Herr Blocher, Sie beschäftigen in Dottikon 490 Mitarbeitende und rekrutieren auch aus dem Ausland. Haben Sie vor einem Jahr gegen die von Ihrem Vater mitinitiierte Masseneinwanderungsinitiative gestimmt?

Markus Blocher: Nein. Über Fachkräftemangel beklagen sich ja vor allem Grossunternehmen. Und das liegt daran, dass diese primär Leute einstellen wollen, die für die ausgeschriebenen Stellen schon langjährige Berufserfahrung mitbringen. Wenn man bereit ist, Zeit in die Leute zu investieren, findet man auch genügend Fachkräfte.

Sie rekrutieren also hauptsächlich direkt an den Universitäten?

Ja, wir stellen viele Uni- und Fachhochschulabgänger ein, wobei wir uns auf den deutschsprachigen Raum beschränken. Wer in Dottikon arbeitet, muss Deutsch sprechen können, damit es bei der Dokumentation und Reproduktion von chemischen Prozessen keine Missverständnisse gibt. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern stelle ich die Dottikon ES einmal jährlich den Universitäten in der näheren Umgebung vor, zum Beispiel auch in Konstanz. Interessierte laden wir dann zu Workshops ein.

Falls die Schweiz die Zuwanderung aus der EU kontingentiert, wird die Anwerbung von deutschen Studenten komplizierter.

Vor der Personenfreizügigkeit hat das auch funktioniert. Ich bin sicher, dass man eine Lösung finden wird.

Bei den Chemikern ist die Situation vielleicht auch nicht so dramatisch?

Das stimmt schon. Unter anderem, weil viele Grossunternehmen die Forschung heruntergefahren haben und an die Honigtöpfe der staatlich subventionierten Hochschulforschung drängen. In anderen Bereichen, bei Ingenieuren etwa, herrscht durchaus Fachkräftemangel. Aber da müssten halt auch die Unternehmen aktiver werden. Es fängt ganz vorne an. Man muss den jungen Leuten zeigen: Wenn du diesen Weg einschlägst, dann kannst du später mal dies oder jenes machen. Wenn man ihnen die Möglichkeiten nicht aufzeigt, dann studieren halt alle Wirtschaft oder Jus.

An Hochqualifizierten mangelt es Ihnen also nicht. Wie ist die Situation bei den Lernenden?

Die grosse Mehrheit unserer Mitarbeitenden hat eine solide Berufsausbildung gemacht, eventuell kombiniert mit Weiterbildungen. Genügend qualifizierte Lernende zu finden, ist aber in der Tat schwieriger geworden.

Wie lässt sich dem entgegenwirken?

Seit zwei Jahren organisieren wir für die Schulklassen aus der Umgebung Führungen durch den Betrieb. Wie schon gesagt: Man muss das Interesse für die Industrie so früh wie möglich wecken, auch wenn es natürlich Grenzen gibt. Wir hatten schon die Kindergärtler von nebenan hier. Mit denen sind wir dann auch in unseren Hirschpark gegangen.

Vom Nachwuchs zu den älteren Arbeitskräften: Da liegt ja auch viel Potenzial brach.

Zweifellos. Wir versuchen uns vom Trend in der Industrie abzuheben und vermehrt auch Quereinsteiger einzustellen. Vor einem Jahr haben wir einen ersten Ausbildungspool gestartet mit Mitarbeitenden, die in ihren angestammten Berufen keine Zukunftsperspektive mehr haben. Das kann etwa ein Bäcker sein oder jemand aus der Druckereibranche. Hier in Dottikon werden sie zum Beispiel vormittags zu Chemie-Pharma-Technologen ausgebildet, während sie am Nachmittag ganz normal im Betrieb arbeiten. Man muss den Leuten eine Perspektive aufzeigen, sonst stranden sie und die Gesellschaft muss bezahlen.

Das tönt sehr harmonisch. Aber Sie kämpfen mit Ihrer Firma um die Rückkehr in die Gewinnzone und können sicher nicht unbeschränkt Leute umschulen.

Klar, das kostet. Aber es schaut später auch etwas dabei raus, weil wir die Leute sehr sorgfältig auswählen. Entscheidend ist für mich die Leistungsbereitschaft. Das für den Job nötige Wissen kann man sich aneignen.

Dass es im Inland ungenutztes Potenzial gibt, ist unbestritten. Verstehen Sie trotzdem Unternehmer, die vor dem Ende der Personenfreizügigkeit Angst haben, zumal damit die bilateralen Verträge als Ganzes gefährdet sind?

Bisher konnte mir noch niemand aufzeigen, weshalb die Bilateralen unverzichtbar sein sollen. Und zur Personenfreizügigkeit: Man muss die Relationen wahren. Profitiert hat ja vor allem die Finanzbranche. Und die wandert jetzt sowieso langsam wieder ab, was vielleicht gar nicht so schlecht ist.

Die Personenfreizügigkeit steht auch für eine offenere Schweiz.

Eine solche Schweiz halte ich nicht für erstrebenswert. Wir gleichen uns dem Ausland immer mehr an und verlieren damit unsere Wettbewerbsvorteile.

Ein konkretes Beispiel?

Nehmen Sie die EU-Chemikalienverordnung Reach. Die Schweizer Gesetzgebung soll an diese angepasst werden, obwohl sie besser und weniger bürokratisch ist.

Wer ist dafür verantwortlich?

Politiker sind zugänglich für die Lobbyisten der grossen, international tätigen Konzerne. Und die wiederum haben ein Interesse daran, dass überall die gleichen Regeln gelten. Für die KMU hingegen bedeutet die Gesetzesänderung nur Mehraufwand.

Zeit also, selber in die Politik zu gehen?

Das will ich mir nicht antun. Ich engagiere mich lieber für unternehmerische Wertschöpfung, durch Ausbildung und Besetzung von qualifizierten Arbeitsplätzen mit engagierten Personen. Politiker verbringen zu viel Zeit mit Sitzungen über Belangloses zwecks Selbstdarstellung.

Das tönt alles nicht sehr optimistisch für die Zukunft dieses Landes.

Noch sind wir in vielen Bereichen besser als das Ausland. Aber der Abstand wird kleiner.