Berikon
Singen, solange noch Sänger da sind

Zehn Chöre haben am Sängertag in der Kirche Berikon ihr Können gezeigt und ihre Tradition gefeiert.

Andrea Weibel
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Hier ist der Sängerschwund deutlich zu erkennen: In den gelben Krawatten singt der Männerchor Dottikon, in den roten jener aus Berikon.

Hier ist der Sängerschwund deutlich zu erkennen: In den gelben Krawatten singt der Männerchor Dottikon, in den roten jener aus Berikon.

Andrea Weibel

Ein Hahn kräht, ein Bauer schwingt die Heugabel, Frauen jodeln und einige Sänger schwingen sogar im Takt die Hüften und sind sichtlich vergnügt. Ein solches Ambiente erwartet man nicht unbedingt in einer katholischen Kirche. Doch so viel steht fest: Die Sängerinnen und Sänger aus zehn Chören, die am Samstag gemeinsam den Sängertag Hasenberg gefeiert haben, hatten Spass – zumindest die meisten. Je zwei bis drei Lieder aus seinem Repertoire gab jeder der Chöre zum Besten. Dabei kam es weniger darauf an, dass jeder Ton, jeder Einsatz perfekt sass, als dass man gemeinsam musizieren und sich an den meist traditionellen Liedern erfreuen konnte.

Doch ist es vermutlich genau dieses traditionelle Liedgut, das den Nachwuchs von den Männerchören fernhält. Denn, auch wenn es schmerzt, die Männer- und Trachtenchöre sterben langsam, aber sicher aus. Die Männerchöre Büttikon und Wohlen gibt es nicht mehr. Der Männerchor Zufikon hat sich im vergangenen Jahr jenem aus Berikon angeschlossen. Und auch Dottikon kann mit seinen neun Sängern keinen Chor aufrechterhalten, auch wenn sich diese neun noch so sehr ins Zeug legen. «Es ist halt so, wir haben eine ganz andere Philosophie als die jungen Leute heute. Und darum finden wir einfach keinen Zugang zu ihnen», ist Urs Schrepfer, Präsident des Männerchors Berikon, bewusst. «Um sie anzuwerben, müssten wir vermutlich unsere Lieder komplett ändern, dabei sind es genau diese alten, traditionsreichen Lieder, die unsere Art von Gesang ausmachen.»

Aushelfen statt fusionieren

So bleibt den Chören nur eine Fusionierung oder ein gegenseitiges Aushelfen, um das Vereinssterben zumindest zu verzögern, denn verhindert werden kann es vermutlich nicht. «Wir versuchen einfach, das, was wir haben, so lange zu erhalten, wie es geht.» So helfen sich die Chöre Dottikon und Berikon jeweils gegenseitig an Konzerten aus, anstatt zu fusionieren. «Bei einer Fusion würde wieder ein Verein sterben. Aber vermutlich wird es sowieso auf regionale Chöre hinauslaufen», sagt Schrepfer schulterzuckend.

Die erste Neuerung, mit der die Chöre arbeiten, ist das Projektsingen. «Wir üben nur noch auf bestimmte Konzerte hin statt das ganze Jahr hindurch. So haben wir beispielsweise im Juli und August keine Proben, was vielen Sängern entgegenkommt.» So können die Chöre noch überleben, und das kommt auch den Gemeinden zugute: «Wir singen beispielsweise am 1. August oder führen Alterssingen an runden Geburtstagen von über 80-Jährigen durch. Das kommt sehr gut an», freut sich der Präsident.

Ein Fest von Sängern für Sänger

Am Sängertag selbst waren die düsteren Zukunftsgedanken aber weit weg. Das verdeutlichte auch Susanne Stulz, die Aktuarin des Männerchors Berikon: «Man muss das Positive sehen: Die Chöre freuen sich, gemeinsam aufzutreten, das ist doch das Wichtigste.» Mit Liedern wie «Freude am Leben», «Spanische Nächte» und «Mys Älpli» nahmen sich die Chöre gegenseitig mit auf musikalische Reisen. Der «Siloballe-Blues» und «Ewigi Liebi» brachten sie zurück in die moderne Zeit. Und sogar auf Französisch und Englisch wurde gesungen.

Zuschauer waren wenige da, doch das war gewollt: «Wir haben es extra nicht öffentlich gemacht. Die Feier ist von Sängern für Sänger», sagt Schrepfer schmunzelnd. Am Ende durften 17 Sänger für ihre lange Treue geehrt werden. Allen voran der 94-jährige Charly Groth für unglaubliche 76 Jahre im Männerchor Berikon.