Bettwil
Tschau Seppi: Bettwil schafft einen kirchlichen Feiertag ab

Der Kirchenpatron St. Josef wird in der höchstgelegenen Aargauer Gemeinde ab 2015 nicht mehr weltlich gefeiert. Damit müssen die Schulkinder neu am «Seppitag» die Schulbank drücken. Der Entscheid hat auch mit dem Schulverband zu tun.

Jörg Baumann
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Der heilige St. Josef ist der Kirchenpatron in der höchst gelegenen Aargauer Gemeinde Bettwil. Toni Widmer

Der heilige St. Josef ist der Kirchenpatron in der höchst gelegenen Aargauer Gemeinde Bettwil. Toni Widmer

Die Gemeinde Bettwil bricht mit einer alten Tradition: Am Kirchenpatronstag St. Josef vom 19. März, den man im Volksmund auch «Seppitag» nennt, haben die Schüler und das Gemeindepersonal ab nächstem Jahr nicht mehr frei, sondern müssen am Unterricht teilnehmen oder arbeiten. Das hat der Gemeinderat entschieden.

Man beschränke sich in Bettwil auf die acht gesetzlichen Feiertage (Neujahr, Karfreitag, Auffahrt, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen, Mariä Empfängnis und Weihnachten), teilt der Gemeinderat mit.

Konfessionsgrenze spielt mit

Kirchenpflegepräsident Stefan Keusch kann den Entscheid des Bettwiler Gemeinderates nachvollziehen. Der St. Josefstag falle schliesslich ja nicht ganz unter den Tisch. Denn in der 1808 auf den heiligen Josef geweihten Pfarrkirche finde an diesem Tag gleichwohl der traditionelle Morgengottesdienst statt, an dem die Gläubigen teilnehmen könnten.

Mitgespielt habe beim Gemeinderatsentscheid die Tatsache, dass die Gemeinde Bettwil am Rand der Konfessionsgrenze liege. «Bettwil ist mehrheitlich katholisch, die Gemeinden Fahrwangen und Meisterschwanden, die mit Bettwil und Sarmenstorf in einem Schulverband zusammengeschlossen sind, gelten aber als reformiert. Am St. Josefstag hatten bisher einzig die Schüler in Bettwil frei, nicht aber in den Nachbargemeinden Fahrwangen, Meisterschwanden und Sarmenstorf.»

Dazu komme, dass heute viele Arbeitnehmer in Bettwil auswärts arbeiten und demnach den freien Tag am St. Josefsfest auch nicht zusammen mit ihren Kindern geniessen können.

Bisher habe die Mitteilung des Gemeinderates, den schulfreien Tag zu streichen, noch keine Reaktionen ausgelöst, teilt Gemeindeschreiber Dieter Studer auf Anfrage der az Aargauer Zeitung mit.

Der Bettwiler Schulleiter Rolf Fanton nimmt den Beschluss so entgegen, wie er gefallen ist. Er hat Verständnis für eine Lösung, die alle Schüler im Schulverband Oberes Seetal gleichstellt.

«Wieder eine Tradition weniger»

Liesbeth Breitenstein sieht die Sache anders: Sie ist zusammen mit Eveline Gauch in der Pfarrkirche als Sakristanin tätig und auch als Lektorin und Kommunionshelferin stark mit den katholischen Traditionen verbunden. Sie bedauert deshalb, dass der St. Josefstag aus der Liste der Freitage gestrichen wird.

«Schon wieder eine Tradition weniger. Das ist schade. Im Frühling musste schon mangels Beteiligung die freie Singgruppe in Bettwil aufgelöst werden, bei der ich mitmachte. Und nun wird auch der St. Josefstag nicht mehr gleich gefeiert, wie es bisher der Fall war. Traditionen spielen in einem Dorf eine grosse Rolle. Man sollte an ihnen festhalten.»

Christof Sterkman, Bischofsvikar im Bistum Basel, stellt fest, dass die lokalen Feiertage immer stärker unter Druck kommen und die Patroziniumstage mehr und mehr auf den Sonntag verlegt werden. Das habe damit zu tun, dass die Leute heute mobiler seien als früher.

«Die Menschen mit auswärtigen Arbeitsstellen arbeiten, während jene mit einer Stelle im betreffenden Ort und die Schüler einen freien Tag haben. So geben da und dort die örtlichen Behörden dem Druck nach und schaffen den arbeitsfreien Tag ab.»

Sterkman betont: «Örtliches Brauchtum soll man pflegen und aufrechterhalten, wenn es Sinn macht.» Manche dieser traditionellen Bräuche, wie etwa die grossen Auffahrts-Umritte im Kanton Luzern oder die Fussfallfahrt im aargauischen Hornussen, gehören für ihn zum immateriellen Kulturgut.

Abwägen, was sinnvoller ist

Manchmal aber müsse man abwägen, was sinnvoller sei, erklärt der Bischofsvikar. So könne es unter Umständen halt doch mehr Sinn machen, das Patroziniumsfest auf den Sonntag zu verlegen, wenn die Blasmusik wegen der Berufstätigkeit ihrer Mitglieder am Feiertag nur noch in schwacher Besetzung oder gar nicht antreten könne und die Teilnahme der Gläubigen nur noch höchst bescheiden sei.

Von den kirchlichen Vorgaben her stehe der Verlegung des Patroziniumstages auf den Sonntag an sich nichts im Wege. Aber: «Wo örtliche Feiertage und örtliches religiöses Brauchtum unter der Woche leben und von den Menschen getragen werden, ist das etwas Wertvolles und auch weiterhin zu unterstützen.»

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