«Ich habe Männer gesehen, die hatten noch eine Drainage im Rücken: Sie haben für die Überfahrt mit einer Niere bezahlt.» Dieses Zitat der Aargauerin des Jahres 2016, Flüchtlingshelferin Marit Neukomm, berührt.

Und auch Sandra Eisenring hat diese Aussage ins Grübeln gebracht: «Welche schrecklichen Umstände bringen einen Menschen dazu, ein Organ zu verkaufen um sich die Fahrt in Sicherheit leisten zu können?»

Die Niederwilerin arbeitet als Katechetin und leitet zudem die Jugend-Rosenkranzgruppe. Spontan entschied sie sich dazu, selbst etwas zu unternehmen, um den Menschen auf der Flucht zu helfen, und setzte sich mit Marit Neukomm in Kontakt.

Auch Zweifel kamen auf

Die Aargauerin des Jahres leitet ihr eigenes Hilfswerk «Volunteers for Humanity» und organisiert regelmässige Sammelaktionen. «Marit hat sofort auf meine Anfrage reagiert und mich mit ihrer Begeisterung für die Flüchtlingshilfe mitgerissen. Mir war klar, dass ich probieren möchte, eine Spendenaktion in Niederwil durchzuführen.»

Zuerst hat sich Eisenring auf die Suche nach einer passenden Lokalität gemacht, die über genügend Platz zum Sammeln der Spenden verfügt. In einer alten Lastwagengarage an der Hauptstrasse 11 wurde sie fündig.

Nach einigen Vorbereitungsarbeiten mit viel Unterstützung von Freunden und Verwandten fand am 5. Januar die erste Sammelaktion statt, am vergangenen Donnerstag bereits die dritte. Davor überkamen Sandra Eisenring Zweifel: «Einige Helfer sind abgesprungen, nur mein Sohn und ich waren übrig. Zudem dachten wir, dass beim dritten Mal wohl niemand mehr kommt.»

Falsch gedacht. Als sie bei der Sammelaktion ankamen, standen die Leute bereits Schlange, bepackt mit Taschen und Säcken, bereit zu geben. «Ich war überwältigt und bin es immer noch», sagt Eisenring. «So einen Ansturm haben wir nicht erwartet. Mein Sohn musste trotz der Kälte sogar die Jacke ausziehen, so sehr kamen wir ins Schwitzen.»

Spender bezahlen Transport

Bei den Sammelaktionen von «Volunteers for Humanity» sind momentan vor allem warme Kleidung, Decken, Thermoskannen und Schlafsäcke gefragt. «Tausende Flüchtlinge sind auf der Balkanroute unterwegs, wo momentan zweistellige Minustemperaturen herrschen», sagt Marit Neukomm.

Zudem seien Milchpulver und Hygieneartikel begehrt: «Unser Ziel ist es, den Menschen an der serbischen und ungarischen Grenze sowie in Syrien ein Stück Würde und Hoffnung zu geben.»

Die Spender bringen aber nicht nur die Waren, sondern bezahlen zusätzlich 2 Franken pro Plastiksack, in den die Spenden gepackt werden. «Manchmal wird sogar mehr gegeben.» Dieses Geld finanziert den Transport der Waren, die per Flugzeug, Schiff oder Lastwagen an Orte gebracht werden, wo sie die Menschen am nötigsten haben. «Jeder Transport wird von uns begleitet, gefilmt und dokumentiert», so Neukomm. «Die nächsten Ladungen werden nach Syrien, Ungarn und Serbien geschickt.»

Acht Militärschlafsäcke

Am Donnerstagabend konnten Hunderte Kilogramm Ware zusammengetragen werden. Eisenring erzählt: «Eine alte Dame brachte acht Militärschlafsäcke. Andere mussten gar zweimal das Auto füllen und der Samariterverein hat Geschäfte gebeten, ihre Lagerbestände zu durchsuchen.»

Die Spenden seien alle in gutem Zustand gewesen, gewaschen und sogar neuwertig. So viel Solidarität haben Eisenring bewiesen, dass Helfen positive Auswirkungen auf Körper und Seele hat: «Es gibt einem viel Energie, zu sehen, wie kleine Mädchen Teddys spenden oder ein Grosi die Kleider ihres verstorbenen Mannes, weil sie weiss, dass diese dankbar von den Flüchtlingen angenommen werden.»

Marit Neukomm ist momentan in Ungarn und begleitet einen Transport, während Sandra Eisenring in Niederwil noch zweimal Sammelaktionen veranstaltet: «Gebraucht werden vor allem noch Kinderkleider und starke Helfer, die uns am 21. Januar beim Sortieren in Schöftland zur Hand gehen. Ausserdem brauchen wir Leute mit Transportern, die die Ware von Niederwil nach Schöftland ins Lager bringen könnten.»

Sammelaktion «Volunteers for Humanity»: Donnerstag, 19. Januar, 18 bis 20 Uhr, und Samstag, 21. Januar, 10 bis 14 Uhr, Hauptstrasse 11, Niederwil. Infos gibt Marit Neukomm: info@volunteersforhumanity.ch