Muri
So kommt nicht Fleisch auf den Vegi-Teller

Für Vreni Geiger ist das Ristorante Rossini in Muri schwarz, selbst wenn es hell erleuchtet ist. Die Rheinfelderin ist blind und sie orientierte sich am Sonntag erstmals, um hier an einem speziellen Anlass servieren zu können.

Eddy Schambron
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Wirt Giulio Rossini, Kulturmanagerin Franziska Haug und die blinde Vreni Geiger (von links) besprechen, wie das blinde Servierpersonal an der Theke klarkommen kann.

Wirt Giulio Rossini, Kulturmanagerin Franziska Haug und die blinde Vreni Geiger (von links) besprechen, wie das blinde Servierpersonal an der Theke klarkommen kann.

Eddy Schambron

Vreni Geiger ist eine der vier Blinden oder Sehbehinderten, die das Projekt «tavola nera», quasi die «blinde Kuh» in Muri, überhaupt möglich machen. «tavola nera», das sehr spezielle Dinner-Erlebnis im absoluten Dunkeln, ist die Praxisarbeit der vier frisch ausgebildeten Kulturmanager Reto Holzgang, Franziska Haug, beide in Muri kulturell engagiert, sowie Marion Leu und Daniel Furrer, welche am Stapferhaus Lenzburg den entsprechenden Lehrgang belegt haben.
Wie sollen die Tische stehen?
Wirt Giulio Rossini und Franziska Haug «zeigen» Vreni Geiger die Theke, wo die Getränke stehen und das Essen durchgereicht wird. Später schieben sie Tische hin und her, suchen nach der besten Anordnung. Vreni Geiger bewegt sich erstaunlich sicher im Raum, stellt fest, wo ein Durchgang zu schmal ist, wo sie mit ihren Mitserviererinnen ins Gehege kommen könnte. Die Aufgabe, die sie sich stellt, scheint für Sehende fast unmöglich. Und doch geht es, wie es die «Blinde-Kuh»-Restaurants in Zürich und Basel beweisen: Servieren und Essen in völliger Dunkelheit. Dafür sind aber gewisse Vorbereitungen nötig.

Wasser- und Weingläser müssen beispielsweise markant unterschiedliche Formen aufweisen, ebenso die Teller, damit Fleisch, Fisch und Vegi beim Service auseinanderzuhalten sind. Deshalb kommen nicht nur runde, sondern auch quadratische und rechteckige Teller in den Einsatz. Jeder Gast hat ein eigenes Tischset. «Ein Tisch im absoluten Dunkeln ist eine riesige Fläche», erklärt Vreni Geiger, «das Tischset ergibt eine klare Grenze.» Und sie ergänzt lächelnd: «Grenzen geben Sicherheit.» Sie hat sieben Jahre lang in der «Blinden Kuh» in Basel gearbeitet und weiss, wovon sie spricht.
«Geklaute» Idee
«Die Idee ist zwar geklaut», sagt Initiant Reto Holzgang. «Aber wir wollen einen solchen Anlass einmal hier auf dem Land organisieren.» Und er ist ideal geeignet, die frisch gebackenen Kulturmanagerinnen und -manager beziehungsweise ihre erlernten Fähigkeiten auf die Probe zu stellen. Denn tatsächlich stellen sich viele, auch organisatorische Fragen. Wie bringt man das Lokal vollkommen dunkel? Wie sind die Gäste richtig zu platzieren? Was kehrt man vor, wenn jemand in der Dunkelheit doch Angst bekommt? Pro Essen finden maximal 80 Personen Platz; der Samstagabend, 18.30 Uhr, ist bereits ausgebucht.
Ganz speziell
Mit dabei ist auch der Murianer Kabarettist Philipp Galizia. Für ihn ist das nichts Neues, spielte er doch schon mehrmals in der «blinden Kuh». Er freut sich auf das heimische Publikum. «Die absolute Dunkelheit ergibt eine ganz spezielle Stimmung und Aufmerksamkeit», weiss er.
Bis es so weit ist, gibt es noch einige Arbeit zu erledigen. Wirt Guilio Rossini muss beispielsweise noch alle Pflanzen und Kleinmöbel im Restaurant entfernen, da sie das blinde Servierpersonal nur stören würden.
«tavola nera» findet am Samstag, 10. November, 12 und 18.30 Uhr, und am Sonntag, 11. November, 12.30 und 18 Uhr, statt. Reservation: Ristorante Giulio Rossini, Zürcherstrasse 21, Muri, Tel. 056 664 89 89 oder 077 491 39 04; E-Mail: tavolanera@gmail.com