Bei so mildem Winter im Frühling schiessen Blumen und Kräuter wie wild aus dem Boden – gute zwei Wochen früher als in anderen Jahren. Die Pilzkontrolleure Monika Senn und James Gurtner kennen sich mit Heil- und Nutzkräutern gut aus und zeigen auf einem Rundgang, worauf man achten muss.

Kaum zwei Schritte sind wir in ein Waldstück in Sarmenstorf hineinspaziert, als Monika Senn bereits stehen bleibt und auf das erste grüne Pflänzchen zeigt. «Das sind Aronen. Da kommen bei mir Kindheitserinnerungen auf», sagt sie lachend. «Mein Vater hat sie immer in den Omelettenteig gemischt. Man darf aber nicht zu viel nehmen, denn sie sind sehr scharf und können auf der Zunge beissen.» Keine zwei Zentimeter daneben findet sie Veilchen und Waldmeister. «Veilchen hat man früher oft verzuckert und als Garnitur verwendet. Man kann sie aber auch roh in den Salat geben, das gibt eine schöne essbare Dekoration.» Waldmeister hingegen wirke gefässerweiternd, erklärt der Fahrwanger James Gurtner, der als Techniker arbeitet, aber auch eine naturheilkundliche Ausbildung absolviert hat. «Er kann Kopfschmerzen lindern. Wie bei den meisten Kräutern sollte man aber nicht zu viel davon zu sich nehmen, denn sonst kann er auch Kopfschmerzen verursachen.»

Tees und Gemüse aus dem Wald

Gurtner kennt sich aus mit Wildkräutern, verwendet für seine Tees aber meist die getrockneten Pflanzen aus der Drogerie. Die Sarmenstorfer Sozialtherapeutin Monika Senn dagegen sammelt leidenschaftlich frische Kräuter aus Garten und Wald, um sie anschliessend zu trocknen und zu Heilsalben oder bunten und gesunden Teemischungen zu verarbeiten. «Ich trinke jeden Tag mindestens zwei Liter Tee, da brauche ich viele Kräuter», berichtet sie schmunzelnd. Eine weitere ihrer Spezialitäten ist Löwenzahnhonig.

«Ich möchte auch anfangen, mit den essbaren Wildpflanzen zu kochen», sagt Senn. «Denn es gibt so viele spezielle Gerichte, die man zubereiten kann. Und zwar gratis mit Zutaten aus Wald und Wiese. Man muss sich nur die Mühe machen, sich über die Pflanzen zu informieren und in den Wald zu gehen, um sie zu sammeln.» Wer die Pflanzen gar nicht kenne, solle am besten erst an einem Kurs teilnehmen, empfehlen beide. «Gerade im Frühling, wenn die Pflanzen noch keine Blüten haben, können sie sonst leicht verwechselt werden», hält Senn fest.

Sirup, Suppe, Salat, Spargel, Spinat

Einige Schritte weiter entdecken die beiden Holunder, aus dem man vor allem Sirup machen kann. Daneben finden sich Nelkenwurz, Ährige Teufelskralle und Scharbockskraut, die wie Spinat oder als Suppe gekocht werden können. Junge Löwenzahnblätter geben einen schmackhaften Salat ab. «Ganz junge Buchenkeimlinge, die aussehen wie Schmetterlinge, kann man als Antipasti servieren», berichtet Gurtner und steckt sich einen Keimling in den Mund. Die Sprossen des Waldweideröschens könne man wie Spargeln kochen. Am Waldrand und auf Magerwiesen finden Senn und Gurtner bereits Hirtentäschel, das fast einen Monat zu früh dran ist. «Es wirkt blutstillend, ist aber auch im Salat lecker», so Gurtner. Der Spitzwegerich hingegen wirkt als Tee gegen Husten und ein bisschen zerdrückt gegen Mückenstiche. Sehr fein sei die Vogelmiere, die wie die Brennnessel viel Vitamin C enthalte und fast überall zu finden sei. Senn zückt eine Statistik: «Die Brennnessel enthält etwa 18-mal mehr Kalzium, 8-mal mehr Eisen und 25-mal mehr Vitamin C als ein Kopfsalat», liest sie vor. Die Brennnessel sei zudem blutreinigend und wassertreibend. Genau wie der Bärlauch gehört sie zu den Pflanzen, die im Frühling sehr wohltuend und entschlackend auf den Körper wirken. «Im Frühling hat man vor allem Vitamine und blutreinigende Stoffe nötig», erklärt Gurtner. Senn fährt fort: «Beispielsweise die Erdbeere, die erste Frucht des Jahres, enthält viel Vitamin A, das ein innerer Sonnenschutz ist.» Es lohne sich also, Wildkräuter dann zu essen, wenn sie wachsen, denn im Grunde seien der Mensch und die Natur noch immer gut aufeinander abgestimmt.

Nicht direkt am Wegrand

«Man sollte darauf achten, dass man die Pflanzen nicht direkt neben dem Waldweg pflückt, denn dort erleichtern sich viel mehr Hunde, als etwas weiter vom Weg entfernt», rät Senn. Gurtner fügt an: «Auch direkt an viel befahrenen Strassen sollte man keine Pflanzen ernten.» Häufig werden die beiden Pilzkontrolleure auch auf Zecken und den Fuchsbandwurm angesprochen. Doch diese Risiken schätzen sie gering ein. «Gegen Zecken empfiehlt es sich, die Kleider, die man im Wald getragen hat, gleich in die Waschmaschine zu stecken», rät Gurtner und erklärt weiter: «Das Risiko des Fuchsbandwurms ist genauso gross, wenn man im Laden Gemüse kauft, das womöglich in der Nähe eines Waldes angebaut wurde.»

Immer wieder lachen die beiden über die verschiedenen Namen der Wildpflanzen. Einmal zeigt Senn auf ein «Katzenäugli», während Gurtner gerade ein «Ehrenpreis» entdeckt hat. Ein schöner Zufall, handelt es sich dabei doch um ein und dieselbe Pflanze. Wie bei den Pilzen solle man sich nicht von Namen wie Teufelskralle oder Pestwurz abschrecken lassen, «aber man sollte sich unbedingt gut über die Pflanzen informieren, bevor man sie isst».