Tägerig

Sozialhilfebezüger in Zivilschutzanlage gesteckt: «Die Mutter drohte uns mit der Presse»

Gemeindeammann Matthias Moser und Sozialvorsteher Thomas Widmer vor der Tägliger Zivilschutzunterkunft.

Gemeindeammann Matthias Moser und Sozialvorsteher Thomas Widmer vor der Tägliger Zivilschutzunterkunft.

Die Gemeinde Tägerig schickt einen renitenten und faulen Sozialhilfebezüger in die Zivilschutzunterkunft. Es ist der vorerst letzte Akt einer langen Geschichte.

«Das kann es einfach nicht sein.» Matthias Moser, Gemeindeammann in Tägerig, und sein Behördenkollege Thomas Widmer, der dem Sozialressort vorsteht, sind ziemlich erbost. Nicht nur wegen des «faulen und renitenten» Sozialhilfebezügers, den sie jetzt zum Wohnen in die Zivilschutzunterkunft gesteckt haben. Grösste Mühe haben sie auch mit dem System: «Es gibt zu viele Lücken im Gesetz, durch die solche Leute schlüpfen können. Sie nützen das System aus und als Folge davon bleibt am Ende für die echten und kooperativen Bedürftigen kein Geld mehr übrig», sagen sie.

Der Reihe nach: Wie das Lokalblatt «Der Reussbote» bekannt gemacht hat, ist ein 22-jähriger Mann in der Zivilschutzunterkunft untergebracht worden, nachdem ihm seine Wohnung gekündigt worden war. «Er sprach auf der Gemeinde vor und verlangte, dass wir ihm eine Wohnung zur Verfügung stellen. Das konnten und wollten wir nicht», sagen Moser und Widmer. Und sie legen Wert darauf, dass das kein Alleingang von ihnen beiden gewesen ist: «Hinter diesem Beschluss steht der ganze Gemeinderat. Einstimmig.»

Gemeinde gab ihm eine Chance

Die Versenkung des Sozialhilfebezügers im Tägliger Untergrund ist der vorläufig letzte Akt einer langen Geschichte: «Der 22-Jährige zog im November 2015 nach Tägerig und beantragte Sozialhilfe. «Wir haben die üblichen Abklärungen gemacht und gemerkt, dass der Mann noch in Haft war», erzählt Thomas Widmer. In Absprache mit dem Gemeinderat habe man das Gesuch deshalb abgelehnt: «Er hatte ja zu dieser Zeit Unterkunft und Verpflegung.»
Nun kam die Mutter des jungen Mannes ins Spiel: «Sie drohte uns mit der Presse, wenn wir nicht auf unseren Entscheid zurückkämen», sagt Widmer.

Nicht wegen dieser Drohung, sondern weil sich die Umstände geändert hätten, habe man tatsächlich einen neuen Entscheid getroffen: «Der Mann wurde aus der Haft entlassen und in ein Arbeitsprogramm des Kantons aufgenommen. Dort hätte er sogar eine Lehre machen können. Wir wollten ihm diese Chance geben, obwohl die Gemeinde Tägerig finanziell dafür aufkommen musste», sagt Thomas Widmer. Allerdings mit Auflagen: «Wir haben regelmässige Berichte darüber verlangt, wie sich der Mann dort bewährt.»

Er bewährte sich nicht: «Der Mann kam gar nicht oder er kam zu spät und zeigte keinerlei Engagement. Deshalb haben wir unsere Unterstützung für dieses Integrationsprogramm gestoppt. In Absprache mit den verantwortlichen Stellen, die mit seinem Verhalten ebenfalls keineswegs zufrieden gewesen sind», erklärt Widmer.

Sozialhilfe mittlerweile gestrichen

In der Folge wurden dem 22-Jährigen die Sozialleistungen gekürzt und schliesslich ganz eingestellt. Dagegen legte er – mit Unterstützung eines (Gratis-)Anwalts – Rekurs ein. Die Sache hat sich seit August 2016 hingezogen und der Gemeinde Tägerig viel administrativen Aufwand verursacht. Wegen der aufschiebenden Wirkung konnte der Mann weiterhin gut leben. Ohne zu arbeiten, notabene.

Bis vor wenigen Tagen: «Wir haben Recht bekommen und vor drei Tagen die Zahlungen eingestellt», erklärt Matthias Moser. Zum Entscheid der Rekursbehörde beigetragen habe wohl auch, dass der Mann sich um jegliche Auflagen foutiert habe: «Er hat sich weder irgendwo um eine Arbeitsstelle beworben, noch sind er und seine Freundin aufgetaucht, als wir das Paar zusammen mit anderen Sozialhilfebezügern zu einem Arbeitseinsatz in der Gemeinde aufgeboten haben.»

Die Freundin des Mannes beantragte übrigens am gleichen Tag in Tägerig Sozialhilfe, als sie volljährig geworden war. Nachdem das Paar Ende Februar aus seiner Wohnung geworfen wurde, weil sie die Miete nicht bezahlt hatten, ist sie aus der Gemeinde verschwunden. In der Zivilschutzanlage dreht ihr Freund allein Däumchen. Was weiter passiert, ist offen: «Mittlerweile hat sich auch die Bewährungshelferin des Mannes gemeldet. Zum ersten Mal, seit ihr Mandant bei uns ist», sagt Moser. «Wir werden ihr erklären, dass er nur vorübergehend in der Zivilschutzanlage wohnen darf und bald seine Koffer definitiv packen muss.»

Autor

Toni Widmer

Toni Widmer

Meistgesehen

Artboard 1