Gerichtsverfahren
So legte eine Patientin ihren Hausarzt aufs Kreuz

Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten warf einem Arzt vor, er habe einer Patientin rückwirkend ein falsches Zeugnis wegen Arbeitsunfähigkeit ausgestellt. Das Verfahren vor dem Bezirksgericht Bremgarten endete mit einem Freispruch.

Jörg Baumann
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Stethoskop in der Tasche eines Arztes (Symbolbild)

Stethoskop in der Tasche eines Arztes (Symbolbild)

Keystone

Als Notfall musste der Hausarzt letztes Jahr eine Frau behandeln, die über heftige Zahnschmerzen klagte. Der Arzt stellte bei der Patientin einen entzündeten Zahn fest und schrieb sie auf ihren Wunsch rückwirkend für zehn Tage krank. Das Zeugnis hätte er nicht ausstellen dürfen, befand die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten. Denn der Arzt habe die Patientin vorher nie gesehen und auch nicht «medizinisch untersucht», so die Anklagebehörde.

Die Patientin nützte die Grosszügigkeit des Arztes aus und ging trotz des Arztzeugnisses hinter seinem Rücken ihrer Beschäftigung als Serviceangestellte bei einem neuen Arbeitgeber nach. Das führte zu einem arbeitsgerichtlichen Verfahren zwischen dem alten Arbeitgeber und seiner Angestellten. Der Arbeitgeber zeigte den Arzt in der Folge an, weil er die Arbeitsunfähigkeit attestierte.

«Die Frau hat mich angelogen»

Peinlich berührt wies der Hausarzt alle Schuld von sich. Er habe die Notfallpatientin richtig behandelt. «Die Frau hat mich angelogen. Ich konnte doch nicht wissen, dass die Patientin mein Arztzeugnis derart missbrauchen würde», erklärte er. Ihm habe die Patientin glaubhaft versichert, dass sie unter Schmerzen leide und deshalb eine Zeit lang nicht arbeiten könne. Auch als Allgemeinpraktiker sei er durchaus in der Lage, zahnmedizinische Probleme zu beurteilen, beschied der Arzt dem Gerichtspräsidenten Peter Turnherr. Denn die Zahnmedizin sei ein Bestandteil im Studium der Humanmedizin.

Die Staatsanwaltschaft beantragte für den Arzt eine bedingte Geldstrafe von 2700 Franken und eine Busse von 800 Franken. Ausserdem sollte er die Verfahrenskosten tragen. Hundertprozentig umgekehrt betrachtete der Verteidiger des Arztes den Fall: Sein Mandant sei «unschuldig in die Mühlen der Justiz» geraten. Er habe die Patientin richtig untersucht und seinen Befund in einer ausführlichen Krankengeschichte dokumentiert. Wenn ein Patient seinen Arzt mit einem erschlichenen Arztzeugnis aufs Kreuz lege, könne zuallerletzt der Arzt belangt werden. Sein Mandant müsse deshalb freigesprochen werden.

Unvorsichtig gehandelt

Gerichtspräsident Peter Turnherr folgte dem Antrag der Verteidigung auf Freispruch. «Die Patientin hat Ihnen etwas vorgejammert und Sie sind ihr auf den Leim gekrochen», meinte er in der Urteilsbegründung. Der Arzt habe das Arztzeugnis in guten Treuen ausgestellt, aber das rückwirkend zu tun, sei zumindest «unvorsichtig» gewesen. Aus diesem Grund überband Turnherr dem Arzt die weiteren Verfahrenskosten und sprach ihm keine Parteientschädigung für die Verteidigung zu.