Kunstrasen

Tschutten auf Plastik erregt per se noch keinen Krebs – das Problem heisst Plastikgranulat

Auf den Platten neben dem Kunstrasenfeld der Wohler Niedermattenanlage kann man sehen, was Kritiker an verfüllten Kunstrasen stört das Plastikgranulat.

Auf den Platten neben dem Kunstrasenfeld der Wohler Niedermattenanlage kann man sehen, was Kritiker an verfüllten Kunstrasen stört das Plastikgranulat.

Kunstrasen erobern zunehmend die Stadien und Plätze der Fussballschweiz. Auch im Freiamt sät man nicht mehr an, sondern man verlegt grüne Halme aus Plastik. Bevor man das aber tut, sollte man sich gut informieren.

Gerade erst in Bern angekommen, genügte den Helden von Juventus Turin am 12. Dezember im Stade de Suisse ein kurzer Blick aufs Feld, und die Juve-Kicker zogen sich zufrieden in ihr Quartier zurück. Offensichtlich hatte sie der Kunstrasen, auf dem sie am Abend ihre 2:1-Niederlage gegen Heimmannschaft YB kassieren sollten, überzeugt. Sie verzichteten jedenfalls auf das angebotene Extra-Training auf dem Berner Plastikgrün. «Die sahen sofort, dass das ein moderner, gut unterhaltener Platz war, wie sie ihn auch von anderen Stadien in Europa her kennen», sagt Georg Nafzger, Betriebsleiter des Sportzentrums Burkertsmatt in Widen.

«Zum Fussballspielen ist ein Naturrasen sicher schön», meint er, «aber schlussendlich entscheidet der Kopf oder die persönliche Einstellung, ob und wie man auf einem Kunstrasen spielt.» Womit er auch gleich klargemacht hätte, dass weder Sieg noch Niederlage nur dem Spielfeld zuzuschreiben sind. 

Die Burkertsmatt verfügt seit acht Jahren über einen Kunstrasen in der vorgegebenen 1.-Liga-Matchgrösse von 100 auf 64 Meter. Er liegt gleich neben dem Hauptfeld in derselben Grösse, das aus Naturrasen besteht. 

Vorwurf: Umweltverschmutzung 

Dass man auf einem Fussballrasen aus Plastik durchaus gewinnen kann, ist hinlänglich bewiesen. Ob er darüber hinaus ein Gewinn ist, da gehen die Meinungen seit einigen Jahren auseinander. «Kunstrasen sind eine Umweltsünde» titelte Anfang Dezember eine grosse Schweizer Boulevardzeitung, und noch schlimmer: «Für die Umwelt sind Kunstrasen eine Katastrophe. Denn Kunstrasenfelder gehören zu den schlimmsten Mikroplastikverursachern überhaupt.» Angesichts der Tatsache, dass im Freiamt schon zwei solcher Felder stehen, eins in Widen und eins in Wohlen, und dass in Villmergen und Muri zwei weitere folgen, stellt sich, angesichts obiger Vorwürfe, die Frage, aus welchen Gründen sich Fussballvereine und Gemeinden für eine solche Plastiklösung entscheiden. 

In Villmergen hat die Winter-Gemeindeversammlung Ja gesagt zu einer umfassenden Sanierung der Sportanlage Badmatte für knapp fünf Millionen Franken. Damit wurde auch dem Bau eines Kunstrasens von 100 × 64 Metern als Ergänzung zum Naturrasenplatz in gleicher Grösse zugestimmt. Kostenpunkt für den Bau des Kunstrasens: rund 1,5 Mio. Franken. 

Naturrasen rettet Festwiese 

«Der Entscheid war letztlich ein politischer», sagt Gemeinderat Renato Sanvido, der als Präsident des Projektteams «Sanierung & Ausbau Sportanlage Badmatte» fungierte. Die Sanierung hatte man zugunsten des Schulhausneubaus Mühlematten vor sieben Jahren verschoben. «Mittlerweile war der Rasen des Hauptplatzes so schlecht geworden, dass er nicht mehr zu retten war», so Sanvido. Eine Machbarkeitsstudie zeigte klar auf, dass man mit der Kombination von Natur- und Kunstrasenplatz plus einem separaten Trainingsplatz aus Naturrasen für alle Eventualitäten und die gestiegenen Anforderungen des Fussballclubs am besten gerüstet war.

«Mit zwei grossen Naturrasenfeldern hätten wir ausserdem unsere Festwiese opfern müssen. Dann hätten wir künftig keine Grossveranstaltungen, wie zum Beispiel das Jugendfest, mehr durchführen können», erklärt der Gemeinderat, der auf die Frage nach der Umweltverträglichkeit des Kunstrasens eine klare Antwort parat hat: «Die einzige, ökologisch korrekte Lösung wäre, überhaupt nicht zu tschutten.» 

Auch Naturrasen ist nicht «öko» 

Tatsächlich macht man weder in Widen noch in Wohlen, Muri oder Villmergen einen Hehl daraus, dass ein Naturrasen keine reine Ökofläche ist. «Um einen Naturrasen bespielbar zu halten, gibt es einen vorgeschriebenen Unterhaltsplan», erzählt Georg Nafzger von der Burkertsmatt. «Ich habe mal gelesen, dass eine Hektare Naturrasen gleich viel Sauerstoff produziere wie eine Hektare Wald. Aber den Rasen muss man regelmässig mähen. Das macht keiner von Hand. Ausserdem muss er bewässert werden, und er braucht Dünger. Weil man aber keinen Klee und auch sonst kein Unkraut oder Pilze darin haben will, muss man dagegen Gift spritzen.» Dasselbe gilt für unerwünschte Insekten im Gras. 

Neben den wenig ökologischen und im Vergleich zu Kunstrasen auch aufwendigeren Unterhaltsarbeiten führte in allen vier Gemeinden eine weitere Überlegung zum Entscheid für ein Fussballfeld aus Plastik: Es wird dadurch weniger Auto gefahren. Da ein gut gepflegter Kunstrasen bei jedem Wetter bespielbar ist, müssen weniger Trainings und Spiele verschoben oder ausgelagert werden. «Man sollte einmal zusammenrechnen, wie viele Autokilometer Woche für Woche verfahren werden, um Junioren in ein Training auswärts zu chauffieren, weil es auf dem Heimplatz nicht geht. Dasselbe während der Saison, wenn die Heimplätze für einen Match nicht zur Verfügung stehen», gibt Renato Sanvido zu bedenken.

Auch Muris Gemeinderat Beat Küng, der sich als Ressortleiter Sportanlagen vor der Abstimmung über den Kunstrasen in der Bachmatten-Anlage sehr wohl über die Vor- und Nachteile informiert hatte, musste nach dem «Blick»-Artikel im Dezember doch zwei oder drei kritische Fragen beantworten. Dabei spielten die oben erwähnten Argumente ebenso eine Rolle wie diese Rechnung: «Um gleich viele Nutzungsstunden für FC und Schulbetrieb wie auf einem Kunstrasenfeld zu ermöglichen, bräuchte es zwei bis drei Naturrasenfelder. Mit entsprechenden Kosten, Umweltfolgen und Platz, welcher der Natur und Nahrungsproduktion entzogen wird.» 

Problem heisst Plastikgranulat 

In Muri hat man sich, wie in den drei anderen Gemeinden, für einen «verfüllten» Kunstrasen entschieden. Ein Produkt, bei dem der Raum zwischen den Kunstgrashalmen von unten her mit Quarzsand und Plastikgranulat aufgefüllt wird. Dieses Füllmaterial kann in die Umwelt gelangen. Durch entsprechende bauliche und betriebliche Massnahmen, wie sie in Muri vorgesehen sind, kann dieser Mikroplastikaustrag allerdings minimiert werden. Dennoch sind es, gemäss Georg Nafzger, zwischen drei und fünf Tonnen Granulat, die man auf so einem Normplatz, trotz Wiederverwertung, jedes Jahr ersetzen muss.

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