Männerchor
Tragische Entwicklung: Stirbt der Männergesang in der Region aus?

Die regionalen Männerchöre haben es nicht leicht: Je länger je mehr kämpfen die verbliebenen Vereine gegen Überalterung ihrer Mitglieder und den Nachwuchsmangel. Lösungen für das Phänomen gibt es wenige.

Lukas Scherrer
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Gehören solche Bilder bald der Vergangenheit an? Die Sänger der Chorgemeinschaft Büttikon/Wohlen bei ihrem fulminanten Abschlusskonzert am 30. November letzten Jahres.

Gehören solche Bilder bald der Vergangenheit an? Die Sänger der Chorgemeinschaft Büttikon/Wohlen bei ihrem fulminanten Abschlusskonzert am 30. November letzten Jahres.

Toni Widmer

«Der Mensch lebt und bestehet nur eine kleine Zeit, und alle Welt vergehet mit ihrer Herrlichkeit» – so lauten die ersten Zeilen eines Gedichts, dessen schmerzliche Worte ihren Weg auch in die Notenbücher zahlreicher Männerchöre gefunden haben.

Derzeit treffen die tristen Strophen irdischer Endlichkeit die singenden Herren wohl besonders hart, denn den Männerchören in der Region geht es alles andere als gut. Wie kein anderer Bereich des kulturellen Lebens hat der Männergesang mit Überalterung und mangelndem Nachwuchs zu kämpfen.

Zufikern fehlt Chornachwuchs

«Letztes Jahr schrumpfte unser Chor auf etwa zehn Sänger», bedauert beispielsweise Hansueli Meyer, Vorstandsmitglied des Männerchors Zufikon und erklärt: «Mit derart wenigen Mitgliedern ist es natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, anspruchsvolle Stücke einzustudieren und vorzutragen.»

Wegen der prekären Mitgliederzahl schlossen sich die Zufiker daher mit dem Männerchor Berikon zusammen. Dank dieser Massnahme können nun wieder 22 Männer gemeinsam proben und auftreten.

Dass damit das Problem zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist, ist Meyer bewusst: «Wir haben bald niemanden mehr unter 70 Jahren im Chor. Es fehlt einfach an Nachwuchs.» Um diesem Missstand zu begegnen, hat der Vorstand des Chors Leute aus der Gemeinde angeschrieben und zu Schnupperproben eingeladen – jedoch ohne Erfolg.

«Jüngere Leute haben heute andere Vorstellungen von Musik», ist sich Meyer sicher. Um das Aussterben des Männergesangs zu verhindern, sehe er nur eine Lösung: die Fusion einzelner Männerchöre zu überregionalen Vereinen.

Wohler Kulturgut verschwindet

Auch beim Männerchor Wohlen verstummt der Herrengesang zunehmend. Nachdem sich die Wohler mehr als zehn Jahre lang in einer Chorgemeinschaft mit Büttikon über Wasser hielten, ist auch dieses Kapitel seit letztem Herbst Geschichte. Die Gemeinschaft wurde aufgelöst und der Männerchor Büttikon stillgelegt. Gerade mal acht Mitglieder sind den Wohler Sängern geblieben – der grosse Rest mit über 80 Jahren altershalber ausgeschieden.

«Wir haben schon vor 20 Jahren gemerkt, dass wir allmählich alt werden und keine neuen Leute hinzukommen», erinnert sich Sepp Koch, Präsident des Wohler Männerchors und erklärt: «Mit dem gesellschaftlichen Wandel hat sich das Verständnis von Musik bei der jüngeren Generation verändert.»

Einen Vorwurf für die tragische Entwicklung will er niemandem machen: «Viele Männerchöre sind schon über 100 Jahre alt. Wir müssen schweren Herzens einsehen, dass wir langsam aufs Abstellgleis geraten.» Unter dem grassierenden Männerchorschwund leide auch die Motivation der verbliebenen Sänger, was Koch als Teufelskreis bezeichnet. Er ist überzeugt: «Mit jedem aufgelösten Männerchor verschwindet ein Stück eines wichtigen Kulturguts.»

Über seinen Schatten springen

Zwar sind Konzerte von Männerchören nach wie vor beliebt und stets gut besucht. Einem Chor als Mitglied beitreten oder seine Hilfe anbieten will aber kaum noch jemand. Zu diesem Schluss kommt auch Markus Wiederkehr, der Präsident des Freiämter Sängerbunds, der selbst jahrelang im Männerchor Büttikon Mitglied war. «Die Vereine haben viel gemacht, um neue Leute für ihre Chöre zu finden», erklärt er. «Heute will aber kaum jemand mehr eine Verpflichtung eingehen.»

Nach dem Aus für die Büttiker Sänger trat Wiederkehr dem Männerchor Benzenschwil bei. Ein solcher Wechsel falle vor allem den älteren Sängern oft schwer: «Die Unlust, das eigene Dorf zu verlassen, um einer Probe beizuwohnen, ist ein grosses Problem», sagt er. Um die tragische Situation zu entschärfen, sieht er nur eine Lösung: «Sänger, deren Männerchor stillgelegt wurde, müssen über ihren Schatten springen und einem Chor ausserhalb ihrer Gemeinde beitreten.»

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