Doppelmord von Sarmenstorf
Sohn für schuldunfähig erklärt: «Ich wünsche mir täglich, ich könnte es zurückdrehen»

Der Mann, der in Sarmenstorf seine Eltern getötet hat, wird in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden stationär behandelt. Das Bezirksgericht Bremgarten hat Andreas S. für schuldunfähig erklärt.

Toni Widmer
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In seinem Elternhaus kam es zur Bluttat: Gegen Sohn A.S. und seine Frau hat die Staatsanwaltschaft nun eine Strafuntersuchung wegen vorsätzlicher Tötung eröffnet.
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Das Einfamilienhaus am Schulweg in Sarmenstorf aus anderer Perspektive - es befindet sich nahe der Schule.
Die beiden Toten wurden am Mittwochabend in ihrem Haus gefunden - die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort.
Die Polizei sperrte das Gebiet rund um das Haus am Mittwochabend grossräumig ab.
Der Bruder des mutmasslichen Täters (32) fand seinen 64-jährigen Vater und seine 60-jährige Mutter gegen 20 Uhr in ihrem Haus – erstochen.
Die Eltern zogen fünf Kinder auf, drei Söhne und zwei Töchter.
Einer der Söhne starb vor einigen Jahren bei einem Autounfall.
Der mutmassliche Täter A.S. war vor einiger Zeit vorübergehend wieder für ein paar Wochen bei seinen Eltern eingezogen. Er lebte aber zum Zeitpunkt der Tat offenbar wieder in einer eigenen Wohnung in der Region.
Die versiegelte Wohnung von A. in Dottikon am Tag nach der Tat.
Doppelmord Sarmenstorf - Strafuntersuchung eröffnet

In seinem Elternhaus kam es zur Bluttat: Gegen Sohn A.S. und seine Frau hat die Staatsanwaltschaft nun eine Strafuntersuchung wegen vorsätzlicher Tötung eröffnet.

Keystone/ZVG

Der heute 34-jährige Andreas S. hat am frühen Abend des 8. Juli 2015 mit einem Messer seine Eltern in deren Haus am Schulweg 1 in Sarmenstorf umgebracht. Das Tötungsdelikt hat er schon kurz nach der Tat im Rahmen der Untersuchung zugegeben und sein damaliges Geständnis am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Bremgarten bestätigt.

Ins Gefängnis muss der junge Mann dennoch nicht. In einem psychiatrischen Gutachten ist ihm Schuldunfähigkeit attestiert worden. Er leide unter paranoider Schizophrenie und habe sich zum Zeitpunkt der Tat in einem akut psychotisch-wahnhaften Zustand befunden. Die Staatsanwaltschaft beantragte deshalb eine stationäre Therapie. Damit waren auch der Angeklagte und sein Verteidiger an der gestrigen Verhandlung einverstanden. Das Gericht folgte den Anträgen einstimmig.

Gute Aussichten auf Therapieerfolg

Andreas S. wurde am Morgen nach der Tat in der Wohnung seiner Schwester im Nachbarort von Sarmenstorf verhaftet und in Untersuchungshaft gesetzt. Im Dezember 2015 hat er den vorzeitigen Straf- und Massnahmenvollzug in einem Gefängnis angetreten, seit Montag ist er in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik Königsfelden untergebracht. Dorthin kehrte er gestern nach dem Prozess auch zurück und dort wird er auf unbestimmte Zeit bleiben. Die Chancen auf einen Erfolg der angeordneten stationären Therapie seien gut, hielt Bezirksgerichtspräsidenten Lukas Trost in seiner Urteilsbegründung fest.

«Das was geschehen ist, tut mir echt leid. Ich wünsche mir täglich, ich könnte es zurückdrehen», erklärte der Angeklagte am Schluss der Befragung durch den Gerichtspräsidenten mit brüchiger Stimme. Er sei, hatte er zuvor erklärt, zu einer solchen Tat gar nicht fähig. Offenbar hätten es die Umstände aber möglich gemacht. Er könne sich an den Beginn des Streits mit seinen Eltern erinnern, die er an diesem Abend habe zur Rede stellen wollen. Aber nicht an die Einzelheiten der Tat selber.

Deshalb habe er jetzt eingesehen, dass er Hilfe brauche: «Wenn so etwas Schlimmes passiert, dann kann mit mir etwas nicht stimmen.»
Er wolle sich helfen lassen und hoffe, später ein geregeltes Leben führen zu können. Er möchte arbeiten, Kinder haben und ein guter Vater sein. Ob seine Frau, die mit der Tat nichts zu tun hatte, weiterhin zu ihm halte, sei noch offen. Er wünsche sich das aber sehr.

Langjähriger Streit ist eskaliert

Der Staatsanwalt ging in seinem Plädoyer näher auf das Geschehen am Tatabend ein. Der Angeklagte sei enttäuscht davon gewesen, wie sich seine Eltern über lange Zeit gegenüber ihm verhalten hätten. Er habe gar vermutet, seine Mutter hätte ihn und seine Frau vergiften wollen. Die von Andreas S. angestrengte Aussprache sei völlig eskaliert. Der Angeklagte habe sich nicht ernst genommen gefühlt und verspottet. Und dann zugestochen, als ihn der Vater mit einem Stuhl traktiert habe.

Angesichts der Verletzungen, die Vater und Mutter erlitten hätten, könne hier nicht mehr von einer Notwehrreaktion gesprochen werden. Der Tatbestand der vorsätzlichen Tötung sei erfüllt, Andreas S. sei mit roher Gewalt vorgegangen, erklärte der Staatsanwalt. Gleichzeitig sprach er ihm jedoch die Schuldfähigkeit ab. «Nach dem vorliegenden Gutachten war der Angeklagte an jenem Abend nicht in der Lage, das Unrecht seiner Tat einzusehen. Er befand sich in einem psychotisch wahnhaften Zustand, glaubte sich an Leib und Leben bedroht und konnte sein Handeln nicht mehr steuern.»

Verteidiger fordert Freispruch

Der Verteidiger machte es kurz. Er forderte einen Freispruch vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung, war aber mit einer stationären Massnahme einverstanden. Die Opferanwältin, welche die Schwester und den Bruder des Angeklagten vertrat, forderte Schadenersatz und Genugtuung. Beiden Anliegen wurde vom Gericht entsprochen, jedoch mit geringeren Beträgen als verlangt.

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