Jonen
Strenge Auflagen nehmen Elektrogleitern den Wind aus den Segeln

Martin Nietlispach hat einen eigenen Elektroantrieb für seinen Hängegleiter entwickelt. Dieser ist in der Schweiz neu auch legal. Allerdings darf nur noch mit Fahrwerk und von einem Flughafen gestartet werden. Nietlispach weicht auf Deutschland aus.

Dominic Kobelt
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Martin Nietlispach würde gerne auch in der Schweiz mit seinem Elektrogleiter von einer Wiese aus starten.

Martin Nietlispach würde gerne auch in der Schweiz mit seinem Elektrogleiter von einer Wiese aus starten.

zvg

Seit kurzem ist es dank einem neuen Gesetz erlaubt, dass Hängegleiter mit Elektroantrieb in der Schweiz fliegen dürfen. Das sollte Martin Nietlispach aus Jonen eigentlich freuen, denn er fliegt leidenschaftlich gern.

Aber Nietlispachs Stimmung ist getrübt: «Man hat uns inakzeptable Auflagen gemacht.» Einerseits müssten die Hängegleiter auf einem Flugplatz starten, zudem müssten sie ein Fahrgestell haben. Der Joner startet aber lieber «zu Fuss», wie er sagt: «Wenn man kein Fahrgestell hat, kann man notfalls auch auf einem Acker landen – das ist also sicherer.

Mit Fahrgestell braucht man eine Piste.» Zudem verliere der Hängegleiter an Aerodynamik, was nicht zu vernachlässigen sei, weil der Elektromotor dann mehr Leistung bringen müsse.

«Wandern in der Luft»

Warum fliegt der Joner überhaupt mit Elektroantrieb? «Wir haben an bestimmten Tagen im Jahr Wetterlagen, bei denen man perfekte Aufwinde schon in geringer Höhe antrifft», erklärt Nietlispach. «Um an diese Aufwinde zu gelangen, muss man zuerst einige hundert Meter in die Höhe steigen.»

Bis anhin konnten die Piloten dies auf drei Arten bewerkstelligen. Eine Möglichkeit ist, in den Bergen zu starten. «Das nimmt aber viel Zeit in Anspruch, je nach Anfahrtsweg.» Eine andere Art zu starten, ist mit einer Motorwinde die Höhe zu gewinnen oder sich an ein Schleppflugzeug zu hängen.

«Dies ist wiederum mit viel Zeit- und zusätzlichem Personalaufwand verbunden.» Nietlisbach möchte auch nicht mehr mit einer Motorwinde starten, seit er einmal fast verunfallt ist. «Es braucht einen Windenfahrer – die Motorwinde ist auf einem Auto montiert –, der einen hochzieht. Ich möchte aber selber über den Aufstieg bestimmen.»

Mit dem neuen Gesetz gibt es nun eine zusätzliche Möglichkeit: Mit der Energie eines leistungsfähigen Akkus kann man heute 1000 Meter Höhe in rund 15 Minuten erreichen, wo man dann den Motor abstellt und «die Wanderung in der Luft beginnt», wie sich Nietlispach ausdrückt.

Gleiter ging in Flammen auf

Nietlispach ist schon elektrisch geflogen, er hat sogar selber einen Antrieb gebaut, den er am Deltasegler einhängen und damit auf einer 30 Meter langen Wiese starten konnte. Vor drei Jahren dann der Unfall: Beim Start bediente Nietlispach seinen Gleiter falsch und stürzte ab, seine Konstruktion ging in Flammen auf.

Er habe vorübergehend mit dem Fliegen aufgehört, sei aber nicht mehr derselbe Mensch gewesen, sagt der Freiämter heute. «Wenn man einmal das Gefühl erlebt hat, geräuschlos durch die Luft zu segeln, kann man nicht mehr ohne.» Heute steigt er wieder in die Lüfte, allerdings ohne Elektroantrieb. Aufgegeben hat er nicht. Eine neue Konstruktion ist in Entstehung.

Zurück zum neuen Gesetz: Nietlispach versteht nicht, warum er in der Schweiz ein Fahrgestell braucht: «Ich muss meine ökologische Fliegerei in eine CO2 belastende Angelegenheit verwandeln, weil ich dafür ins Ausland fahren muss. Hinzu kommt, dass es in der Schweiz dank der Alpenkette meistens nur geringe Windgeschwindigkeiten gibt, wir sind an der günstigsten Lage dieser Erde, um dieser Freizeitbeschäftigung zu frönen.»

Die Naturschutzverbände sind dagegen froh, dass nur auf Flugplätzen gestartet werden darf. «Schon so ist mit der Lockerung des Verbots völlig unklar, wie Schutz- und Ruhegebiete für Vögel und Wild nach der durch die Motorisierung möglichen, massiven Ausweitung der Reichweite von Hängegleitern vor Störungen geschützt werden können», sagt Rico Kessler von Pro Natura.

«Es ist auch ein Fehlschluss, dass Elektromotoren keinen Lärm verursachen.» Der Rotorenlärm sei der gleiche. «Elektrisch angetriebene Luftfahrzeuge ersetzen die treibstoffbetrieben nicht. Es kommt schlicht eine weitere Störung der Natur hinzu.»