Frau H. wollte sterben. Palliative Care, also Massnahmen, die das Leiden eines unheilbar kranken Menschen lindern und ihm eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende verschaffen, war für sie keine Option mehr. Die Pflegi Muri ermöglichte es Frau H., mit der Sterbehilfeorganisation Exit freiwillig aus dem Leben zu scheiden. «Wir haben Exit die Zulassung in unser Haus gegeben, weil wir die Selbstbestimmung unserer Bewohnerinnen und Bewohner konsequent umsetzen wollen», machte Pflegi-Direktor Thomas Wernli an einem von Daniela Foos moderierten Themenabend deutlich. Seitdem haben in der Pflegi drei Personen auf diese Weise die Welt verlassen.

Mit einem Geburtsgebrechen geschlagen, mit einer Hirnhautentzündung als Zweijährige, die zum Stottern und zu einer schweren Schulzeit führte, mit dem frühen Tod ihres Vaters war das Leben für Frau H. von Anfang an schwierig, wie sich ihre Schwester erinnert. «Sie hatte immer Schmerzen und wohl 60 Operationen in ihrem Leben». Sie griff irgendeinmal zur Flasche, hatte mehrere Alkoholentzüge hinter sich und kam trotzdem nicht von ihrer Sucht los. Mit nur 31 Jahren starb 2011 ihr über alles geliebter Sohn. 2016 kam sie in die Pflegi Muri. Ein fataler Sturz hatte vier Operationen und zusätzlich eine schwere Infektion zur Folge. «Davon erholte sie sich nicht mehr.» Als sie im Herbst 2017, 60-jährig, ihre Schwestern von ihrem Entschluss in Kenntnis setzte, mit Exit ihrem Leben ein Ende zu bereiten, «war das, wie wenn jemand einem mit dem Hammer auf den Kopf schlägt».

Viele Gespräche

Es folgten viele Gespräche. «Mit jemanden, den man liebt, auf einen bestimmten Todestag zu warten, ist sehr schwierig», sagte die Schwester. Auch für das pflegende Personal war der Entscheid von Frau H. eine Herausforderung, wie die Wohngruppenleiterin der Pflegi ausführt. Selbst für die Exit-Sterbebegleiterin: «Ich bin nicht nur Freitodbegleiterin, sondern auch im Beratungsteam für spezielle Fälle», erklärte sie. Frau H. war so einer. So gefährdete sie zeitweise mit ihrem extensiven Alkoholgenuss ihre Urteilsfähigkeit, eine unabdingbare Voraussetzung für den Freitod mit Exit. Schliesslich war auch der katholische Pflegi-Seelsorger Andreas Zimmermann auf Wunsch von Frau H. an ihrer Seite, obwohl sie einen Buddha im Zimmer aufgestellt hatte. «Ich beschloss, sie bis zum letzten Moment zu begleiten, ohne zu beurteilen, ob ihr Entschluss richtig ist oder falsch.»

Tag X

Die drei Schwestern konnten die Nacht vor dem Freitod mit Frau H. in einem grossen Pflegi-Zimmer verbringen. Am Tag X war Frau H. «klar und ruhig wie selten, ohne Alkohol», führte Zimmermann aus. Sie rauchte in der Raucherecke Zigaretten, nahm dort von zwei Freunden, auch Pflegi-Bewohner, Abschied, kam dann zurück ins Zimmer, verabschiedete sich von ihren Schwestern mit einer Umarmung und einem Kuss. Sie bejahte zum wiederholten Mal die Frage, freiwillig aus dem Leben gehen zu wollen, trank das Sterbemittel und schlief eine Viertelstunde später für immer ein. «Es war eine sehr schöne Stimmung, obwohl es traurig war», stellte die Sterbebegleiterin fest.

Die Angehörigen zeigen sich dankbar, dass die Pflegi diese Sterbemöglichkeit zulässt. Sie finden, so wie die Sterbebegleiterin, Palliative Care und Exit seien kein Widerspruch. Ihrer Schwester sei die Palliative Pflege angeboten worden, sie habe sich jedoch für den anderen Weg entschieden. «Wenn man das Wohl von Patientinnen und Patienten im Vordergrund sieht, ist es keiner», kommt die Wohngruppenleiterin zum Schluss. Sie räumt ein, dass ein konkreter Sterbewunsch für Mitarbeitende nicht einfach sei. «Aber wir werden in einer solchen Situation von der Pflegi und auch von Exit gut betreut und begleitet.» Und was meint der katholische Seelsorger zum Widerspruch zwischen Pflege bis zum Schluss und Freitod? «Ich weiss nicht, ob man das generell beantworten kann», sagt Zimmermann. «Nachdem ich diese Freitodbegleitung erlebt habe, finde ich, es muss kein Widerspruch sein.»