Bezirksgericht Bremgarten
Sieben Jahre Haft für Geiselnehmer vom Wohler Nachtklub «Blue Lagoon»

Urteil im Fall der Geiselnahme im Wohler Nachtklub «Blue Lagoon»: Der Angeklagte F.G. wird zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Jörg Meier
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Am 20. Mai 2015 geriet der Wohler Nachtclub «Blue Lagoon» landesweit in die Schlagzeilen. Polizisten hatten den Club umstellt, und warteten auf einen Geiselnehmer, der sich im Club verschanzt hatte, sich dann aber widerstandslos festnehmen liess.

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten wurde nun, gut zehn Monate nach der Tat, der Fall des Geiselnehmers verhandelt. Zutage kam die triste Geschichte des 62-jährigen F.G., der innert kürzester Zeit alles verloren hat.

Im Januar 2015 tat der arbeitslose Italiener F.G. zweierlei. Er verliebte sich in eine ukrainische Tänzerin, die im «Blue Lagoon» auftrat.

Und er löste seine Pensionskasse auf und kassierte alles in allem 145 000 Franken. F.G. und seine Tänzerin gönnten sich nun ein Leben in Saus und Braus.

Sie gab ihren Job im «Blue Lagoon» auf; er indes blieb treuer und gut zahlender Gast. Bereits im Mai war das ganze Geld fast aufgebraucht. F.G. hat immer noch keinen Job, trinkt gerne und viel, muss Medikamente gegen seine Depressionen nehmen.

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Was geschah im «Blue Lagoon»?

Auch in der Nacht des 20. Mai sitzt er im «Blue Lagoon». Wahrscheinlich hat er seine «Smith & Wesson» bei sich. Er habe sich bedroht gefühlt, sagt er vor Gericht. Plötzlich bemerkt er, dass sein Portemonnaie weg ist. Er vermutet, dass es ihm jemand vom Clubpersonal gestohlen hat. Er rastet aus. Morgens um sechs Uhr verlässt er das «Blue Lagoon» im Streit und verkündet, er werde wieder kommen. Was er denn auch nur eine Viertelstunde später denn auch tatsächlich tut.

Was nun weiter geschah, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bis ins letzte Detail rekonstruieren.

F.G. konnte sich vor Gericht nur noch schlecht erinnern und die Interpretationen von Staatsanwalt und Verteidiger wichen doch ziemlich voneinander ab.

Als erwiesen erkannte dann das Gericht diese Version – und es folgte damit dem Staatsanwalt:

Kurz nach sechs Uhr morgens verschaffte sich F.G. Zugang zum «Blue Lagoon».

Er trug die geladene und entsichert «Smith & Wesson» bei sich, die er auf den Barmann und die letzte anwesende Tänzerin richtete.

Unter Drohungen zwang er die beiden, nach dem verlorenen Portemonnaie zu suchen. Als die Suche erfolglos blieb, schickte F.G. den Barmann los, um zwei weitere Tänzerinnen zu holen, die sich bereits schlafen gelegt hatten; die anwesende Tänzerin nahm er als Geisel.

Der Barmann gehorchte, bald suchten sie also zu viert nach dem Portemonnaie, bewacht von F.G. und seiner «Smith & Wesson».

Zwischendurch schoss F.G. um sich, traf aber nur einen Bildschirm und dreimal die Wand. Nach und nach gelang es den Geiseln zu entkommen. F.G. stellte sich nach einigen Stunden der Polizei, die bereits vor dem Gebäude wartete.

Vor Gericht präsentierte sich F.G. in grauer Trainerhose und Pullover, leise sprechend und mit selektivem Erinnerungsvermögen.

Ein psychiatrisches Gutachten hat ihm mittelschwer verminderte Schuldfähigkeit attestiert. F.G. versichert, wie leid ihm alles tut, dass er niemanden bedroht habe, die Pistole gegen niemanden gerichtet habe.

Viele offene Fragen

Das Bezirksgericht folgt in seinem Urteil den Anträgen des Staatsanwaltes und fällt ein strenges Urteil.

F.G. wird schuldig gesprochen der mehrfachen Gefährdung des Lebens, der mehrfachen Freiheitsberaubung und der qualifizierten Geiselnahme.

Er muss für sieben Jahre ins Gefängnis; die schon geleisteten 281 Tage werden angerechnet. Zudem erhält er eine ambulante Therapie.

Viele Fragen blieben offen, erklärte Gerichtspräsident Thurnherr. Unklar sei nach wie vor das Motiv.

Unklar ist auch, ob das Portemonnaie tatsächlich ein paar Monate später wieder aufgetaucht ist.

Und ob F.G. im Gefängnis auch ab und zu Besuch von der ukrainischen Tänzerin erhält.