Abenteuer Aargau (3)
Tandemspringer Jürg Schlatter: «Plötzlich war ich im Nichts und völlig fasziniert»

Jürg Schlatter ist nicht schwindelfrei. Trotzdem kann er seit seinem ersten Sprung vor 18 Jahren die Finger nicht mehr vom Fallschirmspringen lassen. Seit vier Jahren stürzt sich der Tandem-Master in Buttwil mit seinen Passagieren aus dem Flugzeug.

Erna Lang-Jonsdottir
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Tandem-Master Jürg Schlatter in seiner Ausrüstung auf dem Flughafen in Buttwil. Christoph Voellmy

Tandem-Master Jürg Schlatter in seiner Ausrüstung auf dem Flughafen in Buttwil. Christoph Voellmy

Herr Schlatter, hat sich schon mal jemand beim Tandemspringen in die Hose gemacht?

Jürg Schlatter: In die Hose gemacht nicht (lacht). Es ist aber schon vorgekommen, dass sich Passagiere übergeben mussten.

Während des Sprungs?

Nein, erst am Schirm. Wir Menschen sind es uns gewöhnt, dass wir bei einem Sturz irgendwo aufschlagen. Sobald der freie Fall nach rund 45 Sekunden vorbei ist, der Schirm offen ist und wir sicher in der Luft schweben, lässt die erste Anspannung nach. Das hat aber nichts mit Angst oder Panik zu tun.

zur Person und zum Sprung:

Der Tandem-Master Jürg Schlatter (46) ist Präsident der Fallschirmgruppe Freiamt. Der Vermögensverwalter wohnt im Kanton Zürich und ist Vater von zwei Kindern. Ein Tandemsprung kostet 390 Franken. Der Steigflug dauert 20 Minuten, der freie Fall 45 Sekunden und der Sinkflug etwa 5 Minuten. Buttwil erachtet Schlatter als einen der schönsten Flugplätze in der Region. (elj)
www.fgf.ch

Was, wenn jemand Höhenangst hat – ein Grund, nicht zu springen?

Angst oder Höhenangst kann ich keinem nehmen. Es gibt viele Menschen, die niemals springen würden, weil sie einen grossen Respekt davor haben, sich aus einem Flugzeug zu stürzen. Die Frage ist, ob jemand wirklich Höhenangst hat oder einfach nicht schwindelfrei ist. Ich selber bin nicht schwindelfrei und meide sogar den Üetlibergturm.

Trotzdem sind Sie vor 18 Jahren zum ersten Mal gesprungen ...

Bei meinem ersten Tandemsprung im Tessin war ich total angespannt. Ich war der Letzte von vier, der mit seinem Tandem-Master springen musste. Fasziniert davon, wie sie alle mit einem lauten Klack plötzlich aus der Türe verschwanden, fürchtete ich mich davor, mit 200 Stundenkilometer gegen den Boden zu rasen. Und plötzlich war ich im Nichts, völlig fasziniert und glücklich.

Wie aber kann man nicht schwindelfrei sein und doch springen?

Entweder es packt einen beim ersten Sprung oder nicht. Bei mir ist es reine Kopfsache. Ich habe Mühe damit, von einem Turm oder einem Berg in die Tiefe zu blicken. In 4000 Meter Höhe über Grund ist man aber in einer ganz anderen Dimension. Sobald ich am Fallschirm bin, weiss ich, dass mir nichts passieren kann, weil ich mich auf das Material verlassen kann. Mit der Zeit fühlt es sich an, als würde man aus dem Bus steigen, nur dass das Trittbrett etwas höher oben ist.

Material kann aber versagen.

Natürlich kann es das; unser Material ist heute jedoch sehr sicher. Der Mensch ist das Risiko. Sobald sich jemand überschätzt, wird es gefährlich. Die heutigen Schirme sind sehr schnell. Es ist möglich, beim Landen mit 100 Stundenkilometern einen Meter oberhalb des Bodens zu fliegen. Verschätzt sich ein Springer in der Höhe, haut es ihn mit dieser Geschwindigkeit in die Erde.

Geschehen also die meisten Unfälle beim Landen?

Ja, meistens, wenn etwas passiert, dann bei der Landung.

Sommerreportagen

Auch diesen Sommer schickt die az wieder ihre Sommerreporter los.
Sie schreiben je eine Woche lang über diese Themen:
1. Woche: Mystische Orte (von Christine Fürst und Pascal Meier)
2. Woche: Abenteuerlicher Aargau
(von Erna Lang)
3. Woche: Am Bahnhof
(von Katja Schlegel)
4. Woche: Kantonales Pfadilager
(von Manuel Bühlmann)
5. Woche: Ferienjobs
(von Tim Honegger)

Und in der Luft? Der Schirm könnte sich verheddern oder nicht aufgehen.

Dass sich ein Schirm verheddert, kommt vor – auch beim Tandemsprung. Dann hänge ich diesen ab und ziehe den Reserveschirm.

Das klingt aber unangenehm.

Tandemsprünge sind sehr sicher. In den Schirmen ist ein Öffnungsgerät mit einem Mikroprozessor eingebaut. Dieses misst den Luftdruck und merkt genau, wie hoch und wie schnell wir unterwegs sind. Fallen wir zu schnell durch eine vorgegebene Höhe geht der Reserveschirm automatisch auf.

Was sagt eigentlich Ihre Familie zu Ihrem Hobby?

Meine Frau war am Anfang überhaupt nicht begeistert. Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt. Meine Kinder finden es cool, dass ihr Vater springt.

Sind sie schon mitgesprungen?

Nein, meine Frau wird das vermutlich auch nie tun (lacht).

Und Ihre Kinder, zu jung?

Sie sind 13 und 15 Jahre alt. Offiziell gibt es keine Altersgrenze. Jugendliche unter 16 nehme ich persönlich nicht mit, weil das Mittelohr nicht ausgewachsen ist und der Druckausgleich deshalb nicht möglich ist.

Gibt es andere medizinische Gründe, nicht zu springen?

Wer in den letzten zwei Jahren einen schweren Unfall hatte oder sonstige Operationen, sollte nicht fliegen.

Übergewicht?

Ich nehme keine Passagiere über 100 Kilogramm mit. Selber bin ich knappe 90 Kilogramm schwer.

Je schwerer das Tandem, desto schneller auch der Flug.

Mit einem knapp 100 Kilogramm schweren Passagier habe ich einmal eine Geschwindigkeit von 230 Stundenkilometer erreicht. Zum Vergleich: Mit einer 60 Kilogramm schweren Person komme ich auf 190.

Gab es auch lustige Momente?

Den Tandemsprung mit meiner ältesten Passagierin werde ich niemals vergessen. Die 68-jährige Dame redete ununterbrochen vor lauter Nervosität, bis ich sie am Schirm um Ruhe bat.