Wohlen
Trotz Gewalt in Barcelona – im Freiamt ist die spanische Welt in Ordnung

Die Konflikte in der Heimat wegen dem Unabhängigkeits-Referendum haben keinen Einfluss auf die gute Stimmung im Spanischen Zentrum Wohlen: «Die Probleme in Spanien kommen bei uns kaum zur Sprache. Oft möchten Leute aus anderen Ländern mehr über die Situation erfahren.»

Natasha Hänni
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Bei José Ruíz und seiner Frau Pepi können sich Auslandspanier bei hausgemachten Köstlichkeiten auch über die Situation im Heimatland austauschen.

Bei José Ruíz und seiner Frau Pepi können sich Auslandspanier bei hausgemachten Köstlichkeiten auch über die Situation im Heimatland austauschen.

Natasha Hänni

Diesen Sonntag waren die Katalanen dazu aufgerufen, über die Unabhängigkeit Kataloniens abzustimmen. Die Abstimmung fand jedoch ohne Zustimmung der spanischen Regierung statt, was die Aktion illegal machte. Um die Wahlen zu verhindern und die Demonstrationen im Zaum zu halten, mobilisierte die Spanische Regierung die Polizei und das Militär.

Tradition seit 1975

Das Spanische Zentrum Wohlen gibt es bereits seit über 40 Jahren: 1975 wurde er gegründet und hat seither zweimal den Standort gewechselt. Zur Zeit findet man das Lokal an der Bahnhofstrasse 3, gleich neben der Migros.
Seit dem 4. Dezember 2015 kümmern sich José Ruíz und seine Frau Pepi gemeinsam mit ihren vier Kindern um die Gastronomie. Auf der Karte findet man zahlreiche, typisch spanische Gerichte. Das Spanische Zentrum Wohlen ist jeweils samstags und sonntags geöffnet.

Auch an den Bildschirmen im Spanischen Zentrum Wohlen waren vergangenes Wochenende laufend katalanische Proteste zu sehen. Wer jetzt aber fliegende Gläser und lautstarke, spanische Diskussionen erwartet hat, der wurde enttäuscht. Die Stimmung im Lokal war friedlich. Obwohl die mehrheitlich spanischen Gäste aus verschiedenen Regionen, unter anderem auch aus Katalonien, stammen, scheinen hier Politik und kulturelle Unterschiede Nebensache zu sein: «Die Probleme in Spanien kommen bei uns kaum zur Sprache. Wir nehmen uns höchstens mal auf den Arm, das ist aber nie böse gemeint. Oft sind es Gäste aus anderen Ländern, die politische Diskussionen anregen, weil sie mehr über die Situation in Spanien erfahren möchten», erzählt José Ruíz, Küchenchef des Spanischen Zentrums. Verschiedene Meinungen seinen praktisch immer vertreten. Trotzdem könne man aber immer vernünftig diskutieren. Ganz zu Ruíz’ Freude: «Wir haben hier ein sehr familiäres Ambiente.»

Die spanische Kultur beibehalten

Der gebürtige Andalusier ist vor fünf Jahren mit seiner Familie nach Wohlen gezogen. Das Spanische Zentrum hat ihm sehr geholfen, Anschluss zu finden und gleichzeitig seine Kultur beizubehalten: «Bevor ich den Verein entdeckt habe, kannte ich kaum Spanier. Die, die ich kannte, waren oft nicht viel länger in der Schweiz als ich. Im Verein habe ich Leute kennen gelernt, die schon länger in der Schweiz waren und mir von ihren Erfahrungen berichten konnten. Das hat mir die Integration sehr erleichtert.»

Das Spanische Zentrum ist immer am Wochenende geöffnet. An der Bahnhofstrasse 3 bietet das Lokal eine Bar, eine Küche, ein Kinderspielzimmer und zahlreiche Esstische (siehe Infobox). Bis vor rund zwei Jahren wurde die Arbeit in der Küche des Lokals immer unter allen Mitgliedern aufgeteilt. Im Dezember 2015 wurde der passionierte Hobbykoch José Ruíz angefragt, diese Aufgabe zu übernehmen. Seine Frau und seine Kinder unterstützen ihn dabei hinter der Bar oder als Servicekräfte. «Ohne meine Familie würde ich es nicht schaffen. Die Preise sind bewusst tief gehalten, was die Beschäftigung von Personal fast unmöglich macht. Die Arbeit ist nicht wirklich gewinnbringend, das habe ich aber gewusst, als ich die Stelle angenommen habe. Dafür macht sie umso mehr Spass», findet Ruíz.

Schweizer essen, Spanier plaudern

Am meisten Freude bereiten ihm die Arbeit in der Küche sowie der Kontakt mit den Gästen. «Die Leute grüssen mich auf der Strasse. Manchmal bin ich ein wenig verwirrt darüber, weil ich nicht alle kenne, aber es freut mich immer sehr», erzählt Ruíz. Seine Kochkünste sind vor allem bei Schweizer und italienischen Gästen sehr beliebt, wie Ruíz schmunzelnd verrät. Spanier und Portugiesen würden zwar auch essen, oft aber nur zum Trinken und Plaudern vorbeikommen. Das liege daran, dass sie sich im Lokal ausdrücken können, ohne dass die Sprache sie hemmt.

«Mittlerweile haben wir Gäste aus der ganzen Schweiz», ist Ruíz stolz. Tatsächlich kommen regelmässig Leute aus Luzern, Olten oder Aarau in die kleine Gaststätte neben der Migros, um sich kulinarisch verwöhnen zu lassen. Am liebsten haben die Gäste Fisch. Ruíz erklärt: «Fisch und Meeresfrüchte werden auch in Spanien sehr oft gegessen. Am meisten mache ich Stockfisch, Tintenfisch und natürlich Paella.»

Nicht ganz wie der 1. August

Gerichte, die auch am Nationalfeiertag, dem 12. Oktober, auf den Tischen vieler Spanier zu finden sein werden. Da der Tag auf einen Donnerstag und nicht auf ein Wochenende fällt, ist im Spanischen Zentrum Wohlen keine Feier zu Ehren des Vaterlandes geplant. Ruíz erzählt, dass es auch keine Anfragen bezüglich des Feiertages gab. In Spanien habe der Tag keinen so hohen Stellenwert wie beispielsweise in der Schweiz. Das liege auch an der politischen Spaltung des Landes, was schade sei. «Ich glaube an ein vereintes Spanien», hält Ruíz fest. Die jüngsten Ereignisse zeigen, dass nicht alle Spanier seine Meinung teilen. Bis nach Wohlen scheinen die Differenzen der Spanier jedoch glücklicherweise nicht zu reichen.