Wohlen
Theater im Sternensaal: der Siegerstier, der ausbüxte

Mundartschauspiel – Der Wohler Regisseur Adrian Meyer inszenierte ein Stück von Lisa Bachmann und Thomy Truttmann.

Cornelia Bisch
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Freude über den gelungenen Coup, Nandi ist in Sicherheit. Im Bild Lisa Bachmann und Thomy Truttmann. Georg Anderhub

Freude über den gelungenen Coup, Nandi ist in Sicherheit. Im Bild Lisa Bachmann und Thomy Truttmann. Georg Anderhub

Georg Anderhub

Er ist ein kapitaler junger Bursche, voll im Saft, ein Bild von einem Stier, und er ist der Siegerpreis für den Schwingerkönig. Herausgerissen aus seiner gewohnten Umgebung, seinem unerfahrenen neuen Besitzer ausgeliefert, bäumt sich Nandi auf und bricht aus. Auf seiner Odyssee durch die Stadt begegnet er Angst, Vorurteilen, aber auch Verständnis und Sympathie. Er wird zum Star wider Willen und möchte doch nur eins: nach Hause.

Nandi gibt es wirklich

Der junge Stier soll wegen seines aggressiven Verhaltens geschlachtet werden. Polizei und Bevölkerung sind hinter ihm her samt der Radioreporterin Eva Morgen, die eine heisse Story wittert und Nandi auf den Fersen bleibt. Das Schicksal des Tieres berührt sie so sehr, dass sie die Fronten wechselt und dabei nicht nur das Leben des todgeweihten Tiers rettet, sondern auch die Beziehung zu ihrem Sohn.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Ein junger Stier aus Dagmersellen sollte geschlachtet werden und rettete sich mit einem gewagten Sprung durchs Fenster des Schlachthauses vor seinem Schicksal. Er wurde zum Medienstar, bis ihn ein Tierschützer freikaufte und ihm auf der Rigi eine neue Heimat gab. «Diese Geschichte hat mich fasziniert», erzählt Autorin Lisa Bachmann. Sie sei damit zu Thomy Truttmann gegangen und habe gesagt: «Du, ich brauche einen Stier!» Er habe sich sofort für die Geschichte interessiert. Lisa Bachmann machte sich ans Schreiben des Stücks und entwickelte es gemeinsam mit Thomy Truttmann sowie dem Wohler Autor und Regisseur Adrian Meyer weiter. Die Musik komponierte Ben Jeger.

Zentrales Anliegen des Schauspiels ist der respektvolle Umgang mit der Natur. «Die Moral haben wir bewusst in Lieder verpackt», betont Lisa Bachmann. Das wirkt leichter, eindrücklicher. So zeigt etwa einer der Liedtexte mit einfachen Worten die ambivalente Haltung der Gesellschaft zu Haus- und Nutztieren auf: Die einen werden grotesk verhätschelt, die anderen brutal gemästet. Zusätzlich ist es Nandis Bauer, der Klartext redet: «Ich esse auch Fleisch, aber ich behandle meine Tiere anständig und mit Respekt.» Einer überzeugten Veganerin und dem Präsidenten des Braunviehzuchtverbands habe das Stück gut gefallen, berichtet Lisa Bachmann. «Da wussten wir, dass wir etwas richtig gemacht hatten.»

Interessante Effekte

Die Kulisse von Bernadette Meier besteht aus einem Metallgerüst, das Radiostudio, Wohnung, Tribüne, Stall und Schlachthof gleichzeitig darstellt. Stimmungen und Effekte werden durch Edith Szabòs Lichtkonzept verstärkt. Interessant ist die Herstellung diverser Geräuschkulissen und Klangbilder direkt auf der Bühne, durch die beiden Schauspieler selbst mittels «Vocal Loops», einer Aufnahmetechnik, die es ermöglicht, Geräusche aufzuzeichnen und teilweise überlagert in Endlosschlaufen wiederzugeben. Eine anspruchsvolle Neuheit für die beiden Künstler und ein spannendes Erlebnis für die Zuschauer.

Während Lisa Bachmann ausschliesslich die Rolle der Reporterin innehat, verwandelt sich Thomy Truttmann am laufenden Band und in rasantem Tempo in eine Vielzahl von Charakteren. Er ist Schwingerkönig, Stier, Viehhändler, Metzger, Bauer, Kioskfrau, Passant, Jugendlicher, Polizist und ganz zu Beginn sogar eine dampfende Kaffeemaschine. Dabei kommt er mit minimalsten Requisiten aus – eine Mütze hier, eine Schürze dort –, während sich die eigentliche Verwandlung im Spiel, in der veränderten Haltung, Gestik, Tonlage vollzieht. Der gebürtige Innerschweizer jongliert gekonnt mit Dialekten, Akzenten und Gassen-Slang, karikiert gutmütig Hinz und Kunz. Lisa Bachmanns witzige, reduzierte Dialoge und raffinierte Wortspiele, teilweise verpackt in rap-artige Lieder treffen voll ins Schwarze, ohne je mit erhobenem Mahnfinger zu winken. «Nandi» ist erstklassige Unterhaltung für Kinder und Erwachsene mit viel Humor, Herz und leiser, sinniger Ironie.