«Feuchte Wände, Karton-Matratzen, defekte Geräte – Villmergen AG lässt Familie in Schimmelwohnung hausen» – Schlagzeilen in der Schweizer Boulevardzeitung «Blick», die Gemeindeammann Ueli Lütolf und Sozialvorsteherin Rosmarie Schneider laut eigenen Aussagen «richtig hässig» machen. «Wo hat es hier Schimmel und wo Karton-Matratzen?», fragen sie bei der Begehung der Notwohnung an der Unterdorfstrasse.

Eine Besichtigung zeigt: An einer Wand hat es zwar einen schwarzen Fleck, der davon zeugt, dass es hier einmal feucht gewesen ist. Doch der Fleck sowie die übrigen Wände, Böden und Decken in der Altwohnung wirken trocken. Es riecht auch nicht muffelig, sondern so, wie es in einer trockenen Altwohnung eben riecht. Auch defekte Geräte sind keine zu sehen. Allerdings gibt der Gemeindeammann zu: «Gestern, als der Reporter vom ‹Blick› hier gewesen ist, stand in der Küche noch ein defekter Geschirrspüler. Der ist inzwischen entfernt worden, weil es in einer kostengünstigen Notwohnung ja nicht unbedingt ein solches Gerät braucht.»

Und der Kochherd sei noch in Reparatur, erklärt der Gemeindeammann. Das sei jedoch so vorgesehen gewesen: «Den Bezug der Notwohnung mussten wir innerhalb weniger Tage vorbereiten. Wir haben dem Mieter versprochen, dass wir das Nötigste in Ordnung bringen, bis er mit seiner Familie einzieht. Da sind wir jetzt dran», erklärt er. Im Übrigen, sagt Lütolf weiter, habe der Mieter die Wohnung abgenommen. Es existiere ein Übergabeprotokoll und dort habe der Mann keine Mängel vermerkt. Ueli Lütolf und Rosmarie Schneider hätten von seinen Beschwerden erst aus der Zeitung erfahren.

In Nebenwohnung fotografiert?

Und wo ist das Bett mit der Kartonmatratze hingekommen, das im «Blick»-Artikel von gestern Dienstag ebenfalls gezeigt worden ist? Hat man das auch entfernt? «Nein», sagt Rosmarie Schneider, «dieses Bild beruht auf einem Blick in die falsche Wohnung. Der Reporter hat es in einem anderen Teil des Gebäudes fotografiert, in den er offensichtlich unerlaubt eingedrungen ist. Dort, wo das Bett steht, wohnt niemand, und dieser Teil des Gebäudes ist auch nicht Bestandteil des Mietvertrages.» Auch das Dach des Hauses sei nicht undicht, wie im Artikel suggeriert werde: «Der Plastik, von dem die Rede ist, soll Wind abhalten und nicht Regen, das Dach ist in Ordnung», sagt der Ammann.

Was sagt der «Blick» zu den Vorwürfen der Gemeinde? «Unser Reporter hat sich vor Ort ein Bild der Wohnung gemacht und diese zum Zeitpunkt wie im Artikel beschrieben vorgefunden. Die Fakten sind mit Bildern und einem Video dokumentiert. Beides ist auf Blick.ch zu sehen», teilt ein «Blick»-Sprecher auf Anfrage mit.

Keine Luxussuite

Einig sind sich Lütolf und Schneider, dass es sich beim in die Schlagzeilen geratenen Mietobjekt in der alten Bopp-Bugnon-Liegenschaft nicht um eine Luxussuite handelt: «Es ist klar eine Notwohnung mit verschiedenen Mängeln. Wir vermieten sie der siebenköpfigen Familie vorübergehend, bis sie etwas Besseres finden. Der Mietvertrag läuft sechs Monate.»

Das Gesetz schreibe vor, dass eine Notwohnung trocken und warm sein müsse. Das sei hier der Fall, erklärt Rosmarie Schneider. Und die Wohnung könne auch nicht bloss mit kleinen Öfeli beheizt werden, wie im Artikel stehe: «Es gibt eine funktionierende Holz-Zentralheizung. Der Mieter kann diese nach entsprechender Instruktion durch einen Fachmann problemlos in Betrieb nehmen. Im Moment ist die Wohnung mit Elektroöfen beheizt, weil sie leer ist. Eine Holzheizung muss betreut werden», sagt Lütolf.

Per Gerichtsbeschluss ausgewiesen

Pressiert hat die ganze Sache in Villmergen, weil die siebenköpfige Familie ihre bisherige Wohnung verlassen muss. Sie sei wegen Mietschulden in fünfstelliger Höhe per Gerichtsbeschluss ausgewiesen worden, erklärt Rosmarie Schneider. Der Mann beziehe Sozialhilfe und habe von der Gemeinde zuvor verlangt, dass sie seine Mietschulden begleiche und für die Wohnung bürge, damit er und seine Familie bleiben könnten. «Das geht nicht. Mit der Sozialhilfe werden keine Schulden bezahlt, sondern der Lebensunterhalt», sagt die Villmerger Sozialministerin. Die Gemeinde zahle zudem Sozialhilfebeträge aus, in denen die Kosten für eine Wohnung inbegriffen seien. Eine solche anmieten und bezahlen müssten die Sozialhilfebezüger dann aber selber.