Seit einem Jahr ist Janine Fischer Leiterin der Einwohnerdienste in Muri. Bei jeder Abstimmung, die sie seither miterlebt hat, erhielt sie zahlreiche Reklamationen von Bürgern, deren Abstimmungsunterlagen unvollständig oder falsch bepackt waren. «Manchmal fehlte der Stimmrechtsausweis, dafür steckten in anderen Couverts zwei Stimmrechtsausweise», erzählt Fischer. «Ich habe dann begonnen, die Reklamationen zu sammeln. Bei der letzten Abstimmung waren es 23. Davor waren es auch immer um die 20. Das ist einfach zu viel. Wenn die Leute schon abstimmen wollen, dann sollte man sie nicht auf diese Weise daran hindern.»

Sie suchte das Gespräch mit dem Sozialunternehmen, das seit 18 Jahren schon die Stimmunterlagen für die Gemeinde Muri verpackt. «Es passierte trotz Intervention und Verbesserungsvorschlägen einfach immer wieder. Das sind Fehler, die nicht akzeptiert werden können. Schlimmstenfalls könnte so etwas zu einer Stimmrechtsbeschwerde führen.»

Vertrag aufgelöst

So beschloss die Gemeinde, den Vertrag mit dem Unternehmen aufzulösen, das damit wirbt, Erwerbslosen und psychisch Beeinträchtigten an verschiedenen Standorten im Aargau eine langfristige Integration oder Reintegration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Auf der Suche nach einem neuen Anbieter gelangte die Gemeindeverwaltung an die Stiftung «Orte zum Leben» in Lenzburg. Da finden Menschen mit verschiedensten Beeinträchtigungen, insbesondere geistig und körperlich Behinderte, einen Ort zum Leben und Arbeiten.

Daniel Schneeberger, Bereichsleiter Arbeit, bestätigt: «Wir haben in Lenzburg und Oberentfelden 172 100 %-Arbeitsplätze und 152 Wohnplätze. Unser Ziel ist die Integration unserer Klienten in den 1. Arbeitsmarkt. Darum ist uns jeder Auftrag wichtig und wir verfolgen die Maxime 100 Prozent Qualität und null Toleranz, was Fehler anbelangt.»

Grün, gut – rot, von vorn

Darum arbeiten in der Stiftung immer zwei Klienten zusammen, wenn es darum geht, Stimmunterlagen zu verpacken. Einer packt ein, der andere wiegt das Couvert auf einer Präzisionswaage. «Wenn das grüne Lämpchen leuchtet, ab damit in den Postkorb. Wenn das rote leuchtet, nochmals von vorn», fasst Schneeberger zusammen.

Mittlerweile zählen acht grosse Gemeinden auf die Dienste von «Orte zum Leben». Allein für Muri sind das für jede Abstimmung rund 5000 Couverts, die mit Stimmunterlagen zu bestücken sind. Reich wird die Stiftung mit diesen Aufträgen nicht, «es ist ein Nullsummenspiel», so Schneeberger. Aber die Mitarbeiter sind stolz auf ihren Beitrag zu einer funktionierenden Demokratie.