Auf dem Sonnezyt-Hof, am schönsten Aussichtspunkt von Wohlen, packte in den 1950er-Jahren Niklaus Bigler (66) als Bauernbub an, um die Strohballen aufzuladen.

Aus Bigler wurde nach dem Besuch der Bezirksschule kein Bauer, sondern nach dem Studium der Germanistik und Musikwissenschaft in Bern und Wien ein Sprachforscher. Er arbeitete von 1982 bis 2014 als Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch «Idiotikon». Am Internationalen Museumstag im Strohmuseum in Wohlen unterhielt Bigler am Sonntag das in Scharen aufmarschierte Publikum mit heiteren Betrachtungen über das Stroh und seine vielen Bedeutungen.

«Chly Paris» nicht gepachtet

Bigler musste die eingefleischten Wohler gleich mehrmals enttäuschen. Denn das «strauige Rigeli» hat nichts mit der Freiämter Strohgeflechtindustrie zu tun, sondern diente früher als Türschloss, das die Freier beim Kiltgang zur künftigen Braut leicht öffnen konnten. Und den Begriff «Chly Paris» pachteten die Wohler nicht allein für ihr Dorf. Auch Leipzig, Düsseldorf oder Güstrow und andere Ortschaften nannten sich gerne «Klein Paris».

Der «Schiinhut» hält zwar den Sonnenschein ab. Aber der Begriff «Schiin» stamme vom Wort «Schiene» ab. Immerhin sei der Wohler Strohgeflechtindustrie eines zu attestieren: Emanuel Isler (1850-1937), Inhaber einer Handelsfirma in Wohlen, bediente die Redaktion des «Idiotikon», wo Bigler später arbeitete, seinerzeit mit vielen Beiträgen aus dem damals in Wohlen gebräuchlichen Wortschatz.

Stroh sei als Neben- und Abfallprodukt auch häufig verachtet worden, erläuterte Bigler. Aber das scheinbar wertlose Material habe man vielseitig verwendet, nicht zuletzt für das Eindecken der Strohdachhäuser, die im unteren Freiamt im 19. Jahrhundert noch häufig waren. Bigler erinnerte an die Häuser in Niederwil, an das Kleinhansenhaus am Kirchenplatz in Wohlen, das als erstes Schulhaus der Gemeinde diente, an das Güpfhaus und an das Deckerhaus an der Zentralstrasse, das 1960 durch das damals mondäne Kaufhaus «Zur Stadt Paris» ersetzt wurde.

«Du heiliger Strohsack»

Der Begriff «Stroh» findet sich im Strohsack wieder, auch im milden Kraftausdruck «Du heiliger Strohsack», in dem sich das Wort «Sakrament» versteckt, im «Strohwitwer», der auf dem Strohlager allein nächtigen musste, und eben im Strohdach. «Die Strohbarone freilich wohnten nie in einem Strohdachhaus», meinte Niklaus Bigler. Er hatte damit die aufmerksamen Zuhörer und die Lacher auf seiner Seite.