Kürzlich hat Theres Lustenberger sage und schreibe 16 Stunden am Stück gearbeitet. Dazu muss man wissen: Die Wirtin in der «Sonne» in Benzenschwil zählt 90 Jahre. Ohne sie ist dieses Oberfreiämter Traditionsrestaurant eigentlich gar nicht vorstellbar. Sie umsorgt hier ihre Gäste vom Znüni bis zum Schlummerbecher, und zwar seit 64 Jahren. «Das ist mein Leben», lacht sie und zeigt sich «dankbar, glücklich und zufrieden», dass sie trotz ihrem hohen Alter so gesund und bei Kräften ist. Wir sitzen im Säli, sie hat für unser Gespräch eine gute Flasche Malanser aufgemacht und schenkt ein. Theres Lustenberger sieht viel jünger aus, als sie ist, und erweist sich als vielseitig interessierte Frau. Im Hintergrund ist ein Schaukasten mit Trophäen des Jodlerklubs Alpegruess. «Der Verein wurde 1954 gegründet, in dem Jahr, als wir hier anfingen», stellt sie fest.

Damals übernahm die Obwaldnerin, die noch heute mit der Innerschweiz auch über die Verwandtschaft verbunden ist, mit ihrem Mann Walter die Liegenschaft, baute sie aus, zog sieben Kinder auf, zum Teil allein, weil ihr Mann früh starb. Sie ist längst so etwas wie eine Institution und heute wahrscheinlich die älteste noch aktive Wirtin weit und breit. «Das Wirten hat mir immer gefallen, und wenn ich nochmals jung wäre, ich ginge wieder in die Gastronomie», lässt sie keine Zweifel aufkommen.

«Ich habe eine treue Kundschaft, ich stehe gerne für sie auf», freut sie sich auf jeden neuen Tag. «Und ich bleibe jeweils einfach so lange im Restaurant, wie die Gäste mich brauchen.» Aber überwirten, sagt sie mit einem Augenzwinkern, komme natürlich nicht vor. Verschlafen eigentlich auch nicht. Als es einmal trotzdem geschah, «da schämte ich mich fast ein bisschen. Ich habe dann den Gästen runtergerufen, sie könnten einfach reingehen.» Das vermeintliche Drama war keines. «Sie haben den ersten Kaffee einfach selber rausgelassen.»

«Von gestern»

Die «Sonne» in Benzenschwil ist ein Restaurant im positivsten Sinn «von gestern»: einfach, unkompliziert, sauber, ehrlich. Verschiedene Vereine haben hier ihren Stammtisch, nachmittags wird oft an mehreren Tischen gejasst, das Essen ist bodenständig und gut. «Ich schätze eine einfache und gemütliche Atmosphäre», sagt Theres, selber in ebensolchen Verhältnissen aufgewachsen. Sie liebt den Kontakt mit ihren Gästen.

«Hier wird viel gelacht, aber oft ist man als Wirtin auch so etwas wie eine Seelsorgerin», spricht sie aus Erfahrung. «Es ist manchmal schwer, zu sehen, wie junge Menschen leiden oder mit Problemen zu kämpfen haben, während man selber von sich sagen kann: alles gut.»

Dass «alles gut» ist, dürfte auch ihrer Lebenseinstellung zuzuschreiben sein: «Ich bin ein Gegenwartsmensch. Was gestern war, ist vorbei, das hake ich ab, was morgen ist, werden wir sehen, heute versuche ich, das Beste zu machen.» Und: «Immer auf dem Boden bleiben», mahnt sie, «dann fällt man nicht tief runter.»

Und die Zukunft der «Sonne»? Theres Lustenberger, ganz «Gegenwartsmensch», zuckt mit den Schultern. «Man wird sehen», sagt sie. Ein Grosskind hat die Ausbildung zum Gastwirt gemacht, zwei sind als Koch in der Lehre. Klar ist einzig, dass sie selber so lange weiterwirten wird, wie es möglich ist. «Arbeit», sagt sie, «macht nicht krank, nur Stress und Ärger. Dem gehe ich aus dem Weg.» Das ist vielleicht einer der Grundpfeiler für ihre robuste Gesundheit. Der andere: «Ich hatte einfach Glück, gesund zu bleiben.»

Kleine Geheimnisse

Ein Geheimnis, wie man 90 Jahre so rüstig und frohgemut erreicht, gibt es also nicht. Beziehungsweise vielleicht mehrere. Einerseits ihre Devise: «Man muss dafür schauen, dass man jeden Tag Freude hat. Das Leben ist so kostbar.» Und die Erkenntnis: «Man darf den Humor nicht verlieren, auch wenn schwierige Zeiten kommen.» Andererseits sind da Kleinigkeiten, die zu ihrem Wohlbefinden beitragen. Theres Lustenberger trinkt jeden Tag ein Glas Rotwein. Sie hat ein Schaffell im Bett und lässt ihr Schlafzimmer im Winter ungeheizt. Sie frönt lieber der Einfachheit und nicht dem Luxus. Und erwähnt sonst noch das Eine oder Andere, «aber das musst du dann nicht schreiben», betont sie.

Überhaupt will Theres Lustenberger, die 17 Grosskinder und 6 Urgrosskinder hat, keine grosse Sache in der Zeitung. Sie ist zwar zu Recht stolz auf ihr Lebenswerk, findet es aber nicht nötig, dass man deshalb gross Aufhebens machen müsste. Jetzt sind es vielleicht doch ein paar Zeilen mehr geworden, als sie sich vorgestellt hat. Aber daran ist sie nicht zuletzt selber schuld: Man hat schliesslich nicht jeden Tag die Gelegenheit, mit einer so erfahrenen und beliebten Wirtin bei einem Glas Malanser ein so interessantes Gespräch zu führen.

Die Aargauer Gastro-Karte