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«So schwierig war es noch nie»: Wie Aargauer Unternehmer die Coronakrise bewältigen – vier Beispiele

Vom Kinobetreiber aus Sins, der der Pandemie mit kreativen Ideen die Stirn bietet, bis zum Taxiunternehmer, der sich mit den schwierigsten Zeiten seiner beruflichen Karriere konfrontiert sieht: Wir haben bei vier Freiämter Firmen nachgefragt, wie es ihnen mit Corona ergeht.

Nathalie Wolgensinger
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CH Media

Kinobetreiber Arnold bietet der Krise mit cleveren Ideen beherzt die Stirn

Corona ist auch für den gewieften Geschäftsmann Bruno Arnold eine Ausnahmesituation. Dass der Lockdown kommen wird, das hat er im Februar geahnt. Und so war er nicht überrascht, dass die Schliessung länger dauerte, als vorerst angenommen. «Wir haben nicht WC-Papier gehamstert, sondern uns mit Farbe und Werkzeug eingedeckt», erzählt er. Den Lockdown verbrachte er damit, die Wände neu zu streichen und dringend notwendige Reparaturen vorzunehmen. Die Angestellten schickte er in die Kurzarbeit. Sein Fazit über die vergangenen Monate:

Wir sind eine Branche, die es brutal hart getroffen hat.

Als die Kinos Anfang Juni wieder öffnen konnten, standen in Sins die Leute nicht Schlange. Und auch die folgenden Monate waren mau. Rund die Hälfte weniger Eintritte verzeichnete er von Sommer bis in den Herbst im Vergleich zum Vorjahr. «Im Oktober steigen die Zahlen jeweils an. Die Herbstferien nutzen viele Familien für einen Kinobesuch. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten wir aber nur einen Drittel der Eintritte», schildert er. Hinzu kommt, dass der Verleih in Deutschland stillsteht. Weil die Kinos in Bern und in einigen Teilen der französischen Schweiz geschlossen sind, werden keine neuen Filme lanciert.

Doch Herausforderungen sind für Arnold längst kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben ihn gestählt. Über die Anfänge seines Unternehmens sagt er:

Keine Bank gab uns auch nur einen Rappen an das Kino-Projekt.

Seit 2012 betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Jsabelle Kopf und dem Verein Kultur an der Front das Provinzkino Cinepol. Damals war er nicht nur überzeugt, sondern besessen von der Idee, dass Kino auf dem Land funktioniert. Und das in einer Zeit, in der die grossen Player in den Städten und Vororten riesige Kinokomplexe hinklotzten. Nichtsdestotrotz hielten seine Frau und er am Vorhaben fest und verkauften am Sinser Weihnachtsmarkt nicht etwa Guetzli, sondern Kinostühle für 700 Franken pro Stück.

«Wir hatten innerhalb kürzester Zeit genügend Geld beisammen, um loszulegen», erzählt er nicht ohne Stolz. Die finanzielle Hilfe der Gotten und Götti ermöglichte es dem Verein, die ehemalige Coop-Filiale in Sins in ein Landkino umzufunktionieren. Längst sind die Götti-Batzen zurückbezahlt und das Landkino um zwei weitere Säle angewachsen.

Derzeit hält sich das Kino mit Reprisen über Wasser. «Wir zeigen wieder den Bruno-Manser-Film», erzählt Arnold. Er mache dies, um den Verleiher, der ihm stets gut gesinnt war, zu unterstützen. Denn diese Reprisen brächten nicht mehr als einige wenige «Brösmeli» ein. Obendrauf kommt, dass die Besucherzahl auf 50 Personen pro Vorführung beschränkt ist. Keine einfache Situation für den Kinobetreiber. Arnold sieht Licht am Ende des Tunnels:

Die Nachricht, dass ein Impfstoff entwickelt wurde, stimmt die Leute zuversichtlich.

Er hält an seiner bewährten Philosophie fest: «Wir zeigen Filme für Kinder bis zwölf und für ein Publikum ab 30 Jahren», fasst er in einem Satz zusammen, was sich seit acht Jahren bewährt. Es sind denn auch nicht die Blockbuster, welche die Freiämter zum Kinobesuch nach Sins locken. Vielmehr sind es die gute Erreichbarkeit, die Parkplätze vor dem Haus und die familiäre Atmosphäre, die sie das Kino auf dem Dorf dem Center-Kino vorziehen lassen. Nebst Familienfilmen stehen anspruchsvolle Studiofilme und Kassenschlager auf dem Programm. Diese Mischung mache es aus, dass er sich auch trotz Pandemie über Wasser halten könne, ist Arnold überzeugt.

Geändert hat er aber seine Investitionspolitik. Die letzten Jahre habe er jeweils das Geld aus den finanzstarken Wintermonaten in die Technik und Ausstattung des Cinepols investiert, erzählt er. Dieses Jahr aber macht er keine Investitionen in die Technik. Das Geld braucht er zur Überbrückung.

Unsere Situation ist vergleichbar mit einem Auto, das auf Reserve läuft. Wir versuchen jetzt, bis zur nächsten Tankstelle zu gelangen.

Arnold ist überzeugt, dass sein Unternehmen auch diese Stromschnelle nehmen wird. Herausfordernd bleiben die Zeiten alleweil. In zwei Jahren muss das Kino das Feld räumen. Die Landi Sins als Besitzerin wird das Areal der Genossenschaft Migros Luzern für einen Neubau zur Verfügung stellen. Wenn es planmässig läuft, kann das Kino in den Kulturbau Küngsmatt einziehen, den die Kirchgemeinde gemeinsam mit der Einwohnergemeinde realisieren will.

«Wirklich hart»: Der Wohler Taxi-Unternehmer Stutz geht durch schwierige Zeiten

Kurt und Silvia Stutz, Wohler Taxiunternehmer.

Kurt und Silvia Stutz, Wohler Taxiunternehmer.

Nathalie Wolgensinger

«Wir haben zum Glück noch die Aufträge der Schulen, das ist die einzige Sicherheit, die wir derzeit haben», sagt Kurt Stutz vom gleichnamigen Bahnhoftaxi in Wohlen. Das Familienunternehmen transportiert Schüler der Heilpädagogischen Schulen Wohlen und Hohenrain sowie Kinder und Erwachsene, die in der St.Josef-Stiftung in Bremgarten zur Schule gehen und leben.

Diese Transporte fielen während des Lockdown von einem Tag auf den anderen weg, die Chauffeure schickte Stutz in die Kurzarbeit. Er habe damals die Verkehrsschilder der Transportbusse beim Strassenverkehrsamt deponiert. Viel Geld habe er damit aber nicht sparen können, bilanziert er.

«Das Taxi wird seit Ausbruch der Pandemie fast ausschliesslich für dringende Fahrten gebucht. Um damit rauszukommen, müssen wir gut wirtschaften», sagt seine Frau Silvia. Auch das Geschäft mit der Vermietung von Transportbussen sei eingebrochen. Die Busse werden in der Regel von Vereinen oder grösseren Gruppen für Ausflüge gemietet.

Ich führe das Geschäft seit 44 Jahren, so schwierig war es noch nie. Das ist wirklich hart

stellt Kurt Stutz konsterniert fest. Das Unternehmen bedient auch den Nachtbus für die Gemeinden Waltenschwil und Hägglingen, «seit die Restaurants um 23 Uhr schliessen müssen, ist auch damit nichts mehr zu verdienen.» Er setzt nun auf das Weihnachtsgeschäft. Die Organisation Nez Rouge wird ihre Dienste heuer nicht anbieten. Nun hofft der Wohler Unternehmer, dass stattdessen seine Taxis geordert werden.

Toilettenhäuschen braucht es nach wie vor – Ehepaar Forlin beliefert auch ein Spital

Manuela und Michael Forlin vor einem mobilen WC-Haus.

Manuela und Michael Forlin vor einem mobilen WC-Haus.

Nathalie Wolgensinger

Der Lockdown im Frühling hatte das Ehepaar Forlin eiskalt erwischt: «Wir mussten innerhalb weniger Tage das gesamte Arbeitsprogramm unserer Mitarbeiter umstellen», erzählt Manuela Forlin. Denn auf einmal forderten die Unternehmen mehrere Reinigungen der Baustellen-WCs pro Woche. Das Ehepaar hatte eben erst den Betrieb vom Vater und Schwiegervater Christoph Hüsser übernommen. «Das war streng, aber wir haben die Herausforderung gemeistert», zieht Michael Forlin Bilanz.

Herausfordernd blieb es alleweil. Woche für Woche wurden Veranstaltungen storniert, nur einige wenige Anlässe fanden noch statt. «Diese Ausfälle betrafen glücklicherweise einen kleinen Teil unseres Umsatzes, wir beliefern hauptsächlich Baustellen mit Toiletten», erzählt Manuela Forlin.

Das Spital Bülach fragte im Frühling nach mobilen Toiletten für die Patienten an, die zum Coronatest kamen. Um diese Personen möglichst gut von den Patienten des Spitales zu separieren, musste man ihnen eigene Toiletten zur Verfügung stellen. Wie müssen diese Kabinen gereinigt werden? Diese Frage trieb nicht nur Ehepaar Forlin um, sondern auch die Verantwortlichen im Spital. Manuela Forlin blickt zurück:

Das war alles neu. Wir machten uns Sorgen um die Gesundheit unserer Mitarbeiter.

Mittlerweile seien aber alle Fragen geklärt. Hingegen investierte die Firma in mehrere Handwaschbecken, denn die Nachfrage ist gross. «Die werden auch in Zukunft gefragt sein», ist Michael Forlin überzeugt.

Eventfirma Winkler fehlen 60 Prozent der Aufträge

Stefan Mathys, Mitinhaber Winkler Livecom

Stefan Mathys, Mitinhaber Winkler Livecom

Andrea Weibel

Ähnlich ungemütlich ist die Lage bei der Wohler Firma Winkler Livecom. «Uns fehlen weit über 60 Prozent der Aufträge», sagt Mitinhaber Stefan Mathys. Den Umsatz zwischen 25 und 26 Mio. Franken werde man nicht erreichen, er liege dieses Jahr unter zehn Mio. Franken, verdeutlicht er die Lage.

Als der Bundesrat kürzlich die 50-Personen-Grenze für Veranstaltungen bekanntgab, seien die letzten Aufträge auch noch weggebrochen. Bis Juni des nächsten Jahres sind praktisch alle Veranstaltungen gestrichen. Unter anderem auch das WEF in Davos und die Weltausstellung in Dubai, bei denen die Wohler Firma Infrastruktur hätte liefern können. Beide Veranstaltungen werden aber in verkleinerter Form oder zu einem anderen Zeitpunkt durchgeführt. Der Grossteil der 70 Winkler-Mitarbeiter ist in Kurzarbeit, ausgenommen sind die Lernenden.

Die Firma hat aus der Not eine Tugend gemacht. «Wir bieten nun Streamingdienstleistungen an», erzählt Mathys. Diese würden vor allem von Firmen in Anspruch genommen, die ein grosses Publikum live erreichen wollen. Die Firma stellt das Studio mit professioneller Ausrüstung nicht nur zur Verfügung, sie streamt die Aufnahme auch ins Netz. Kleinere Aufträge brachten Gemeindeversammlungen in der Region ein, wo die Firma bei Planung und Durchführung mitarbeitete.

Bisher konnte ich ruhig schlafen

sagt Stefan Mathys. Die Winkler Livecom sei mit einem guten Finanzpolster in die Krise geschlittert. Davon hätte sie in den vergangenen Monaten zehren können und habe deshalb auch keinen Kredit des Bundes in Anspruch nehmen müssen.

Nicht bewahrheitet hat sich seine Einschätzung bezüglich Generalversammlungen. Im Frühling war er überzeugt, dass diese nach Corona weiterhin virtuell durchgeführt würden. «Die Menschen schätzen an diesen Veranstaltungen die Gesellschaft», sagt er nun. Mathys ist überzeugt, dass die Einführung eines Impfstoffes die Kundschaft wieder optimistischer werden lasse und ihnen wieder Aufträge bringen werde. Bis dahin gelte es, sich auf die veränderten Rahmenbedingungen einzustellen. Der Mitinhaber geht mit gutem Beispiel voran. Er unterrichtet an der kaufmännischen Berufsschule in Wohlen die Fächer Wirtschaft, Recht und Gesellschaft. «Das ermöglicht mir einen Zwischenverdienst», sagt er.

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