Ende Jahr geht der Beinwiler Gemeindeschreiber Erhard Huwyler in Pension. Keiner im Freiamt war seiner Gemeinde so lange treu wie er: Am 1. Juni beginnt er sein 45. Arbeitsjahr. Er war der erste vollamtliche Gemeindeschreiber der Gemeinde Beinwil und übergibt jetzt schrittweise an seine bereits gewählte Nachfolgerin, Jasmin Koch.

Herr Huwyler, wie fühlt es sich an, die Pensionierung im Blickfeld zu haben?

Erhard Huwyler: Ich freue mich auf die Pensionierung Ende Jahr. Ein bisschen Wehmut schwingt mit, klar, aber keine Trauer. Und ich werde mein Engagement für die Gemeinde selbstverständlich bis Ende Jahr voll durchziehen.

Keine Angst vor dem «grossen Loch»?

Nein, ich habe schon einige Aufgaben ins Auge gefasst, für die ich bisher keine Zeit hatte. Ich habe auch eine grosse Familie und neun Grosskinder.

Es gibt kaum Gemeindeschreiber, die so lange der gleichen Gemeinde treu bleiben.

Das war nicht geplant. Ich machte die kaufmännische Lehre in einem Import-Export-Unternehmen. Nach der Lehre strebte ich eigentlich über den zweiten Bildungsweg das Notariat an. Dann sagte man mir, dass die Stelle des ersten vollamtlichen Gemeindeschreibers in meiner Heimatgemeinde frei wäre.

Und Sie liessen das Notariat sausen?

Mir wurde erklärt, ich könne die Ausbildung auch berufsbegleitend machen. Das stellte sich angesichts der Arbeitsfülle allerdings schnell als illusorisch heraus.

Wie muss man sich Ihre Anfänge in Beinwil vorstellen?

Früher hatte beispielsweise die Feuerwehr einen eigenen Rechnungsführer, die Schule auch, der Armenfonds oder der Spendenfonds. Und natürlich die Gemeinde selber. Ich hatte sieben Rechnungsführer, die mir ihre Unterlagen auf den Tisch legten, die hatten alle nur auf den vollamtlichen Gemeindeschreiber gewartet. Entsprechend wurde ich mit Arbeit zugedeckt. Ferien waren, von einer Woche Skiferien abgesehen, damals ein Fremdwort.

Dann machten Sie damals alles selber?

Ja. Ich wurde als Zentralverwalter gewählt. Ich war Gemeindeschreiber, Bauverwalter, 18 Jahre Steueramtsvorsteher und Finanzverwalter, 26 Jahre Zivilstandsbeamter, kurz, ich habe das ganze Spektrum abgedeckt.

Später kamen Veränderungen?

Die Anforderungen durch Vorschriften wuchsen, die Arbeitsbelastung auch. Das Steueramt wird heute in Kooperation mit Merenschwand geführt, das Zivilstandsamt wurde regionalisiert. Letzteres gab ich nicht gerne ab. Das Zivilstandsamt war ein sehr schönes Amt mit besonders viel Bürgernähe.

Hatten Sie nie Lust, sich beruflich zu verändern?

Es war nicht so, dass ich nicht hätte gehen können. Aber ich habe auch Anfragen von grösseren Gemeinden abgesagt. Ich habe hier den kurzen Arbeitsweg und die Möglichkeit, über Mittag mit der Familie zusammen sein zu können, sehr geschätzt. Gerade letzteres war mir mit den vielen Abendsitzungen besonders wichtig.

Sie haben sicher eine besondere Beziehung zu Beinwil?

Ich bin im Doppelbetrieb Metzgerei Huwyler und Restaurant Kreuz aufgewachsen. Schon als Bezirksschüler hat mich die Geschichte des Dorfes sehr interessiert. Die Identifikation mit dem Dorf war schon immer da, die Liebe zum Dorf ist im Laufe der Jahre noch gewachsen.

Sie waren auch mit dem Arbeitsklima zufrieden?

Die Beziehungen zu den Gemeindeammännern und Gemeinderäten war immer sehr gut. Sie waren jeweils auch grosszügig, wenn es darum ging, für die Gemeindeverwaltung Anschaffungen zu tätigen. Aber natürlich gab es auch frustrierende Erlebnisse. Aber sie waren nie so stark, dass gross Gedanken zum Stellenwechsel aufkamen.

Frustrierende Erlebnisse?

Als Gemeindeschreiber ist man immer wieder mal im Sandwich. Man kann zum Beispiel Erwartungen in einem Baustreit nicht erfüllen oder muss bei einem Sozialhilfegesuch nicht im Sinne des Gesuchstellers handeln, dann wird schnell dem Gemeindeschreiber die Schuld gegeben. Manchmal macht man sich als «rechtliches Gewissen» auch beim Gemeinderat nicht beliebt.

Man eckt in diesem Beruf oft an?

Man eckt manchmal an. Aber mit einer klaren, geraden Linie habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ziel muss sein, alle Leute rechtsgleich zu behandeln. Das stärkt die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Bewohner in den Gemeindeschreiber und die Gemeindeverwaltung allgemein.

Was macht die Arbeit des Gemeindeschreibers so spannend?

Die Zusammenarbeit mit Menschen, ganz klar, und die Vielfalt der Aufgaben. Man hat das ganze Spektrum von der Geburt bis zum Tod, und dazwischen noch die Baubewilligung für das Einfamilienhaus (lacht). Es kommt sozusagen das ganze Leben auf den Tisch. Die Erfüllung dieser Aufgaben kann sich zur Leidenschaft, fast zur Sucht, entwickeln.

Leiden da nicht die Familie und das Privatleben darunter?

In der Familie höre ich oft: Für die Gemeinde hast du immer Zeit gehabt, für die Familie zu wenig. Dieser Einwand ist berechtigt. Aber mit einer starken Frau an meiner Seite gelang es, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Jedenfalls ohne bleibende Schäden (lacht).

Gemeindeammänner und Gemeinderäte kommen und gehen. Sie aber sind geblieben. Entwickelt sich da nicht eine Machtposition des Gemeindeschreibers, die problematisch sein kann?

Wenn man das angehäufte Wissen zur Selbstprofilierung einsetzt, dann ist das Missbrauch. Tatsächlich muss man sich dieser Wissensfülle bewusst sein und verantwortungsvoll damit umgehen. Dieser Wissensschatz birgt aber auch grosse Vorteile: Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht aufbauen und die Zukunft nicht gestalten.

Sie kennen durch Ihren Beruf ganze Familiengeschichten, auch dunkle. Sie können auch Auftritte einzelner Personen anders einordnen als der Normalbürger. Ist es schwierig, im privaten Umgang neutral zu bleiben?

Das ist zur Routine geworden. Heute kann ich zuhören und gar nichts sagen. Als junger Gemeindeschreiber war das schwieriger. Da stupfte ich den Gemeindeammann schon einmal an, wenn einer in der Beiz gross aufdrehte, aber die Steuern nicht bezahlen konnte.

Hat sich der Umgang im Dorf verändert in all den Jahren?

Nicht nur im Dorf. Der gegenseitige Respekt hat schon etwas gelitten, der Ton ist oft direkter und weniger höflich geworden. Der Rücken eines Gemeindeschreibers muss nach wie vor sehr breit sein.

Durch den Beruf sind aber sicher auch besondere Beziehungen entstanden?

Das ist so, nicht nur in der Gemeinde, sondern auch im Kanton oder Bezirk unter Kollegen. Aus dem Beruf sind viele gute, bleibende menschliche Beziehungen erwachsen.

Sie haben sich auch ausserhalb der eigentlichen Berufstätigkeit engagiert?

Für die Gemeinde habe ich in über zehnjähriger Arbeit, zusammen mit Heinrich Kreyenbühl, Zürich, und Jakob Kreyenbühl, Aarau, beide inzwischen verstorben, die Dorfchronik unter dem Titel «Beinwil/Freiamt – Zeitbilder einer Landgemeinde» verfasst. Während 12 Jahren habe ich den Gemeindeschreiberverband des Bezirks Muri präsidiert. Wichtig war mir auch, Lernende auszubilden. Während 15 Jahren habe ich am KV Wohlen die angehenden Verwaltungsfachleute in der Berufskunde (Personen- und Zivilstandsrecht) unterrichtet.

Ihr Ausgleich zum beruflichen Alltag ist die Jagd, oder?

Ich subsumiere die Jagd unter Naturerlebnis. Ich schätze die Natur und die Umwelt sehr und will sie erhalten und pflegen. Die Jagd ist ein Teil dieses Naturverständnisses und der Tierliebe. Ich mache zudem, zusammen mit meiner Frau, leidenschaftlich gerne Bergwanderungen. Wir sind auch schon in fünf Tagen ins Tessin
marschiert.

Die Natur als Erholungsquelle?

Ja, unbedingt. Die Kraft der Natur, das Göttliche der Natur sind für mich sehr wichtig – ganz gleich, ob ich wandernd unterwegs bin oder ob ich beobachtend auf dem Hochsitz verweile. Schliesslich ist eine grosse Leidenschaft von mir die Historik. Ich lese diesbezüglich fast alles, und ich treibe gerne Sport.

Sie sind also ein Bewegungsmensch?

Das sähe man mir nicht an (lacht), aber es ist so. Ich bin ein starker Bewegungsmensch und sehr ausdauernd. Früher war ich auch im Turnverein und war Ringer mit Auszeichnungen.

Das wollen Sie nach der Pensionierung intensiver pflegen?

Ich habe den halben Keller voller Akten, die zu lesen und zu verarbeiten ich bisher keine Zeit fand. Ich habe schliesslich viele Mehrtageswanderungen aus zeitlichen Gründen zurückgestellt. Da habe ich schon noch zwei, drei hochgesteckte Ziele, sofern die Gesundheit es zulässt. Und eben: Meine Familie soll endlich mehr Zeit von mir haben: die Grosskinder an Sportanlässe begleiten, den Chauffeur spielen usw.

Aber Sie wären doch der ideale Kandidat für weitere Aufgaben, zum Beispiel Aktuar für irgendeinen Verein oder eine Organisation?

Nein, bestimmt nicht. Ich kann abgeben. Ich war 25 Jahre in der Jagd als Geschäftsführer, Vizepräsident und Präsident. Ich war als Gemeindeschreiber immer wieder in Ausschüssen. Nach dem Händeschütteln war jeweils fertig. Punkt. Natürlich: Wenn es darum geht, mal kurzfristig eine Auskunft zu geben, lehne ich das nicht ab. Aber sonst ist am 31. Dezember ein Schnitt und fertig.

Hand aufs Herz: Könnten Sie überhaupt woanders leben als in Beuel?

Meine Familie glaubt das nicht. Aber ich könnte mir das schon vorstellen.

Wo denn?

Nur im Norden oder Osten. In kälteren Gebieten, möglichst menschenleer, damit man in sich gehen kann. Kanada, den Yukon hinauf, einmal Adieu sagen. Ich hätte mir das vorstellen können, ein solches Abenteuer einzugehen. Also früher, meine ich. Nicht dass nun in der Zeitung steht: Er geht den Yukon hinauf (lacht). Das ist jetzt nicht geplant.