Doppelmord Sarmenstorf

So zerrüttet war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn

Die Beziehung des mutmasslichen Täters vom Doppelmord Sarmenstorf und seinen Eltern soll seit Jahren angespannt gewesen sein. Der Vater sei gegenüber seinen Söhnen jahrelang gewalttätig gewesen. Vor einigen Jahren kam eine Tragödie dazu.

Das Ehepaar S., das am Mittwochabend in seinem Haus am Schulweg 1 in Sarmenstorf tot aufgefunden worden ist, war im Dorf kaum bekannt. Auch die Nachbarn kannten wohl ihre Namen, aber der Kontakt hielt sich in Grenzen.

Familie S. ist vor über 30 Jahren in Sarmenstorf zugezogen. Ihre fünf Kinder – drei Söhne und zwei Töchter – haben hier auch die Schule besucht. Einer der Söhne ist vor ein paar Jahren bei einem schlimmen Autounfall im Nachbardorf Bettwil tödlich verunfallt.

«Er fühlte sich von den Eltern bedroht»: Polizeisprecher Bernhard Graser bestätigt, dass der mutmassliche Täter im Vorfeld Kontakt mit der Polizei hatte.

«Er fühlte sich von den Eltern bedroht»: Polizeisprecher Bernhard Graser bestätigt, dass der mutmassliche Täter im Vorfeld Kontakt mit der Polizei hatte.

Es war insbesondere auch dieses tragische Ereignis, das A. S., der ältere der zwei verbliebenen Söhne des Ehepaares, psychisch über Jahre stark belastet hat. Der 32-jährige A. S. wird verdächtigt, am Mittwochabend seine 60-jährige Mutter und seinen 64-jährigen Vater umgebracht zu haben. Verhaftet wurde er zusammen mit seiner Frau.

Die Polizei geht offenbar davon aus, dass sie am Tatort anwesend war. Im engeren Freundeskreis ist man überzeugt, dass sie kaum etwas mit dem Delikt an sich zu tun hat, sondern eher versucht hat, den schwelenden Streit zwischen Eltern und Sohn zu schlichten. Gefunden wurde das getötete Ehepaar vom Bruder des mutmasslichen Täters.

Sarmenstorf unter Schock

Sarmenstorf unter Schock: «Die Ehefrau machte keinen sehr frohen Eindruck», sagt eine Anwohnerin.

Cholerisch und gewalttätig

Die Beziehung zwischen Eltern und Sohn, vor allem jene zwischen Vater und Sohn, war anscheinend seit Jahren angespannt. Der Vater galt als Alkoholiker und Choleriker. Er soll seine Söhne in früheren Jahren körperlich misshandelt haben. Das Verhalten des Vaters gegenüber seinen Söhnen hat laut Informationen der az mehrmals die zuständigen Behörden und die Polizei beschäftigt.

A. S., der schon früh aus dem Elternhaus ausgezogen ist und sich mit fleissiger und zum Teil schwerer körperlicher Arbeit eine Existenz aufbaute, hat die damalige Situation im Elternhaus offenbar bis heute nicht verarbeitet. Enge Freunde berichten, dass er immer wieder auf dieses Thema zu sprechen kam. In den vergangenen Monaten soll sich die Situation zugespitzt haben. A. S., erzählen Freunde, habe psychisch zunehmend angeschlagener gewirkt und immer neue, zum Teil abstruse Geschichten aus seiner Jugend erzählt. Seine Eltern hätten ihm Dreck und andere Substanzen ins Essen gemischt. Er sei davon überzeugt, sie hätten ihn vergiften wollen.

Ehepaar in Sarmenstorf AG getötet: Ermittlungsarbeiten am Tatort am Mittwochabend.

Ermittlungsarbeiten am Tatort am Mittwochabend.

A. S. war vor einiger Zeit vorübergehend wieder für ein paar Wochen bei seinen Eltern eingezogen, lebte aber zum Zeitpunkt der Tat offenbar wieder in einer eigenen Wohnung in der Region.

Vor ein paar Wochen habe er gegenüber engen Vertrauten, die ihn in verwirrtem und aufgebrachtem Zustand angetroffen hätten, erklärt: «Jetzt muss etwas gehen, ich habe meine Eltern bei der Polizei angezeigt, sie sollen endlich für ihr damaliges Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden.» A. S. habe dabei nicht ausgeschlossen, dass er selber tätig werde, wenn die Polizei nicht handle. Er habe jedoch zu keiner Zeit damit gedroht, sie umzubringen.

«A. ist ein sehr friedlicher und lieber Mensch, aber er neigt, wie schon sein Vater, zu Wutausbrüchen und kann in solchen Momenten die Kontrolle über sich verlieren», sagen Vertraute. Sie hätten denn auch nicht ausgeschlossen, dass er sich im Extremfall zu einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vater hinreissen lassen könnte. Mit einer Tat, wie sie ihm jetzt angelastet wird, habe niemand auch nur im Geringsten gerechnet. Im Innersten sei A. ein sanftmütiger Mensch.

Nicht mit Schusswaffen getötet

Kapo-Sprecher Bernhard Graser bestätigte gegenüber der az, dass sich A. S. kürzlich an die Polizei gewandt habe: «Es kommt fast täglich vor, dass sich Leute nach Streitigkeiten im familiären Umfeld an uns wenden. Worum es beim Kontakt genau ging und welche Massnahmen die Polizei eingeleitet hat, ist Gegenstand des Verfahrens.» Von konkreten Gewalt- oder gar Morddrohungen von A. S. gegen seine Eltern sei bis dato jedoch nichts bekannt.

Schulweg, Sarmenstorf AG

Der Tatort am Schulweg, nahe der Schule.

Zum Tathergang konnte Graser noch keine detaillierten Angaben machen. Die Polizei sei von dritter Seite alarmiert worden. Allerdings nicht, weil jemand Schüsse gehört habe. «Dass Schüsse gefallen sind, ist ein Gerücht, das wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen können. Fest steht, dass die beiden Opfer nicht durch die Einwirkung von Schusswaffen ums Leben gekommen sind», erklärte Graser.

A. S. und seine Frau wurden in den frühen Morgenstunden in der Region angehalten. Die az weiss, dass das Auto von A. S. kurz nach der Tat auf einem Parkplatz an einer viel befahrenen Strasse im Seetal gesehen worden ist, wenige Kilometer vom Tatort entfernt. Zeugen haben das offenbar der Polizei gemeldet, nachdem die ersten Vermutungen über den mutmasslichen Täter in Sarmenstorf die Runde machten.

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