Pilotprojekt

Syrische Flüchtlinge erhalten Unterschlupf bei einem Aargauer Ehepaar

Seit dem 1. April 2015 lebt das Ehepaar Marie-Theres und Alois Kaufmann aus Sins in einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Sie teilen ihr Haus mit einer syrisch-kurdischen Familie – dank einem Pilotprojekt der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.

Ein idyllisches Einfamilienhaus mit gepflegtem Garten mitten in Sins. Von aussen ist nicht erkennbar, dass hier seit einem Monat eine in der Deutschschweiz bisher kaum gekannte Wohnform praktiziert wird.

«Wissen Sie», erklärt Marie-Theres Kaufmann, «nach dem Auszug unserer vier Söhne war es im Hause doch manchmal sehr still.» Als sie dann vor einigen Monaten vom Pilotprojekt der Schweizerischen Flüchtlingshilfe las, war ihr rasch klar, dass sie sich da melden würde. Denn schon seit Jahren kümmert sich Marie-Theres aktiv um die Integration von Ausländern im Dorf; sie war es auch, die den ersten Deutschkurs für Fremdsprachige in Sins organisiert hat. Und ihren Gatten Alois Kaufmann brauchte sie erst gar nicht zu überzeugen, er war von Anfang an einverstanden.

Sinser Ehepaar hat ein Herz für Asylbewerber

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Die Kaufmanns nehmen, im Rahmen eines Projekts der Flüchtlingshilfe, als erste in der Schweiz eine syrische Familie bei sich auf. Sie geniessen den kulturellen Austausch und wollen auch andere zu diesem Schritt ermutigen.

So kam es, dass die dreiköpfige syrisch-kurdische Familie Milad Kourie und Merna Ablahad mit ihrem Sohn Elias in das Obergeschoss der Familie Kaufmann einziehen konnten. Und weil die Kaufmanns in Sins die ersten sind, die in der Deutschschweiz mitmachen, erhielt ihre Wohngemeinschaft dadurch auch gleich den Status «Pilotprojekt».

Keine Alternative

«Wenn Private Flüchtlinge bei sich aufnehmen, dann erleichtert und beschleunigt das die Integration, und zwar sozial, wirtschaftlich und kulturell», sagt Stefan Frey, Projektleiter Private Unterbringung bei der Flüchtlingshilfe. Dabei gebe es nur Gewinner: Die Flüchtlinge fänden sich viel schneller im neuen Land zurecht, fänden schneller Arbeit und entlasteten so die öffentlichen Finanzen.

Aber für Frey ist klar: Die private Unterbringung kann die bisherige Regelung mit den kantonalen Unterkünften natürlich nicht ersetzen. Sie ist eine Ergänzung, keine Alternative.

Entsprechend bescheiden sind denn auch die Ziele: Mittelfristig sollen schweizweit 200 bis 300 private Unterbringungen wie in Sins gelingen.

Aufwendiges Auswahlverfahren

Wer sich als Flüchtling für eine private Unterbringung bewirbt, muss gute Voraussetzungen haben, dass er oder sie in der Schweiz bleiben kann. Bewerber müssen zudem einen aussergewöhnlichen Integrationswillen nachweisen können.
Wer Flüchtlinge bei sich aufnehmen möchte, kann sich bei der Flüchtlingshilfe melden.

Dann beginnt ein aufwendiges Prüfverfahren unter Einbezug von Kanton und Gemeinde. Sind alle Hürden genommen und sind sich auch Gastgeber und Flüchtlinge sympathisch, dann erst klappt es mit der privaten Unterbringung. Sie dauert mindestens sechs Monate. Im Idealfall werden danach die ehemaligen Flüchtlinge in die Selbstständigkeit entlassen; es ist aber auch gut möglich, dass sie zurück in eine offizielle Unterkunft müssen.

Pragmatisch sieht Stephan Müller, Fachbereichsleiter Asylwesen beim Kanton, das Projekt der Flüchtlingshilfe: «Im Grundsatz steht der Kanton hinter dem Projekt», sagt Müller. «Auch wenn der Aufwand erheblich ist, wir machen da gerne mit.»

Aber auch für Müller ist klar, dass das Projekt das Problem nicht lösen kann. Doch das soll es auch gar nicht. «Ich bin überzeugt, jede Unterbringung, die gelingt, trägt zum besseren Verständnis der Flüchtlingsproblematik bei», sagt Projektleiter Stefan Frey.

Da lassen Milad und Merna über ihre Dolmetscherin ausrichten, sie seien sehr dankbar, bei den Kaufmanns sein zu dürfen. Hier hätten sie keine Angst mehr. Beide besuchen fleissig den Deutschkurs. Er am Morgen, sie am Nachmittag. Wer keinen Kurs hat, hütet den kleinen Elias.

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