«Es ist ein tragischer Unfall, der allen hier unter die Haut geht, weil er jedem von uns auch passieren könnte.» Das sagte Matthias Heim, Verteidiger der 24-jährigen Leyla (Name geändert), die im November 2015 in Villmergen einen Mann überfahren hatte. Zuerst schien der Unfall auf dem Fussgängerstreifen unterhalb der Kirche glimpflich ausgegangen zu sein. Das 82-jährige Opfer hatte zwar die Schulter gebrochen, war aber ansprechbar. Doch es stellte sich heraus, dass der Mann ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, dazu kamen Hirnblutungen und vier Tage später verstarb der Senior im Spital.

Die junge Unfallfahrerin, eine Frau aus der Region mit türkischer Abstammung, war an jenem Morgen mit ihrem Peugeot unterwegs auf der Mitteldorfstrasse in Villmergen. «Es war ein schöner Tag, ich trug eine Sonnenbrille», sagte die durchgehend schwarz gekleidete Leyla bei der Verhandlung vor Bezirksgericht Bremgarten.

Dennoch wurde sie von der tiefstehenden Sonne geblendet, sah den 82-jährigen Mann auf dem Fussgängerstreifen zu spät, es kam zum schliesslich fatalen Unfall. Für die Staatsanwaltschaft ist dies ein klarer Fall von fahrlässiger Tötung: Die ortskundige Leyla hätte damit rechnen müssen, dass jemand den Fussgängerstreifen überquert, sie habe aber trotz der blendenden Sonne ihre Geschwindigkeit nicht genügend reduziert, um rechtzeitig vor dem Fussgängerstreifen anzuhalten.

Wie schnell war Leyla unterwegs?

Leyla räumte vor Gericht ein, sie habe nicht aufgepasst, sagte aber auch, sie sei von der plötzlichen Blendung durch die tiefstehende Sonne überrascht worden. Geblendet wurde sie offenbar erst rund 20 Meter vor dem Fussgängerstreifen, die Fahrstrecke zuvor verlief im Schatten. Ihr Anwalt sagte, er wolle den Unfall mit dem tragischen Tod des 82-Jährigen keinesfalls beschönigen, es gebe aber keine Beweise für ein fahrlässiges Verhalten seiner Mandantin. So habe es die Staatsanwaltschaft versäumt, die Geschwindigkeit des Autos zum Zeitpunkt der Blendung, den Reaktions- und Bremsweg und das Tempo beim Aufprall zu ermitteln. Aus dem Spurenbild – das Unfallauto kam direkt nach dem Fussgängerstreifen zum Stehen – lasse sich errechnen, dass seine Mandantin vor der Kollision höchstens noch mit 21 Stundenkilometern unterwegs gewesen sei.

«Sie hat vor der Kurve das Tempo reduziert, wurde von der blendenden Sonne aber wie von einem Blitz getroffen und hatte daher keine Chance, den Mann auf dem Fussgängerstreifen früher zu sehen.» Deshalb sei der Unfall tragisch, aber letztlich die Folge einer Verkettung unglücklicher Umstände. «Wegen der plötzlichen Sonneneinstrahlung befand sich meine Mandantin urplötzlich und überraschend in einem verhängnisvollen Blindflug», verglich ihr Anwalt. Wäre sie nicht geblendet worden, hätte Leyla rechtzeitig vor dem Fussgängerstreifen halten können. Weil kein fahrlässiges Handeln bewiesen sei, forderte Heim einen Freispruch.

Gerichtspräsidentin Isabelle Wipf sah dies anders, sie verurteilte Leyla wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe von 1200 Franken und einer Busse von 240 Franken.

Sie rief der jungen Frau in Erinnerung, ein Autofahrer müsse in jeder Situation vor dem Fussgängerstreifen anhalten können. Leyla wäre verpflichtet gewesen, ihre Geschwindigkeit entsprechend anzupassen, zudem hätte es sogar gereicht, wenn sie eine Vollbremsung eingeleitet hätte, als sie von der Sonne geblendet wurde. Wipf hielt fest, Leyla habe ihre Sorgfaltspflicht als Autolenkerin verletzt, das Verschulden sei aber vergleichsweise gering. Deshalb falle das Urteil – für fahrlässige Tötung ist eine Höchststrafe von drei Jahren Haft möglich – relativ mild aus.

Leyla, die ihren Führerausweis inzwischen wieder hat und auch wieder Auto fährt, nahm das Urteil sichtlich bewegt entgegen. «Es tut mir von Herzen leid, was passiert ist, und ich würde es gerne ungeschehen machen, wenn ich denn könnte», sagte sie. Es vergehe kein Tag, an dem sie nicht an den Unfall denke, damit zu leben, sei für sie nicht einfach. Bei der Tochter des Verstorbenen hat sich Leyla gemeldet und entschuldigt. Diese hat sich mit der Versicherung von Leyla auf eine Genugtuung von 15 000 Franken geeinigt.