Muri

Spaghetti am Morgen für besseres Leben

Eine einfache Sache, die Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner eines Heimes zu wahren? Überhaupt nicht, wie der Alltag und auch das Forumstheater zeigen.

Eine einfache Sache, die Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner eines Heimes zu wahren? Überhaupt nicht, wie der Alltag und auch das Forumstheater zeigen.

Das Pflegheim Muri schärft das Verständnis der Mitarbeitenden für die Rechte der Bewohner mit Theater.

Weiterbildung mit einem Theater: Die Pflegi Muri will die Rechte ihrer Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur wahrnehmen, sondern sie zusammen mit dem Personal auch im Alltag möglichst gut umsetzen.

«Am Anfang war...Spaghetti» heisst das Theaterstück, und nach dem Spiel dürfte den Zusehenden klar sein, dass es manchmal nicht viel braucht, auch in einer Institution wie einem Alters- oder Pflegeheim ein selbstbestimmtes Leben zu fördern und zu ermöglichen.

Zuerst die Bewohner fragen

Eine einfache Sache, die Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner eines Heimes zu wahren? Überhaupt nicht, wie der Alltag und auch das Forumstheater zeigen. Da wird mit alten Menschen besonders laut gesprochen, ohne zu hinterfragen, ob die Person wirklich schwerhörig ist.

Oder das Personal geht davon aus, dass alte Menschen etwas schwer von Begriff sind, und handelt danach. «Stopp», sagt plötzlich eine Pflegefachfrau aus dem Publikum, «die Frau muss zuerst gefragt werden, ob sie überhaupt jetzt frühstücken will.»

Die Theaterhandlung nimmt eine Wende. Und den Zusehenden wird bewusst: Heimbewohnerinnen und -bewohner haben das Recht, das Morgenessen nicht zur üblichen Zeit einzunehmen. Oder Honig statt Konfitüre zu wollen. Oder am Morgen Lust auf Spaghetti zu haben. Wie wir es uns im Alltag auch herausnehmen.

Mitarbeiter als Schauspieler

«Wir wollen die Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner nicht nur mit Plakaten zum Thema machen, sondern auch konkret umsetzen», sagt Pflegi-Direktor Thomas Wernli. Eine gute Möglichkeit sieht er im interaktiven Forumtheater, in welchem die Zusehenden eingreifen können. «Damit vermitteln wir auf leicht verständliche Art, wo die Rechte von Bewohnerinnen und Bewohnern – meist völlig unbewusst – verletzt werden beziehungsweise wo wir ihnen mit einfachen Mitteln zum Durchbruch verhelfen können.»

Das Theaterstück, das nicht öffentlich aufgeführt wird, sondern ausschliesslich der Weiterbildung des Pflegi-Personals dient, wurde von Paul Steiner, Gerontologe der Pflegi Muri und ausgebildeter TZT-Trainer (Themenzentriertes Theater), mit acht Schauspielerinnen und Schauspielern, alles Mitarbeitende der Pflegi Muri, inszeniert. «Wir haben die Szenen möglichst nahe am Alltag positioniert», sagt er. Und dabei natürlich manchmal auch etwas überzeichnet. Steiner kennt kein Heim, das Themen bisher auf diese Art an die Mitarbeitenden herangetragen hat.

Es ist beeindruckend, was während des zweiten Durchlaufs des Theaters geschieht. Mitarbeitende intervenieren in bestimmten Situationen, machen Verbesserungsvorschläge, einzelne spielen sie gleich selbst auf der Bühne. «Die Erfahrungen und Rückmeldungen aus den ersten drei Aufführungen sind durchwegs positiv», freuen sich Thomas Wernli und Paul Steiner. Der anfänglichen Skepsis sei die Einsicht gewichen, dass die Umsetzung dieser Haltung, die Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner zu wahren, die Arbeit interessanter mache und letztendlich Lebensqualität in einem Heim ermögliche.

Tournee durch andere Heime?

Für die Pflegi-Mitarbeitenden waren die Aufführungen als Weiterbildung obligatorisch. So gab es immer «volles Haus», wie Wernli mit einem Schmunzeln feststellt.

Bei genügender Nachfrage könnte die Theatergruppe mit ihrem Regisseur eine kleine Tournee in Alters- und Pflegeheimen durchführen, stellt er in Aussicht. «Die Rechte der Bewohnerinnen und Bewohner und das Thema Normalität betreffen nicht nur die Pflegi Muri, sondern alle Institutionen der Langzeitpflege.»

Ach ja, die alte Frau, die frühmorgens Spaghetti kochen wollte, hatte einen viel entspannteren Tag, als die dazukommende Tochter sie dabei unterstützte, anstatt die Pfanne vom Herd zu nehmen.

Die Tochter übrigens auch. Und im Heim sorgte die zuständige Aktivierungstherapeutin später dafür, dass die alte Frau in der Kochgruppe der Pflegi Muri zu ihren heiss geliebten Spaghetti kam, was sie sichtlich aufleben liess.

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