1953 machten Arbeiter während der Renovationsarbeiten in der Klosterkirche Muri einen sensationellen Fund: Sie gruben in der Kirche uralte Gebeine aus, hinter denen man die Klosterstifter Radbot und Ita von Habsburg und den Fürstabt Jodok Singisen vermutet. Die im 11. Jahrhundert angelegten Gräber wurden sofort wieder zugeschüttet und nicht näher untersucht.

Bei den Ausgrabungen der Stiftergräber kamen drei Schachtgräber zum Vorschein. Sie waren nebeneinander angeordnet. Das nördlich gelegene Grab enthielt zwei ziemlich durcheinanderliegende Skelette, vermutlich von einem Mann und einem Kind. Im südlich anschliessenden Grab befand sich ein einzelnes, schon stark zersetztes Skelett, wahrscheinlich von einer Frau. Darin fand man in der Darmgegend einige Kirschensteine, was der Historiker Bruno Meier in seinem 2011 erschienenen Buch über das Kloster Muri als Hinweis auf die Jahreszeit oder die Ursache des Todes (eine Darmentzündung?) wertet.

Fünf Tage nach der Öffnung der Stiftergräber wurde auch das Grab von Fürstabt Jodok Singisen geöffnet, der im 17. Jahrhundert das Kloster um die Bibliothek und den Singisenflügel erweitern liess und die bestehende Klosterschule zum Gymnasium ausbaute.

Etwas Licht ins Dunkel

60 Jahre später fällt etwas Licht ins Dunkel: In Archivschachteln, die sich in der Bibliothek des Benediktinerhospizes in Muri befunden haben müssen, fand man Fotografien und Pläne aus der Zeit der Renovation der Klosterkirche. Auch die Fotos von den Ausgrabungen der Gräber, die man verschollen glaubte, kamen wieder zum Vorschein. Peter Hägler, Geschäftsführer der Stiftung Kloster Muri, ist begeistert: «Die Dokumente sind ein wichtiger Mosaikstein zur weiteren Erforschung der Klostergeschichte.» Die Stiftergräber lassen heute noch einige Fragen offen, die die Wissenschaft klären muss. Ein wichtiges Element soll die im Entstehen begriffene Masterarbeit der Geschichtsstudentin Franziska Jahn aus St. Gallen liefern, die sie an der Universität Zürich verfasst.

Den offiziellen Ausgrabungsbericht habe man noch nicht gefunden, bemerkt Hägler. Dafür konnte er ein anderes Dokument aufspüren: die Doktorarbeit des Basler Kunsthistorikers Erwin Treu, die dieser 1955 an der Universität Basel einreichte. Auf 400 Seiten dokumentierte Treu die Baugeschichte der Klosterkirche von der Romanik bis zum Barock. Treu wollte mit dieser Dissertation die Doktorwürde erlangen. Dann aber wechselte er sie aus und verfasste eine Doktorarbeit über die Basler Künstlerfamilie Holbein, ein Thema, «das den Baslern offenbar viel näher lag als die Klosterkirche Muri, die man in Basel kaum näher kannte», mutmasst Hägler.

Ein Basler «spioniert» in Muri

Lange glaubte man, dass Treu bereits tot sei und nicht mehr befragt werden könne. Dann sickerte durch, dass dieser hochbetagt – inzwischen 88 Jahre alt – noch in Ulm lebe. Hägler machte sich zusammen mit einer Delegation auf die Spur des Totgeglaubten und traf ihn in bester Verfassung und äusserst auskunftsfreudig an. «Er hat uns viel darüber erzählt, wie er seine Studien in Muri anstellte», berichtet Hägler. So wurde bekannt, dass Treu den Arbeitern und Restauratoren während der Renovationsarbeiten in der Klosterkirche über die Schultern schaute und auch die Ausgrabung der Stiftergräber mitverfolgte. «Ich kann mir vorstellen, dass die an der Kirchenrenovation Beteiligten im katholischen Muri den reformierten Basler Wissenschafter Treu mit einigem Argwohn beobachtet haben», meint Hägler. Treu habe die Stiftergräber aber nicht selber ausgehoben, sondern sich auf Untersuchungen entlang der Grundmauern der Kirche beschränkt.