliesslich auf die heutige Lösung geeinigt haben, hat aber wiederum Lüscher minutiös aufgelistet. Er war, zusammen mit Richard Widmer, für die Redaktion der offiziellen Broschüre verantwortlich, die 1994 zur Eröffnung herausgegeben worden ist.

Erste Anläufe in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts

Schon in den 1930er-Jahren hätten sich die Bremgarter erste Gedanken für eine Verkehrssanierung gemacht und Ideen dafür entwickelt. Lüscher vermutet in seinen Ausführungen allerdings, das könnte in der damaligen Wirtschaftsflaute auch einen Zusammenhang mit Arbeitsbeschaffungsmassnahmen gehabt haben. Nach dem 2. Weltkrieg wurde eine Idee geboren, die man über Jahre weiterverfolgt hat. Der Verkehr sollte aus der Altstadt verbannt und über eine neue Reussbrücke geführt werden, die parallel zum Viadukt der Bremgarten-Dietikon-Bahn gebaut würde. Angedacht war weiter eine Untertunnelung des Obertorplatzes. Diese Variante setzte sich in den Köpfen fest und wurde immer wieder auf den Tisch gebracht, zuletzt 1980 als sogenannte «Kernvariante tief». Gescheitert sei diese mögliche Lösung an den kaum lösbaren Anschlussproblemen für Zugerstrasse und Altstadt, schreibt Lüscher in seinem Rückblick.

Im Kantonalen Strassenprojekt von 1970 hatten die Planer gar eine «wahre Symphonie von Brücken» (Zitat: Hansruedi Lüscher) für eine Verkehrslösung von Bremgarten West zum Obertorplatz vorgesehen. Das Projekt beinhaltete eine 550 m lange Eisenbahnbrücke vom Bahnhof West bis zum Obertor, eine 440 m lange Verbindungsstrasse für die gleiche Strecke sowie zwei 140 m lange Rampen als Auf- und Abfahrten.

In das nachfolgende Hin und Her im Städtchen hat sich schliesslich der Aargauer Kantonsingenieur eingeschaltet und ein Machtwort gesprochen. Der Kanton werde für eine Verkehrsentlastung von Bremgarten erst dann wieder einen Finger rühren, wenn man sich vor Ort darüber einig sei, was man überhaupt wolle.

Fünf verschiedene Tangenten, und zwei Umfahrungsvarianten

Ja, was wollten die Bremgarter überhaupt? Zur Diskussion standen im Laufe der Jahre nicht nur eine Kerntangente Stadtrat, eine Kerntangente tief, eine Kerntangente Josef Oswald, eine Kerntangente Faes+Stierli und eine Kerntangente Tino Comolli.

Es gab auch die Variante «Umfahrung Hansruedi Lüscher». Er wollte die Strasse bei der Kurve oberhalb des Kieswerks Comolli in einer grossen Linkskurve zum linken Reussufer führen. Von da aus sollte sie über eine Stelzenbrücke bis zum Waldrand gehen, nördlich der Kläranlage den Kesselwald durchqueren, schliesslich über die Reuss führen, die Badenerstrasse unterqueren und am Ende der Bibenloskurve schliesslich die Mutschellenstrasse erreichen.

Und es gab schliesslich die vom Kanton vorgeschlagene Nordumfahrung. Diese hätte ab der Galgenhaukurve zur Fischbacherstrasse hinunter geführt und diese unterquert. Im weiteren Verlauf wäre auf dieser Umfahrung der Eichwald bis zur Reuss durchquert worden. Nach dem Flussübergang hätte sie in einem grossen Bogen durch die Ebene unterhalb von Eggenwil geführt, wäre dann unterhalb des Restaurants Frohburg in die Badenerstrasse gemündet.

Nach den Wahlen von 1981 war der Stadtrat endlich auf Kurs

Im Herbst 1980 wussten die Bremgarter endlich, was sie wollten. Zumindest die Planungskommission, die im September ihre Arbeit aufgenommen und innerhalb von sieben Wochen dem Stadtrat eine modifizierte Variante Lüscher abgeliefert hatte. Der Stadtrat, der an «seiner» Kerntangente festhielt, leitete den Vorschlag kommentarlos dem Kanton weiter.
Es folgten unzählige Besprechungen, in die Regierungsrat, Stadtrat, Militär- und Waffenplatzkommando, Verkehrsplaner, Forst- und Landwirtschaftsbehörden, Raumplanung, Natur- und Heimatschutz, Stiftung Reusstal sowie der Bund für Naturschutz involviert waren. Der Stadtrat schlug weiterhin quer und präsentierte noch im Juni 1981 an der Gemeindeversammlung eine Vorlage für den Ausbau des Knotens Bibenlos – ohne Umfahrung. Im Herbst 1981 folgten schliesslich turbulente Stadtratswahlen mit zehn Kandierenden für die fünf Sitze. Die Lösung der Verkehrsprobleme wurde im Wahlkampf zum Hauptthema. Am Ende wurden mit Hansruedi Lüscher und Hanny Evangelatos zwei Umfahrungs-Befürworter neu in den Stadtrat gewählt.

Es war aber schon ein paar Monate früher vorwärtsgegangen. Im August 1981 hatte sich der Kanton entschlossen, ein generelles Umfahrungsprojekt ausarbeiten zu lassen, und übernahm damit die Federführung zur Lösung der Bremgarter Verkehrsprobleme. Eines stellte er dabei allerdings von Anfang an klar: Es gibt nach dem Bau einer Umfahrung keinen motorisierten Verkehr mehr über die Holzbrücke. Wegen dieser Auflage haben sich in der Folge noch einige Bremgarter in die Lippen gebissen.

Gemeindeversammlung mit sehr hoher Beteiligung

Im Dezember 1981 bewilligte der Souverän einen Planungskredit. Bereits ein halbes Jahr später konnte ein Umfahrungsprojekt vorgestellt werden, das am 18. November 1982 von der Gemeindeversammlung gutgeheissen wurde. Es war eine denkwürdige Veranstaltung: 870 Stimmberechtigte waren ins Casino gekommen, zu den einzelnen Projekt-Abschnitten (Umfahrung, Spange Oberebene, Verkehrskonzept Altstadt) gab es Mehrheiten von jeweils über 800 Stimmen. Damit war auch ein allfälliges Referendum vom Tisch, die für endgültige Beschlüsse nötige Stimmenzahl von 557 (20% aller Stimmberechtigten) war weit überschritten worden.

Auch im Grossen Rat fand sich am 3. Juli 1984 mit 122 Ja zu 4 Nein eine klare Mehrheit für die Bremgarter Umfahrung. Zwei Jahre später wurde das Projekt öffentlich aufgelegt und weil sich die Einsprachen in Grenzen hielten, konnte bereits drei Jahre später, am Freitag, 9. Juni 1989, der Spatenstich gefeiert werden.

65 Monate hat die Realisierung gedauert. Die Kosten sind von der Projekt-Genehmigung bis zur Eröffnung vom 18. Oktober 1994 von 43,2 Mio. Franken auf letztlich rund 81 Mio. Franken angewachsen. Ausschlaggebend war dafür vor allem die in jener Zeit galoppierende Teuerung. Sie machte allein knapp 20 Mio. Franken der Mehrkosten aus. Die Stadt Bremgarten wurde für das grosse Werk mit 11,5 Millionen zur Kasse gebeten, der Kanton Aargau zahlte rund 54 Millionen und der Bund beteiligte sich mit 15,5 Mio. Franken am Projekt.

Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

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