Lepra
«Siechen» leben heute in einem Lepra-Quartier

Lepra ist in unseren Köpfen eine ferne, exotische und ausgerottete Krankheit – doch das ist ein Irrtum. Noch heute werden täglich Menschen neu mit der Krankheit angesteckt, auch Kinder und Jugendliche.

Tabea Baumgartner
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Der alte Mann streckt seine Hand aus. Sie ist kaum noch als solche zu erkennen. Eine trockene, zerfurchte Haut spannt sich über die verkürzten Finger. Sein Blick ist starr nach vorne gerichtet, die Augen mit einem weissen Schleier überzogen. Er ist vollständig erblindet.

Illia Baoua ist an Lepra erkrankt, Hände und Füsse sind verstümmelt. Die Schäden sind nicht zu reparieren. Er wird die Behinderungen lebenslang mit sich herumtragen, obwohl seine Krankheit gestoppt werden konnte. Es bleibt ihm, auf der Strasse zu betteln. Nicht umsonst ist er vor Jahren ins Lepra-Quartier in der Randzone von Zinder, der zweitgrössten Stadt des Nigers, gekommen. In seinem Dorf wurde er nicht mehr als Mensch unter Menschen akzeptiert. Ein Verstossener.

Täglich neue Menschen angesteckt

Lepra. Wir erinnern uns an die Geschichtsstunde, Epoche Mittelalter, als man über die Aussätzigen, oder «Siechen», sprach, die ausserhalb unserer Städte leben mussten. Abgeschottet von jeglichem Sozialkontakt führten sie ein elendes Dasein auf der Strasse oder in Siechenhäusern, die eigens für die Leprakranken errichtet wurden. Vielleicht haben wir auch gehört, dass die Kranken eine Klapper tragen mussten, um gesunde Menschen zu warnen, wenn sie sich näherten.

Noch heute werden täglich Menschen neu mit Lepra angesteckt, auch Kinder und Jugendliche. Noch heute richtet die Krankheit weltweit grosse Schäden an. Nur: Lepra kann seit einigen Jahren vollständig geheilt werden. Die Behandlung wäre für alle Betroffenen kostenlos. Doch viele von ihnen verheimlichen die Krankheit, um nicht verstossen zu werden. Oft wird Lepra als Strafe Gottes für eine Untat interpretiert, wie im Mittelalter die Aussätzigen als Sünder verschrien wurden. Eltern verstecken ihre Kinder, um die Familienehre zu bewahren. Indessen stecken sie weitere Menschen an, denen somit dasselbe Schicksal blüht. Als Lepra im Mittelalter und in der frühen Neuzeit in unseren Städten wütete, waren die hygienischen Bedingungen katastrophal, Armut war allgegenwärtig, die Ernährung der Menschen einseitig oder unzureichend. Ein ähnliches Bild treffen wir heute in Slums oder in ländlichen Gebieten in Afrika, Südamerika und Asien an. Die von Armut betroffenen Menschen leben dicht beieinander, sind oft unterernährt, ihr Immunsystem ist geschwächt, was eine Übertragung begünstigt.

Zu wenig aufgeklärt

Die erste Begegnung mit einem Menschen, dessen Hände und Füsse verkrüppelt sind und unschöne Geschwüre aufweisen, lässt einen erschaudern. Die Angst sitzt uns tief in den Knochen. Kaum jemand weiss, dass die meisten Menschen, die verstümmelt sind, niemanden mehr anstecken können.

Illia hat Glück gehabt. In seinem Lepra-Quartier in Zinder im Südosten des Nigers errichteten katholische Schwestern eine ambulante Gesundheitsstation, wo sich Leprakranke behandeln lassen können. Dort werden die aufgescheuerten Stellen verpflegt: eiternde Wunden, Löcher in den Füssen. Die Fliegen stürzen sich darauf. Die weiss-gelben, abgestorbenen Teile des Fusses werden mit einem Skalpell entfernt, die Wunden desinfiziert und es gibt einen sauberen Verband. Das Schwierigste daran ist, dem menschlichen Elend und den abscheulichen Folgen dieser Krankheit aufrecht entgegenzutreten, den Ekel zu ertragen und dem Menschen in die Augen zu schauen.

Lepra darf kein Tabu mehr sein

Noch ist es nicht gelungen, Lepra auszurotten. Die Krankheit verschwindet nicht, solange sich die Lebensbedingungen in den betroffenen Ländern nicht entscheidend verändern. Zudem braucht es die Bereitschaft der Menschen, Leprakranke nicht zu diskriminieren, sondern sie als gleichwertige Mitmenschen zu akzeptieren. Die Betroffenen sollten bereit sein, sich frühzeitig behandeln zu lassen und somit der Krankheit den Garaus zu machen.

Hier wohnten die «Siechen»:

  • Am westlichen Reussufer, fernab des einstigen Stadtkerns, steht noch heute das Bremgarter Siechenhaus. Laut Jahreszahl über dem Portal wurde es 1562 erbaut. Es ersetzte ein älteres Gebäude. Bis ins 18. Jahrhundert hinein diente es als Absonderungshaus für Leprakranke. Ursprünglich umschloss eine Ringmauer das Haus. Weil hier zeitweise auch Ziegel gebrannt wurden, wird das Gemäuer im Volksmund gelegentlich noch Ziegelhütte genannt. Heute ist im schön erhaltenen Siechenhaus die Verwaltung des Waffenplatzes Bremgarten untergebracht.

Bremgarten: «Siechen» weg von der Stadt

  • Der vornehm anmutende Bremgarter Riegelbau ist eines von lediglich drei erhaltenen mittelalterlichen Siechenhäusern im ganzen Aargau. Die anderen beiden stehen in Baden und Zofingen. Zweck dieser Häuser war es, die «Siechen», also Lepra- oder andere Hautkranke, vom Stadtzentrum fernzuhalten. Jeder Verdächtige wurde zum «Badescherer» (Haarschneider, Aderlasser und Wundpfleger) oder zum Arzt gebracht. Siechenhäuser lagen oft an wichtigen Durchgangsstrassen oder in der Nähe von Brücken, damit die Kranken dort für ihren Unterhalt um Almosen betteln konnten.

Baden: Badekuren verordnet

  • So wurde Anfang des 15.Jahrhunderts auch das Badener «Siechenhaus im Feld» errichtet, das heute als Altersheim dient. Da Lepra zu dieser Zeit nicht geheilt werden konnte, beschränkte sich die Behandlung auf die Linderung der Symptome. Den Aussätzigen wurden gar Badekuren in den schwefelhaltigen Thermen von Baden empfohlen. So gab es beim Verenahof ein Armenbad, in dem kranke Bedürftige gratis baden durften. Wenn die Armen das Verenabad benutzen wollten, mussten sie jedoch einen Krankenschein mitbringen, der von einem Arzt oder ihrer Gemeinde ausgestellt wurde.

Brugg: Nur elf Betten

  • Mitte des 15.Jahrhunderts wurde auch in Brugg ausserhalb der Stadtmauern in Richtung Basel ein Siechenhaus mit lediglich elf Betten errichtet. Wer aufgenommen werden wollte, musste seinen Besitz als Eintrittsgeld mitbringen. Nach der Reformation im 16.Jahrhundert erhöhten sich die Einnahmen, da die katholischen Stiftungen aufgelöst wurden und Gelder ins Siechenhaus flossen. Im 18.Jahrhundert nahm der Zulauf von Kranken dermassen ab, dass der Rat das Haus 1743 schliessen liess und später verkaufte. Am selben Ort, wo früher die Leprakranken hausten, wurde um 1900 die Landwirtschaftliche Winterschule (später Kantonales Seminar) errichtet.