Uezwil
Neues Buch des Ehepaars Lang: Von eingedampften Lebensgeschichten und ganzen Ländern in Nahaufnahme

Ana und Alois Lang aus Uezwil haben in ihrem Leben viele Geschichten gehört, erlebt, aufgeschrieben und fotografiert. In ihrem neuen gemeinsamen Buch «Anderswie» haben die Autorin und der Fotograf verschiedene dieser Geschichten zusammengetragen. Es geht um Leute, Situationen, Momente, die einfach irgendwie anders sind.

Andrea Weibel
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Das Ehepaar Alois (82) und Ana (75) Lang hat zusammen das neue Buch «Anderswie» mit Geschichten und Fotos veröffentlicht.

Das Ehepaar Alois (82) und Ana (75) Lang hat zusammen das neue Buch «Anderswie» mit Geschichten und Fotos veröffentlicht.

Valentin Hehli

Das Kleine, Unscheinbare am Wegrand hat sie schon immer fasziniert. Die ausgebildete Kindergärtnerin und der ehemalige Lehrer spazieren seit Jahren auf den immer selben Wegen, so erkennen sie auch kleine Unterschiede in der Natur oder im Dorf Uezwil, wo sie seit über 40 Jahren wohnen.

In all der Zeit sind sehr viele Geschichten und Fotografien zusammengekommen. Einige davon haben es bereits in Bücher und Zeitschriften geschafft. Andere warten noch darauf.

«Im Winter 2020 haben Alois und ich festgestellt, dass wir beide viel Material angesammelt haben, das wir gerne veröffentlichen würden», erinnert sich die 75-jährige Autorin Ana Lang. «Wir überlegen auch immer mehr, was einmal aus all dem Material werden soll, wir werden ja nicht jünger.» Alois Lang ist 82 Jahre alt. Doch die Geschichten und Bilder, die die beiden für ihr neuestes Werk «Anderswie» zusammengetragen haben, sind zeitlos.

«Ich habe Geschichten zusammengedampft, eingekocht»

«Ich bin als Einzelkind aufgewachsen und habe damals viele Geschichten gehört, die nicht für Kinderohren bestimmt gewesen wären», erinnert sich Ana Lang. In ihren früheren Werken hat sie entweder kurze Gedichte veröffentlicht oder ganze Romane, darunter auch einen über Uezwil.

«Nun habe ich die Geschichten zusammengedampft, eingekocht. Nur so entsteht Konfi, sonst bleibt es Sirup», beschreibt sie lachend. Es sind Ausschnitte und Einblicke in die Leben unterschiedlichster Menschen.

Einige Geschichten hat sie selbst erlebt. «Die Mutter, die beim Vorlesen kurz einnickt – das war ich. Erst viel später habe ich gemerkt, dass die kurzen Pausen gar nicht schlimm waren, sondern vielleicht sogar die Fantasie der Kinder angeregt haben», erzählt sie und lächelt.

Andere Geschichten hat sie gehört, wie jene von Godi, der öfter in der Beiz verhockte und dessen Frau sich nicht anders zu helfen wusste, als das Jüngste im Kinderwagen in den Eingang zu stellen. Wenn es zu schreien begann, blieb Godi nichts anderes übrig, als es unter Gelächter seiner Kumpane nach Hause zu bringen. «Diese Geschichte über meinen Onkel ist mir oft erzählt worden.»

Leseprobe aus «Anderswie» von Ana Lang

Geschichten zur Nacht

Jeden Abend setzte sie sich zu den Kindern aufs Sofa, das abgewetzt und durchgeritten war, in seinem Rot an Pegasus erinnerte und die Kinder an Wortworte, in erdachte Welten trug. Während sich zuvor die Buben noch in den Haaren gelegen und die Mädchen sich mit ihren Sticheleien bis aufs Blut geplagt hatten, warteten sie nun alle mit Ungeduld auf das Geschichtenbuch. Bevor die Mutter vorzulesen begann, liess sie sich erzählen, was die Kinder noch wussten vom vorigen Mal. Dann erst schlug sie das Buch auf und blätterte zur Seite, wo das Buchzeichen eingelegt war, sass ruhig atmend da, räusperte sich. Mutters Stimme trug die Kinder fort in Wälder, auf Berge, ans Meer. Sie zog das Tempo an, wurde bei gewissen Stellen leiser, hielt inne und blickte die Kinder an. Die rückten näher an die Mutter heran und wagten kaum zu atmen. War die Mutter sehr müde, konnte es geschehen, dass sie für Momente einen Aussetzer hatte. Möglich, dass dieses Verstummen die spannendste Zeit gewesen war. Die kleinen Zuhörer füllten selbst die leere Stelle aus und waren umso überraschter, wenn Mutters Fortsetzung eine ganz andere als ihre erdachte war.

Aber auch ausgedachte Geschichten, beispielsweise jene über eine verstorbene junge Tänzerin, deren Mutter am Totenbett weint, sind im Buch zu finden. Zu dieser hat ein Bild des norwegischen Malers Edvard Munch die Uezwiler Autorin inspiriert. Auch jene traurige Frau gehört zur Auswahl, die nach dem Tod ihres Mannes in seinen Unterlagen die Liebesbriefe einer Fremden entdeckt.

Auf dem Buchrücken wird es passend zusammengefasst: Es sind «Momentaufnahmen, skizzenhaft auf Wesenszüge von Randständigen, Einsamen, Suchenden, Getriebenen konzentriert».

Details in Schwarz-Weiss, die die Fantasie anregen

Die schwarz-weissen Bilder von Alois Lang sind schwieriger zu deuten. Er mag Grundformen der Natur, Strukturen, Abstraktes. Im Gespräch verrät er: Was aussieht wie elektrische Drähte, sind Seilinstallationen im Steinbruch-Museum auf Menorca.

Das Frontbild, in dem man ein ganzes Dorf in einer Wüstenlandschaft entdecken könnte, ist eine Nahaufnahme in einem Salzgarten auf Lanzarote. Und die spannende Felshöhle ist in Wirklichkeit die Nahaufnahme eines von Würmern zerfressenen Stückes Holz, das auf dem Kaminsims der Familie Lang steht.

«Anderswie» von Ana und Alois Lang, 157 Seiten, 26.90 Franken, ISBN: 978-3-7534-4320-1

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