Villmergen/Wohlen
«Tischlein deck dich»-Helferinnen: Ihr einziger Lohn ist Dankbarkeit

Beatrice Suter und Silvia Gygli sind freiwillige Helferinnen des «Tischlein deck dich». Sie nehmen Lebensmittellieferungen entgegen, die nicht mehr gebraucht werden, und verteilen sie an Bedürftige.

Lyne Schuppisser
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Beatrice Suter ist Juristin mit sozialem Engagemen, als Freiwilligenhelferin lernt Silvia Gygli viel dazu im Umgang mit Menschen.

Beatrice Suter ist Juristin mit sozialem Engagemen, als Freiwilligenhelferin lernt Silvia Gygli viel dazu im Umgang mit Menschen.

Lyne Schuppisser

Letzten Oktober hat in der Bleichi in Wohlen das «Tischlein deck dich» eine Abgabestelle eingerichtet. Jeden Mittwoch können Bedürftige aus der Region dort Lebensmittel aus Über- oder Fehlproduktion beziehen. Die Basis für die Non-Profit-Organisation ist der Dienst von Ehrenamtlichen. Zwei solche Helferinnen sind Beatrice Suter und Silvia Gygli.

Ein Stück der Sonnenseite

Beatrice Suter kannte das Konzept des «Tischlein deck dich» schon länger. Als sie die Anzeige über die baldige Eröffnung der Abgabestelle in Wohlen sah, meldete sich die Villmergerin bei der Leiterin der Abgabestelle Bleichi. Suter hatte bereits vorher beim Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) Freiwilligenarbeit geleistet.

Für die Juristin ist klar: «Wir leben auf der Sonnenseite des Lebens und davon möchte ich etwas abgeben.» Sie hat sich auf Arbeitsrecht spezialisiert und ist als Friedensrichterin in Villmergen tätig. Zweimal im Monat hilft die Mutter zweier erwachsener Kinder im «Tischlein deck dich» in Wohlen aus.

Ursprungsidee war politisch begründet

Seit letztem Oktober 2014 existiert im Mehrzweckraum Bleichi in Wohlen eine Abgabestelle des «Tischlein deck dich». Das «Tischlein deck dich» ist eine Non-Profit-Organisation und basiert auf Freiwilligenmitarbeit. Armutsbetroffene Menschen mit einer «Tischlein deck dich»-Bezugskarte können für einen symbolischen Franken einwandfreie Lebensmittel aus Über-oder Fehlproduktionen beziehen.

Sozialhilfebezügern, Migranten oder Alleinerziehenden kann so unter die Arme gegriffen und gleichzeitig der Lebensmittelverschwendung entgegengehalten werden. Das Angebot ersetzt einen Wocheneinkauf nicht, entlastet aber ein knappes Haushaltsbudget. Die Bezugskarte kann bei einer regionalen Sozialfachstelle beantragt werden und wird jedes Jahr erneut geprüft. Das Angebot reicht von Getränken über Gemüse, Obst, Konserven, Süssigkeiten, Brot bis hin zu Milch- und Tiefkühlprodukten. Der Verein ist abhängig von Produktspenden, daher kann Angebot und Menge der dargebotenen Waren variiereren.

Ausschlaggebend für die Gründung 1999 war der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmittel. Inzwischen gibt es, die Bleichi in Wohlen eingeschlossen, 96 solcher «Tischlein deck dich»-Abgabestellen. Jeden Mittwoch können bedürftige Menschen aus den umliegenden Gemeinden Lebensmittel für sich und Angehörige mitnehmen. Die Verteilaktion in der Bleichi findet von 10 bis 11 Uhr statt.

Viele der Helfer in der Bleichi sind pensioniert oder haben flexible Arbeitszeiten. So auch Silvia Gygli. Die Wohlerin war wie Beatrice Suter schon Im Vorfeld als Ehrenamtliche tätig. Sie arbeitete eine Zeit lang im Dritte-Welt-Laden oder half im Kleintheater Sternensaal mit. Zum «Tischlein deck dich» kam die Wohlerin durch einen Zufall. Während eines Walk-Ausfluges mit ihrer Fastengruppe hatte sie ein Gruppenmitglied auf die neu eröffnete Abgabestelle in Wohlen aufmerksam gemacht. Kurz darauf hat Gygli sich als Freiwilligenhelferin gemeldet.

Russische Teigwaren

Beiden Frauen gefallen die Abwechslungen und Herausforderungen im «Tischlein deck dich». Während einer Verteilaktion kann gut mal ein Gewirr von Sprachen und Kulturen entstehen. «Das ist manchmal eine Herausforderung. Aber irgendwie klappt die Kommunikation immer, im Notfall mit Händen und Füssen.»

Die Aufgabe der Helfer ist es, die angekommene Lebensmittellieferung entgegenzunehmen und danach angemessen an die Bedürftigen zu verteilen. Unter den Waren waren auch schon wahre Exoten dabei. Eine Teigwarenpackung etwa, die auf Russisch beschriftet war und für die Filiale daher ungeeignet. Oder ein «Cheese Dog», ein mit erhitztem Käse gefülltes Brötchen. Ungesunde Produkte sind natürlich nicht vorteilhaft, die Helfer machen allerdings manchmal Ausnahmen.

«Klar brauchen die Bezüger vor allem Grundnahrungsmittel wie Teigwaren und Reis. Aber gerade eine Tafel Schokolade ist ein Luxus, für den das Budget oft nicht reicht», weiss Suter. Es gibt auch Produkte, die gerade ausländische Personen gar nicht kennen.

Spargeln etwa, zur jetzigen Zeit ein beliebtes Saisongemüse. «Manchmal müssen wir sogar Kochtipps geben. Wir haben uns auch schon überlegt, Rezepte aufzulegen», erzählt Gygli. Für sie zählt auch der Nachhaltigkeitsgedanke des «Tischlein deck dich». Die heutige Lebensmittelverschwendung sei früher nicht denkbar gewesen.

Grosse Hürden sind die Scham und das schlechte Gewissen der Bezüger in der Bleichi. «Einige befürchten gar, zu einem gewissen Zeitpunkt alles wieder zurückzahlen zu müssen», erzählt Gygli. Man lerne, auf die Menschen zuzugehen, frei von jeglichen Vorurteilen. Armut sei ein delikates Thema und viele Betroffene versuchen, sich dies durch nichts anmerken zu lassen. Auf die Frage, ob ihnen das Schicksal mancher Leute nicht zu nahe gehe, antworten die beiden Frauen unterschiedlich. Beatrice Suter kommt ihr Beruf zu Gute.

Sie hat als Juristin früh gelernt, sich von happigen Schicksalen abzugrenzen. Für Silvia Gygli geht das, solange sich Geben und Nehmen die Waage halten. Die Leute schätzen das Angebot der Abgabestelle in der Bleichi und zeigen sich zuvorkommend.

Ein Erlebnis, welches Beatrice Suter besonders berührt hat, war, mit welcher Selbstverständlichkeit vier Tibeter nach einer Verteilaktion halfen, die Tische mit den Lebensmitteln wieder aufzuräumen. Oder wenn Silvia Gygli erlebt, wie jemand wieder Arbeit findet und nicht mehr auf den Warenbezug angewiesen ist. Solche Erlebnisse, die Dankbarkeit und Freude, die ihnen und den anderen Helfern entgegengebracht werden, ist die höchste Entschädigung ihres freiwilligen Tuns.

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