Sie halten es kaum aus: Nervös warten die kleinen Erstklässler vor dem Büttiker Kindergarten, in dem sie sich die letzten zwei Jahre daheim gefühlt haben. Sie fummeln an ihren neuen Schulsachen herum und treten von einem Bein aufs andere. Denn gleich kommen sie: Die Eselwagen, mit denen sie zum allerersten Mal zur Schule fahren dürfen.

«Das gibt es wohl sonst nirgendwo. Ich habe jedenfalls noch nie so etwas gehört», sagt die Büttiker Schulleiterin Elke Hungerbühler lachend. Doch aus Büttikon ist der kleine Umzug jeweils zum ersten Schultag nicht mehr wegzudenken. Heute fährt die kleine Karawane zum 30. Mal vom Kindergarten den Hügel hinauf zum Primarschulhaus.

Dort wird sie traditionell von den älteren Schülern mit einem Lied empfangen. «Die Kinder müssen nachher ihr Leben lang lernen, da soll wenigstens ihr erster Schultag etwas Besonderes für sie sein», schmunzelt Nik Sax, der weit über die Dorfgrenzen hinaus als Esel-Nik bekannt ist.

Ein Hobby für die ganze Familie

Wie damals, vor 30 Jahren, alles begonnen hat, ist schnell erklärt: «Als meine älteste Tochter Yvonne in die Schule kam, brachte ich sie mit dem Eselwagen hin. Und von da an haben wir das jedes Jahr gemacht.» Doch wie ist der ehemalige Betreiber der Bremgarter Shell-Tankstelle auf den Esel gekommen? «Auch das hat mit meinen Kindern zu tun», erinnert er sich. «Damals wollte ich ein Hobby finden, von dem auch die Kinder etwas haben.»

Also kaufte er sich den Esel Köbi, der anschliessend 27 Jahre lang bei Familie Sax daheim war.
«Wir gingen mit ihm spazieren wie mit einem Hund. Die Leute konnten es anfangs nicht fassen und dachten, ich spinne», berichtet der heute 70-Jährige lachend.

«Dabei war das sehr gut: Ich weiss noch, wie ungern ich damals mit meinen Eltern spazieren gegangen bin. Aber sobald man einen Esel dabei hat, spaziert plötzlich jedes Kind gern.» Das kann Marianne, seine heute 32-jährige Tochter, bezeugen.

Auch deren Tochter Ainhoa (2) zeigt glücklich auf die fünf Esel auf der Weide und ruft quietschend: «I-aaa! I-aaa!» Marianne Sax betreibt heute zweimal wöchentlich eine Spielgruppe im väterlichen Stall, und auch dort bekommen die Kinder kaum genug von den gutmütigen Grautieren.

«Intelligenter als Pferde»

Seine allererste Erfahrung mit einem Esel machte Nik Sax lange, bevor er Kinder hatte: «Damals reiste ich nach Tunesien. Dort hat man uns am Flughafen vergessen. Also haben wir am nahen Markt einfach einen Esel gekauft und ihm unsere Koffer aufgeladen.» Kompliziert ist Esel-Nik tatsächlich nicht.

Nachdem er Köbi gekauft hatte, kamen immer neue Esel auf seinen Hof. Und wenn er wieder einen verkaufte, achtete er genau darauf, dass dieser es anschliessend gut hatte. «Meistens hatten wir mindestens drei, aber weil wir auch eine Art Auffangstation waren, hatten wir einmal sogar sieben Stück. Aber das war gar viel», erzählt er.

«Ich bin überzeugt, dass Esel intelligenter sind als Pferde. Und sie sind auch sehr einfühlsam, gerade, was Kinder angeht.» Tochter Marianne erinnert sich an einen Spruch: «Pferden befiehlt man, Esel bittet man und mit Maultieren muss man verhandeln.» Genau so sei es, lacht Nik. So seien Esel eigentlich auch gar nicht störrisch: «Das Stillstehen ist ihre einzige Waffe, weil sie nicht flüchten können, da sie zu langsam sind. Ausserdem wollen sie immer erst alles verstehen, bevor sie ihr Einverständnis geben.»

Dazu kann er viele Beispiele liefern: «Wir haben unzählige Reisen mit den Eseln unternommen, haben viermal den Gotthard und andere Pässe überquert, waren an Eselrennen, an der Fasnacht, zogen mit dem Samichlaus von Haus zu Haus und vieles mehr. Aber wenn wir beispielsweise in den Alpen zu einer Brücke kommen, müssen wir sehr häufig warten.

Denn die Esel müssen sich die Brücke erst sehr genau anschauen, um sicher zu sein, dass sie sie ohne Schaden passieren können. Erst dann gehen sie hinüber, da würde alles Ziehen nichts helfen.» So dauere eine Eselreise halt immer etwas länger. Aber auch der Langsamverkehr habe ja seinen Reiz.

So ziehen auch die Büttiker Erstklässler heute gemächlich aber ganz sicher vor Freude strahlend auf ihren Eselwägelchen zum Schulhaus hinauf.