«Vor denen musst du aufpassen, das sind Drögeler!» Wie viele Mütter haben das wohl in den letzten Jahrzehnten ihren Kindern ins Ohr geflüstert, wenn sie an den Leuten vorbeigingen, die auf den Bänkli unter den Bäumen sassen, direkt zwischen Bahnhof und Post? «Das sind Obdachlose. Pass auf, dass sie dich nicht bestehlen!»

Es gibt vermutlich kaum jemanden aus Wohlen, der keine Meinung zum «Pärkli» und den Leuten hat, die sich da tagein tagaus getroffen haben. Diese Meinung ist bei fast allen schlecht. Doch es gibt zwei Gruppen von Leuten, die die Geschichte ganz anders erzählen: Die Leute vom Pärkli und die Polizei.

Sie sind sich einig: «Diese Geschichten von den gefährlichen Drögelern und Obdachlosen, vor denen man Angst haben muss, sind ganz einfach falsch», sagen nicht nur die Pärklileute selber, sondern auch Matthias Schatzmann, Polizeichef-Stellvertreter der Regionalpolizei Wohlen (siehe nachfolgende Box). Und da das Pärkli nun endgültig weg ist – es muss dem neuen Bushof weichen –, sollen für einmal diese beiden Gruppen zu Wort kommen.

Er änderte seine Meinung

«Ich weiss noch, meine Eltern haben mir auch immer diese Schauergeschichten über die gefährlichen Leute vom Pärkli erzählt», erinnert sich der 36-jährige Robert (alle Namen geändert), der über 20 Jahre regelmässig im Pärkli verkehrte. Sandro (35), der wohl etwa gleich lang zu den Pärklileuten gehörte, ergänzt: «Als Kinder haben mein Bruder und ich dort tatsächlich Spritzen gefunden, da hatten unsere Eltern grosse Angst.»

Er selbst sei ein sehr intoleranter Jugendlicher gewesen und hätte sich nie vorstellen können, diesen «Abschaum», wie man die Pärklileute damals sah, einmal kennen zu lernen, geschweige denn zu ihnen zu gehören. Er lacht: «Ja, selbst wir hatten damals dieses Bild.» Doch dann nahm ihn ein Freund einmal auf ein Feierabendbier mit ins Pärkli. Und da änderte sich dann sein Bild komplett.

Jeder war willkommen

«Das Pärkli war eine Begegnungszone, ein Ort, an dem jeder willkommen war und jeder akzeptiert wurde, wie er war», fasst Sandro zusammen. «Es war auch absolut nicht so, dass es nur Obdachlose und Drogensüchtige dort gehabt hätte», fügt er an. «Ich war selbst einige Zeit arbeitslos, da war ich auch tagsüber dort. Aber meistens kamen die Leute so gegen 4 oder 5 Uhr nachmittags, wenn sie von ihrer normalen Arbeit kamen, zum Feierabendbier. Dort kamen Frauen und Männer jedes Alters und aller möglichen Branchen zusammen.»

Sandro selbst ist kaufmännischer Sachbearbeiter mit leitender Funktion, Robert ist Garten- und Strassenbauer. «Es gab dort vom Bänker bis zum Kehrichtsammler einfach alles. Und auch die Nationalitäten der Menschen, die sich dort getroffen haben, waren bunt durchmischt.»

Zu diesem Thema wissen die beiden viel zu erzählen. «Eine heute 67-jährige Brasilianerin war immer dort», so Sandro. «Für eine andere ältere Frau, die eine Zeit lang das Pärklimami war, hat Sandro alle paar Monate die aufgestaute Post bearbeitet. Robert und Sandro sind sich einig: «Das Pärkli war eine Familie.» Hier sassen auch häufig Asylbewerber mit in der Gruppe, auch sie fanden so Anschluss und konnten gar ihr Deutsch verbessern.

Deutsch lernen im Pärkli

Der 31-jährige Petr aus Tschechien kennt das Pärkli aus der Perspektive des Ausländers. «Ich kam vor rund zehn Jahren aufgrund meines Jobs nach Wohlen. Ich ging damals zwar in den Deutschkurs, aber ich hatte hier noch keine Freunde und kaum jemanden, bei dem ich mein Deutsch anwenden und üben konnte.»

Er sei oft mit seinem Bike auf dem Skatepark in Wohlen trainieren gegangen, dort habe ihn dann einmal ein anderer Biker mit zum Feierabendbier ins Pärkli genommen. «Ich fühlte mich von Anfang an willkommen. Und weil das Pärkli zwischen der Migrosklubschule und meiner Wohnung lag, hielt ich immer nach dem Unterricht dort an und übte meine Phrasen. ‹Mein Name ist Petr, wie heisst du?›», erinnert er sich lachend. Sandro nickt bei diesen Schilderungen: «Es stimmt, im Pärkli konntest du über alles reden. Manchmal wurden politische Themen diskutiert, manchmal redete man über private Probleme oder eben einfach über Gott und die Welt.»

«Wir hatten ganz klare Regeln»

Jeder konnte also so sein, wie er war. Doch regellos war das Pärkli überhaupt nicht, berichtet Robert. «Wir hatten ganz klare Regeln, beispielsweise sammelte einer von uns, der stets als erster da war, immer sämtliche herumliegenden Zigarettenfilter und den anderen Abfall auf. Und wenn einer aus der Gruppe etwas achtlos auf den Boden warf, wurde ihm sofort von den anderen gesagt, er solle es aufheben.» Ein solches Verhalten hätten jene Mütter, die ihren Kindern jeweils mit den Pärklileuten Angst machten, bestimmt nicht erwartet.

«Auch gab es eine Zeit, als vermehrt Ausländer dazukamen und den Frauen an den Hintern fassten. Das haben wir sofort unterbunden und ihnen gezeigt, wie man hier in der Schweiz zusammenlebt», sagt Robert weiter. Sandro ergänzt: «Sie durften natürlich im Pärkli bleiben, aber nur, wenn sie sich auch an die Regeln hielten. So lernten auch viele Asylbewerber, wie man sich hier verhält. Ich finde schon, dass das Pärkli in dieser Hinsicht auch eine wichtige soziale Komponente hatte.»

Harte Drogen nicht erlaubt

Sandro erinnert sich an eine weitere Episode: «An der alten Bahnhofstrasse sollte ein neuer Laden eröffnet werden. Da wurde eine Ladung Einrichtungsgegenstände geliefert und der Besitzer hatte niemanden, der ihm beim Tragen und Installieren helfen konnte. Also kam er ins Pärkli und stellte ein paar von uns für ein Sackgeld zum Helfen an. Es waren ja immer die verschiedensten Leute unter uns, so war damals auch ein Stromer da, der die Installationen machen konnte», erzählt er lachend.

Natürlich habe es auch ab und zu Probleme gegeben. «Aber eigentlich nie mit Aussenstehenden, sondern höchstens nach innen», sagt Robert. «Einmal hat sich einer immer wieder daneben benommen, auch nachdem wir ihn mehrfach darauf hingewiesen hatten. Da fanden wir irgendwann, dass er nicht mehr zu uns kommen dürfe. Und das setzten wir auch durch. So waren unsere Regeln.»

Auch mit Drogen habe es im Pärkli keine Probleme gegeben. «Ja, es wurde oft gekifft und auch Alkohol getrunken. Aber andere Drogen wurden bei uns nicht toleriert», verdeutlicht Robert. Und Sandro ergänzt: «Viele glaubten, im Pärkli würde man zu Drogen verführt, dabei war es im Grunde andersherum: Bei uns sassen oft Jugendliche, die manchmal prahlten, welche Drogen sie wieder genommen hätten.

Da sagten ihnen die Älteren, die von den Drogen weggekommen sind, sie sollten auf keinen Fall in diesen Scheiss hineingeraten. Und die wussten, wovon sie sprachen, das machte Eindruck.» Auch die Polizisten, die regelmässig im Pärkli vorbeikamen, behandelte man mit Respekt. «Wir kannten einander mit Vornamen», erinnert sich Sandro. «Einer kam sogar einmal an seinem letzten Arbeitstag bei der Polizei bei uns vorbei und verabschiedete sich von uns. Das fand ich wirklich schön.»

Wohin gehen sie jetzt?

Ob man vor dem Pärkli Angst hatte oder es täglich besuchte: Nun ist es weg. «Wir wissen nicht, wo und ob wir uns weiterhin treffen. Vielleicht oben bei der reformierten Kirche oder so. Am Bahnhof war es halt einfach zentral, man konnte nach der Arbeit noch rasch vorbeigehen und dann zum Essen heim», so Sandro. «Es ist sehr schade, dass es weg ist. Natürlich müssen wir uns fügen, Wohlen braucht ja vermutlich einen grösseren Bahnhof. Aber schade ist es halt trotzdem.»