Oberfreiamt
Taufen unter freiem Himmel: Hier dürfen Eltern den Taufort erstmals selbst bestimmen

Die reformierte Kirche Muri Sins lässt ab 2019 Eltern über Taufort entscheiden – als erste im Kanton Aargau.

Andrea Weibel
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Pfarrer Hansueli Hauenstein steht im Grünen, wo ab 2019 auch Taufen durchgeführt werden können – falls sich Familien dies wünschen.

Pfarrer Hansueli Hauenstein steht im Grünen, wo ab 2019 auch Taufen durchgeführt werden können – falls sich Familien dies wünschen.

Andrea Weibel

Die Kirche mag bei vielen, insbesondere jungen, Menschen keinen grossen Stellenwert mehr haben. Doch ihre Kinder lassen dennoch sehr viele kirchlich taufen. Bei manchen gehört das einfach dazu, es ist Teil einer sehr langen Tradition. Andere möchten ihrem Kind jeden erdenklichen Schutz mit auf den Weg geben, inklusive dem von Gott. Und dann gibt es jene, die ihr Baby von der Welt willkommen heissen lassen möchten, stellvertretend für diese Welt stehen Freunde und die Kirchgemeinde.

Aber egal aus welchen Gründen sie ihr Kind taufen lassen, für die Eltern ist die Taufe ein ganz spezieller Akt. Und das soll er auch sein, findet der reformierte Pfarrer Hansueli Hauenstein. Darum öffnet sich die reformierte Kirche Muri Sins nun ganz den Wünschen der Eltern. Als allererste Kirchgemeinde im Kanton.

Absagen sind traurig

«Bisher waren die Taufen bei uns in den Sonntagsgottesdienst integriert, wie das in der reformierten Kirche üblich ist», so Hauenstein. «Aber wir haben gemerkt, dass sich verschiedene junge Eltern in der Kirche nicht wohlgefühlt haben, weil sie sie sonst nie besuchen. Sie fühlten sich fremd. Und das hat wiederum die üblichen Kirchgänger befremdet. Es hat einfach nicht recht gepasst. Das ist schade.» Also hat er im Frühling 2017 seine Gedanken zu Papier gebracht und mit seinen Kollegen besprochen. «Wir waren uns rasch einig, dass wir versuchen wollen, mehr auf die Wünsche der Eltern einzugehen.» Denn schon oft waren Anfragen eingegangen, ob eine Taufe nicht anderswo stattfinden könnte. Oder mindestens zeitlich ausserhalb des Gottesdienstes. «Wir entschieden von Fall zu Fall. Einmal habe ich tatsächlich eine Taufe in einer Waldhütte, ein andermal in einer Kapelle durchgeführt, weil es für die Familie einfach das Beste war.»

Vielen anderen Familien musste die reformierte Kirche Muri Sins ihre Wünsche bisher aber leider abschlagen. «Sehr traurig finde ich, wenn wir ihnen absagen und sie sich in anderen Kantonen einen Pfarrer suchen müssen, der ihre Wünsche erfüllt. So erhalten wir den Ruf, veraltet und rückständig zu sein, und sie haben einen riesigen Aufwand. Das ist doch falsch», findet Hauenstein.

Es kommt auf die Sichtweise an

Denn eigentlich ist einer der Hauptvorteile der Reformierten doch der, dass ihre Gottesdienste viel freier sind als jene der Katholiken. «Es gibt im Grunde nur zwei Regeln für eine Taufe: Erstens soll sie innerhalb eines Gottesdienstes stattfinden, zweitens soll die Gemeinde den Getauften in ihrer Mitte aufnehmen», führt der Pfarrer aus. Er fragt sich laut: «Wenn wir draussen eine Taufe veranstalten, die öffentlich ist, sind dann nicht beide Regeln erfüllt?» Denn grundsätzlich braucht es für eine reformierte Taufe nur wenig: «Täufling, Eltern und Paten müssen anwesend sein sowie jemand, der zur Taufe berechtigt ist. Und es braucht Wasser und die richtige Taufformel, das ist alles.» Um die beiden obigen Regeln einzuhalten, gilt in der Kirchgemeinde, dass die Taufe an einem öffentlichen, gut zugänglichen Ort innerhalb der Gemeindegrenzen stattfinden und vorgängig öffentlich ausgeschrieben werden muss. «Wir gehen also nicht auf den Pilatus hinauf. Und auch das eigene Wohnzimmer geht nicht. Aber sonst sind die Eltern relativ frei.»

30 Taufen pro Jahr

Sowohl in der Kirchenpflege als auch bei der Landeskirche in Aarau fanden die Oberfreiämter Ideen Anklang und wurden bewilligt. Hauenstein ist sehr gespannt, wie die Neuerung in der Kirchgemeinde ankommen wird. «Bisher haben wir noch überhaupt keine Rückmeldungen oder Anmeldungen erhalten. Aber wir hatten auch noch kaum Gelegenheit, es mit den Kirchgängern zu besprechen.» Bisher waren es pro Jahr rund 30 Taufen, die die zwei Pfarrerinnen, zwei Pfarrer und ein Sozialdiakon der Kirchgemeinde Muri Sins untereinander aufgeteilt haben. «Wir hoffen, dass sich die Eltern alles gut überlegen. Aber wir freuen uns darauf, ihre Wünsche zu erfahren und ihnen diese, so gut es geht, zu erfüllen.»