Knoten Mutschellen
Tunnelplan schon vor 30 Jahren: «Die Weitsicht hat damals gefehlt»

Josef Beeler (88) wollte die Bahn auf dem Mutschellen schon vor 30 Jahren unter die Erde führen.

Toni Widmer
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Baubeginn für die Umgestaltung der Bahnhofanlage Berikon-Widen auf dem Mutschellen im Jahr 1992. Fotos: Fritz Winterberger / Buch Bremgarten-Dietikon-Bahn

Baubeginn für die Umgestaltung der Bahnhofanlage Berikon-Widen auf dem Mutschellen im Jahr 1992. Fotos: Fritz Winterberger / Buch Bremgarten-Dietikon-Bahn

zvg

Der Kanton Aargau will auf dem Knoten Mutschellen Bahn und Individualverkehr entflechten. Es würden Varianten geprüft, wie Strasse oder Bahngleise tiefergelegt werden könnten, erklärte Kantonsingenieur Rolf H. Meier diese Woche bei der Bekanntgabe der kantonalen Beschwerde gegen den Einbau von Barrieren. Das Projekt werde forciert, der Realisierungshorizont liege bei 10 bis 15 Jahren, sagte Meier weiter.

Idee keineswegs neu

Bahn und Individualverkehr auf dem Mutschellen zu trennen, ist kein neues Anliegen. Wäre Josef Beeler – von 1970 bis 1993 Chef der Sektion öffentlicher Verkehr im Baudepartement – mit seiner Idee in den 80er-Jahren auf Zustimmung gestossen, würde die Bahn den Knoten wohl schon längst in einem Tunnel unterqueren.

«Wir haben damals vom renommierten Zürcher Verkehrsplaner Professor Heinrich Brändli ein Konzept für die Modernisierung der Bremgarten-Dietikon-Bahn erarbeiten lassen», erzählt Josef Beeler. Ziel sei es gewesen, mit verschiedenen Massnahmen die Bahn zu optimieren: «Das Trassee verlief damals noch teilweise auf der Strasse, es gab wenige Haltestellen, und jene, die es gab, waren am falschen Ort.»

Bau der BD-Doppelspur Mutschellen bis Rudolfstetten Hofacker, 1994.

Bau der BD-Doppelspur Mutschellen bis Rudolfstetten Hofacker, 1994.

Vieles vom damaligen Konzept ist inzwischen umgesetzt. Die Haltestelle Heinrüti-Rank wurde aus dem «Niemandsland» in das bewohnte Gebiet verlegt, die Haltestellen Bibenlos, Hammergut und Rudolfstetten Hofacker neu geschaffen. Daneben wurde mit dem Doppelspurausbau die Basis für den heutigen Viertelstundentakt gelegt. «Wie man heute unschwer feststellen kann, hat sich das Konzept Brändli bestens bewährt. Die Bahn ist deutlich näher bei den Leuten als früher. Und wie die hohen Frequenzen belegen, wird das von den Leuten auch geschätzt», sagt Josef Beeler.

Projekt Mutschellen verworfen

«Ein wichtiger Projektabschnitt war die Mutscheller Passhöhe», erklärt der ehemalige Sektionschef weiter: «In diesem Bereich war eine längere Doppelspur nötig, um die Vorgaben des Taktfahrplans einhalten zu können. Weil die Kreuzung schon damals verkehrsmässig stark belastet war, brachten wir im Vorprojekt die Idee einer Tieferlegung der Bahn ein. Doch schon im Verwaltungsrat, in dem ich als Vertreter des Kantons Einsitz hatte, stiessen diese Pläne alles andere denn auf Begeisterung», erinnert sich Josef Beeler.

Man habe mit dem skizzierten Vorprojekt von Untertunnelung und unterirdischem Bahnhof schliesslich auch die Gemeinden konfrontiert und sei dort ebenfalls auf Ablehnung gestossen: «Man hat uns damals praktisch für verrückt erklärt», kann der 88-Jährige heute darüber schmunzeln. Neben dem Argument der hohen Kosten seien vor allem auch Sicherheitsbedenken geäussert worden: «Man hatte Angst vor Belästigungen oder gar Überfällen in einem unterirdischen Bahnhof.»

Der Kanton, sagt Josef Beeler, habe die Idee aufgrund des sich abzeichnenden starken Widerstands schliesslich nicht weiterverfolgt. Die Entwicklung zeige jedoch, dass man seinerzeit im Baudepartement keineswegs utopisch, sondern weitsichtig geplant habe: «Damals war der Mutschellen noch nicht so überbaut wie heute, eine Untertunnelung hätte sich vergleichsweise einfach und günstig realisieren lassen.» Für ihn, hält Beeler fest, sei das heutige Problem Mutschellen-Kreuzung deshalb ein Musterbeispiel von fehlender Weitsicht in früheren Jahren: «Die Tieferlegung kommt doch noch, aber sie wird ein Vielfaches kosten.»

Er hat die Sektion aufgebaut

Josef Beeler war der erste Chef der neu geschaffenen Sektion Verkehr im Aargauer Baudepartement. «Die Sektion wurde aufgebaut, weil der öffentliche Verkehr immer wichtiger geworden ist», erklärt der 88-Jährige. Beeler ist in Mellingen aufgewachsen, hat bei den SBB die Ausbildung gemacht und auch lange dort gearbeitet. Vorerst im Aargau, dann in Zürich: «In Zürich war ich bei der Zugleitung tätig und habe dann die ausgeschriebene Stelle beim Aargauer Baudepartement entdeckt. Das hat mich interessiert und ich wurde angestellt, vorerst als Adjunkt, später wurde ich Leiter der Sektion.» An Arbeit habe es nicht gemangelt, blickt Beeler zurück: «Meine erste Aufgabe war es, die Busversorgung im Suhrental aufzubauen, nachdem das Projekt einer durchgehenden Bahnlinie Aarau-Sursee gescheitert war. Josef Beeler hat lange Zeit in Unterentfelden gelebt. Heute wohnt er in Wattwil, wo auch sein Sohn mit seiner Familie und seine Enkel leben. (to)