Merenschwand
«Stimmung in Merenschwand ist viel offener und konstruktiver»

Venanz Nobel hat als Fahrender einst vier Jahre in Merenschwand gelebt. Er ist längst sesshaft geworden, erinnert sich aber noch immer an seine Zeit im Freiamt. Venanz über Vorurteile gegenüber Fahrenden, über die jenische Lebensart.

Eddy Schambron
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Der Jenische Venanz Nobel vor einem alten Schulbild, das alle Klischees des Zigeunerlebens bedient: Ein armselig gekleideter Korbmacher, schöne, feurige Frauen, die Grossmutter schon fast als Kräuterhexe und der Sippenchef wohlgekleidet vor seinem Wohnwagen.

Der Jenische Venanz Nobel vor einem alten Schulbild, das alle Klischees des Zigeunerlebens bedient: Ein armselig gekleideter Korbmacher, schöne, feurige Frauen, die Grossmutter schon fast als Kräuterhexe und der Sippenchef wohlgekleidet vor seinem Wohnwagen.

ES

Im Büro von Venanz Nobel, Vizepräsident des transnationalen Vereins «Schäft qwant» für jenische Zusammenarbeit und Kulturaustausch in Basel, stehen zahlreiche Modellwohnwagen auf dem Regal. Ebenso hat es Abbildungen an den Wänden, welche alle Klischees des Zigeuner- lebens bedienen. «Kinder des Windes» ist nur eines der zahlreichen Bücher rund ums Thema Fahrende. Der 57-jährige Nobel hat früher in Merenschwand gelebt und verfolgt die Entwicklung um den geplanten Durchgangsplatz Benzenschwil interessiert und engagiert.

Herr Nobel, wann haben Sie in Merenschwand gelebt?Venanz Nobel: Das war zwischen 1975 und 1979. Ich wohnte in einem Haus. In den 80er-Jahren stand ich zudem mit dem Wohnwagen oft auf dem Parkplatz bei der Brücke Richtung Obfelden.

Sie durften dort sozusagen wild campieren?
Ja, das ging. Es war in einer Zeit, als es noch fast keine offiziellen Plätze für uns Fahrende gab. Man fuhr auf einen geeigneten Platz, redete mit den Leuten, informierte die Polizei, man werde zwei, drei Wochen da sein. Einige Leute waren sogar froh, dass ich beispielsweise beim Parkplatz Obfelden stand. Es werde dann weniger in ihre Autos eingebrochen - gerade das Gegenteil, was man heute über Fahrende erzählt (lacht). Nach Mitte der 90er-Jahre begann sich die Situation aber zu verschärfen. Es wurde schwierig, Plätze für zeitlich befristete Aufenthalte zu finden.

Wie haben Sie die Merenschwanderinnen und Merenschwander erlebt?
Ich bin selber auf dem Land aufgewachsen, am oberen Zürichsee. Nachdem ich in der Stadt Zürich gelebt hatte, war der Umzug nach Merenschwand so etwas wie ein Stück nach Hause, aufs Land, zu kommen. Die Mentalität ist nicht anders als dort, wo ich aufgewachsen bin. Es gab eine gewisse Reserviertheit Fremden gegenüber, die ich persönlich aber nicht so sehr gespürt
habe. Ich war nicht so ausgeschlossen, wie wenn ich einen dunklen Kopf gehabt hätte.

Sie sind offenbar ein sesshafter Fahrender. Weshalb?
Einerseits hatte ich mich mit dem Projekt eines alten Holzwohnwagens übernommen, andererseits immer weniger Chancen, mit dem Wagen länger als zwei, drei Wochen zu bleiben. Ende der 90er-Jahre hatte ich ein Stück Gewerbegebiet vom ABB-Konzern gemietet, darauf gelebt und Altmetallhandel betrieben. Dann kaufte der Kanton das Land und ich erhielt die Kündigung mit der Begründung, auf Industrieland dürfe nicht gewohnt werden. Das alles zermürbte mich, ich hatte keine Kapazität mehr, mich für mein Volk mit Öffentlichkeitsarbeit einzusetzen. Mit der Wohnung hatte ich Ruhe vor den Behörden und wieder Zeit, mich kulturell und politisch einzusetzen. Heute ist mein erster Broterwerb der erlernte Beruf des Buchhalters. Daneben arbeite ich publizistisch und habe an einem historischen Forschungsprojekt für Jenische mitgearbeitet.

Sie sind Vizepräsident des Vereins «Schäft qwant», der den Austausch und die Kooperation zwischen den Jenischen und ihrer Organisation über die Landesgrenzen hinweg erleichtert und fördert. Was heisst «Schäft qwant»?
«Schäft qwant» ist jenisch und bedeutet «Es wird gut». Deshalb habe ich das Logo des Vereins in einer Fotomontage auf unserer Homepage auch auf das Plakat beim geplanten Durchgangsplatz in Benzenschwil gesetzt.

Wäre der geplante Durchgangsplatz an einem guten Ort?
Von der Lage her wäre er ideal. Er hat gute Zufahrtsmöglichkeiten, man muss nicht durch enge Dörfer fahren, er liegt am Rand und auch nicht in einer konfliktbeladenen Zone. Die Gewerbebetriebe werden nicht gestört. Auch in einem grösseren geografischen Rahmen gesehen ist der Platz am richtigen Ort. Sesshafte verbinden heute Fahrende mit der eigenen Vorstellung von Mobilität. Der sesshafte Mensch ist sich gewohnt, schnell weite Strecken zurückzulegen. Fahrende hingegen, ich nenne sie jetzt einmal «Wanderhandwerker», haben ein ganz anderes Reisetempo und einen anderen Reiseraum. Sie arbeiten im Gebiet, wo sie sich aufhalten. Für das Freiamt ist damit der Durchgangsplatz in Oberwil bei Cham keine Alternative.

Zusätzliche Durchgangsplätze sind für Fahrende also zwingend?
Durchgangsplätze bieten den notwendigen Ersatz für das frühere, informelle Netz, auf das Fahrende zurückgreifen konnten –- öffentliche Räume, Kiesgruben, Bauern. Dieses hat sich auch mit der Verschärfung des Raumplanungsgesetzes weitgehend aufgelöst.

Sie waren an der Orientierungsversammlung in Merenschwand. Wie empfanden Sie die Stimmung?
Viel besser, als aufgrund der Gegnerschaft zu befürchten war. Der harte Kern der Opposition war klar lokalisiert. Andere Leute mit Einwendungen und kritischen Meinungen kamen mir offener für Antworten vor. Das empfand ich auch in den Gesprächen nach der Versammlung so. Selbst ablehnend eingestellte Leute zeigten sich grundsätzlich interessiert.

Wie ordnen Sie die Opposition in Merenschwand gegen den Platz ein?
Es ist eine kleine Gruppe, die relativ laut zu sein versucht. Wenn ich das mit der Abstimmung in Ibach SZ vor rund drei Jahren vergleiche, ist die Stimmung in Merenschwand viel offener und konstruktiver.

Fahrende sind für die meisten Sesshaften ein Buch mit sieben Siegeln. Was tun Fahrende dafür, dass ihre Lebensart besser verstanden wird?
Wir betreiben über verschiedene Organisationen Öffentlichkeitsarbeit. Vor allem über elektronische Medien versuchen wir, Aufklärungsarbeit zu machen. Wir sind ein kleines Volk: Rund 30 000 Jenische leben in der Schweiz, davon sind knapp zehn Prozent, also 3000, Fahrende. Die machen für ihre Möglichkeiten viel. Ein beliebter Anlass ist zum Beispiel die Feckerchilbi in Brienz, früher in Gersau. Wir zeigen, dass Jenische nicht vom Mars gefallen und nicht exotisch sind, sondern ein jahrhundertealter Teil unserer Gesellschaft.

Kann ich auch Fahrender werden?
Fahrender können Sie werden, aber nicht ein Jenischer. Wir sagen, wer ein jenisches Grosselternteil hat und die jenische Lebensweise teilt, ist ein Jenischer. Aber wir betreiben keine Blut- und Boden-Ideologie. Deshalb sind auf Durchgangs- und Standplätzen nicht nur Jenische anzutreffen, sondern auch Schweizer Fahrende, die aus irgendwelchen Gründen zu uns gestossen sind – zum Beispiel durch Einheirat – und jetzt das Leben der Fahrenden teilen.

Obwohl viele Sesshafte kaum oder wenig Kontakt mit Fahrenden haben oder hatten, sind Ängste vorhanden. Woher rühren sie?
Das geht bis ins Mittelalter zurück, als die Obrigkeit Bettlerjagden veranstaltete. Mit der Industrialisierung kam es zu einer Entfremdung zwischen den Bevölkerungsteilen. Man muss bedenken: Jedes Dorf kannte die Jenischen, die in der Gegend herumzogen und im Jahresturnus wiederkamen. Mit denen trieb man Handel, jasste in der Beiz, erfuhr in einer Zeit ohne Medien die neusten Nachrichten. Das hat sich mit der modernen Gesellschaft verflüchtigt. Man wollte Jenische sesshaft machen, nahm ihnen die Kinder weg, es wurden und werden auch in den Medien Ängste geschürt. Interessant festzustellen ist, dass dort, wo traditionell lebende Jenische und die traditio-
nell lebende Mehrheitsgesellschaft immer noch enger verzahnt sind, beispielsweise in Graubünden, die Ängste und die Skepsis geringer sind.

Dort sind Fahrende gern gesehen?

Auch dort werden Fahrende vielleicht etwas schräg angeschaut. Aber dort kann man zwischen einem «fremden Fötzel» und einem Jenischen sehr wohl unterscheiden. Je stärker die Entfremdung zwischen den verschiedenen Volksteilen ist, desto mehr gibt es für viele nur noch einen Sack, wo alles reingepackt wird – der Zigeunersack. Das aber entspricht nicht der Realität.

Im Freiamt ist das der Fall?
Traditionelle Fahrende, die während Jahrzehnten zum Dorfbild auch mancher Freiämter Gemeinde gehörten, verschwanden ab den 1970er-Jahren zunächst von den geduldeten Halteplätzen, dann nach und nach auch aus der Erinnerung. Leute mit jenischer Abstammung wohnen heute unerkannt in Freiamt, verbergen ihre Herkunft aus Angst, mit den Vorurteilen gegen Zigeuner in Verbindung gebracht zu werden.

Oft kommt der Vorwurf, Fahrende hinterliessen eine Sauerei
Dieser Vorwurf ist manchmal berechtigt. Er betrifft aber nur gewisse Gruppen, die eigene Reinlichkeitsvorstellungen haben. Aber ich mag die Ein- und Ausgrenzung von in- und ausländischen Fahrenden nicht. Jenische aus unserem Kulturkreis leben gleich sauber wie Sesshafte, ob sie nun aus der Schweiz, aus Deutschland oder Frankreich kommen.

Grosse Zugfahrzeuge, luxuriöse Wohnwagen: Kann man als Fahrender so viel verdienen, dass man sich diese Kombinationen leisten kann?
Diese Frage begleitet mich von Kindsbeinen an (lacht). Für Zugfahrzeuge gibt es gewisse minimale Vorschriften, damit man überhaupt einen Wohnwagen ziehen darf. Die Wohnwagen sind so gross, weil ganze Familien ganzjährig darin leben. Mein Wohnwagen war 2,5 mal 10 Meter, und wir haben zu dritt darin gelebt. Schlafzimmer, Dusche, Kinderzimmer, Stube – das muss einem zuerst jemand nachmachen und dann noch sagen, der Wohnwagen sei ein Riesending. Zum Finanziellen: Fahrende müssen keine Wohnung finanzieren, keine Möbel kaufen, machen keine Flugreisen. Wir finanzieren unsere Bleibe wie Sesshafte ihre Eigentumswohnung oder ihr Haus. Die Monatsraten für Fahrzeug und Wohnwagen plus Miete der Standplätze – das entspricht dann monatlich etwa dem
Betrag für eine mittelgrosse Wohnung, 1000 bis 1600 Franken.

Bauern sagen, mit den Fahrenden mache man schlechte Erfahrungen.
Das mag bei bestimmten Gruppen in neuerer Zeit so gewesen sein. Aber oft hält die Behauptung einer genaueren Nachprüfung auch nicht stand. Als ich noch im Wohnwagen lebte, kamen einmal zwei zivil gekleidete Männer auf den Platz und durchsuchten die Abfallkübel. Ich fragte sie, was das soll. Sie wiesen sich dann als Kantonspolizisten aus und teilten mir mit, im Nachbardorf seien teure, seltene Hühner gestohlen worden. Vielleicht würden sie hier Knochen finden. Ich erklärte ihnen, dass sie im Abfallkübel allenfalls die Quittung aus der Migros oder dem Coop finden würden, denn ich würde das Poulet jeweils dort kaufen. Das Beispiel zeigt: Ein altes Denkmuster ist immer noch lebendig, sogar die Polizei ist nicht davor gefeit.

Fahrende wählen ihre Lebensweise selber. Warum schaffen sie nicht auch selber die Grundlage für ihre Lebensweise? Weshalb muss der Staat Durchgangs- und Standplätze zur Verfügung stellen?
Es gibt Fahrende, die sich ihr eigenes Winterquartier finanziert haben. Aber längst nicht alle können sich das leisten. Es können sich ja auch nicht alle Sesshaften ein Haus kaufen, sondern sind auf Mietwohnungen angewiesen. So geht es auch Fahrenden. Sie mieten den Platz. Abgesehen davon sind die Plätze, die der Kanton erstellt, kostendeckend oder sogar rentabel.

Aber geniessen Jenische nicht doch einen Sonderstatus?
Früher konnte man mit einem Gemeindepräsidenten per Handschlag ein Winterquartier abmachen. Das geht nicht mehr. Deshalb müssen Durchgangs- und Standplätze zur Verfügung stehen. Wir fordern damit auch keine Sonderrechte. Der Bauer verlangt nach Landwirtschaftsland, der Gewerbler nach Gewerbezonen. Wir geben Geld aus für die Erhaltung der rätoromanischen Sprache, fördern die Kultur in verschiedenen Bereichen. Abgesehen davon hat die Schweiz auch Minderheitschutzkonventionen unterschrieben. Wir wollen die Rechte, die wir haben, wahrnehmen können – genau wie alle andern auch. Wir zahlen – genauso wie alle andern – unsere Steuern und sind ein Teil der Gesellschaft.

Aber ist die Lebens- und Arbeits-weise der Fahrenden in der heutigen, modernen Welt nicht ein Auslaufmodell?

Die fahrende Lebensweise wurde im Laufe der Geschichte immer wieder totgesagt. Wir sind immer noch da. Ein altes Sprichwort sagt, ein rechter Jenischer habe mindestens 20 Berufe. Das bedeutet nichts anders, als dass man sehr flexibel auf den Markt und die Möglichkeiten reagieren muss. Wurde ganz früher viel Fernhandel betrieben, sind Jenische heute kleinräumiger tätig oder im Internethandel aktiv. Aus dem ursprünglichen Altstoffhandel ist beispielsweise der Antiquitätenhandel geworden. Wir müssen schnell auf die veränderten Bedürfnisse reagieren und unsere Dienstleistungen daran anpassen.

Welche Prognose geben Sie dem Durchgangsplatz Merenschwand?
Am Ende der Orientierungsversammlung hatte ich ein gutes Gefühl. Der Kanton Aargau macht in unserem Bereich eine solide Öffentlichkeitsarbeit. Auch wir Jenischen haben aus Fehlern der Vergangenheit gelernt, als wir uns jeweils zu spät in die Debatte eingebracht haben. Wenn wir zusammen am gleichen Strick ziehen, den Dialog suchen, miteinander reden und so vorhandene Vor-
urteile abbauen können, sehe ich schon eine Chance, den Platz in Benzenschwil realisieren zu können.