Seltenes Handwerk (4)
Sie zeigt, wie Schriftsetzer und Drucker von 1450 bis vor 40 Jahren arbeiteten

Gianna Schneeberger aus Tägerig hat Schriftsetzerin gelernt – und ist es bis heute geblieben.

Toni Widmer
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Gianna Schneeberger mit dem Winkelhaken am Setzkasten. Auf diese Weise wurde früher Buchstabe um Buchstabe zu ganzen Zeilen gefügt.

Gianna Schneeberger mit dem Winkelhaken am Setzkasten. Auf diese Weise wurde früher Buchstabe um Buchstabe zu ganzen Zeilen gefügt.

Toni Widmer

«Als ich 1972 meine Lehre begann, redete niemand vom Filmsatz. Als ich 1976 damit fertig war, redete niemand mehr vom Bleisatz.» – Gianna Schneeberger, Tägerig, gehört zu jener Generation von Schriftsetzern, die noch umfassend im Bleisatz ausgebildet worden waren. Sie lernte Zeitungen, Bücher, Zeitschriften, Prospekte oder Visitenkarten auf jene Weise herzustellen, wie sie hergestellt wurden, seit der Mainzer Buchdrucker Johann Gutenberg um 1450 die beweglichen Lettern erfunden hatte. Die einzigen wesentlichen Veränderungen in diesen 500 Jahren betrafen die Erfindung der Setzmaschine sowie die Entwicklung schnellerer und leistungsfähigerer Druckmaschinen.

Die Presse in der Stampa Didot.

Die Presse in der Stampa Didot.

Toni Widmer

In den 1970er-Jahren ging alles sehr rasch. Gianna Schneeberger hatte einen Beruf erlernt, den es wenige Jahre nach der Abschlussprüfung in dieser Form nicht mehr gab. Spätestens ab Mitte der 80er-Jahre wurden die Druckformen praktisch überall im Filmsatz statt im Bleisatz hergestellt. Gedruckt wurde nicht mehr auf Buchdruckmaschinen, sondern fast ausschliesslich im Offset-Verfahren.

Erst in die Luft, dann in den Keller

Gianna Schneeberger hat überlebt. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen war sie in der Wirtschaftsflaute nach ihrem Lehrabschluss vorerst arbeitslos. Die junge Frau orientierte sich beruflich neu und wurde Stewardess. Doch ein echter Jünger Gutenbergs – die weibliche Form gibt es nicht – bleibt es sein Leben lang. So besann sich auch Gianna Schneeberger bald wieder ihrer Wurzeln und befasste sich intensiv mit dem Computer und der neuen Filmsatztechnik. «Das brachte zwar Verdienst, aber nicht die volle berufliche Befriedigung», blickt die 58-Jährige auf jene Zeit zurück.

Vor 30 Jahren lernte sie mit Walter Bicker einen Gutenberg-Jünger kennen, dem es ähnlich erging. Gemeinsam retteten sie ein paar gut gefüllte Satzregale und eine halbautomatische Presse in die neue Zeit und gründeten die Stampa Didot. In einem Kellerraum in Tägerig pflegen sie seither die traditionelle Schwarze Kunst so, wie sie es einst gelernt haben. «Die Stampa Didot ist kein Museum. Ich setze den Handsatz dort ein, wo er Sinn macht. Ich experimentiere viel, kombiniere gelegentlich die traditionelle mit der modernen Satztechnik oder benütze sie als Ergänzung», erklärt Gianna Schneeberger.

Ein Buch in Handarbeit

Vor einem Jahr hat sich Gianna Schneeberger an ein spezielles Projekt gewagt. Zusammen mit Walter Bicker stellte sie ein Buch auf jene Weise her, wie Bücher über Jahrhunderte hergestellt worden sind. Von A bis Z in Handarbeit: die Zeilen der Seiten im Maschinensatz die Titel und Zwischentitel im Handsatz. Gedruckt wurde die Novelle «Der Fall Calond» auf einer Abziehpresse im Buchdruck, gebunden hat Gianna Schneeberger Exemplar um Exemplar mit Nadel und Faden von Hand.

Geschrieben hat die Geschichte, die zwischen Domat-Ems und Chur spielt und vom Mord in einer Familie handelt, Giannas Vater. Kaspar Jörger war Lokalhistoriker und hat viele Ereignisse aus dieser Region schriftlich festgehalten und veröffentlicht. «Beim Fall Calond hatte er allerdings Skrupel. Weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, nahm er Rücksicht auf die betroffene Familie, der Entwurf blieb liegen», erzählt seine Tochter.

Gianna Schneeberger mit ihrem Buch, das von A–Z in Handarbeit entstanden ist.

Gianna Schneeberger mit ihrem Buch, das von A–Z in Handarbeit entstanden ist.

Toni Widmer

Sie selber fand die Novelle aber immer sehr spannend und - weil inzwischen viel Zeit seit dem Ereignis vergangen ist - die Zeit für eine Veröffentlichung reif. «Mein Vater ist 1990 verstorben und so habe ich meine Mutter um Erlaubnis für den Druck gefragt.» In der Folge hat Gianna Schneeberger die Erzählung mit rätoromanischen Konversationen und in Linol geschnitten Illustrationen ergänzt.

200 Exemplare sind von diesem exklusiven Buch gedruckt worden. Mittlerweile gibt es auch eine Ausgabe im Digitaldruck: «Die handwerkliche Ausgabe kostet 150 Franken, die Arbeit rechtfertigt diesen Preis», sagt die Verlegerin und Druckerin in Personalunion, «für Leute, die an der Geschichte interessiert sind, aber nicht so viel Geld ausgeben wollen oder können, habe ich deshalb noch eine günstigere Variante hergestellt, die im Buchhandel für 15 Franken erhältlich ist.»

Kurse, Events und Führungen

Schwarzkünstlerin Gianna Schneeberger lädt auf Wunsch gerne zur Werkstattschau in die Stampa Didot in Tägerig und zeigt interessierten Besuchern, wie die Schriftsetzer und Drucker ab 1450 bis vor knapp 40 Jahren gearbeitet haben. Wer will, kann mit ihr auch einen Privat- oder Firmenevent vereinbaren: «Ich gebe – in Tägerig oder in Baden – Kurse in Druckgrafik, drucke mit Besuchern Servietten oder zeige ihnen, wie man Texte setzt oder Linolschnitte macht.»

Ein ganz spezielles Angebot hat die Schwarzkünstlerin für Brautpaare parat: «Mit ihnen zusammen setze und drucke ich eine Vermählungsanzeige auf jene Art, wie sie in Grossvaters und Grossmutters Zeiten noch gemacht worden sind. Allenfalls auch mit einem in Linol geschnittenen Bild.» Ein Brautpaar, erklärt Gianna Schneeberger, müsse sich für einen solchen Event allerdings einen ganzen Tag lang Zeit nehmen: «Bei Gutenberg ging es noch so schnell wie heute.»

Handsatz ist mehr als Nostalgie

Und so ist denn der Bleisatz für die Typografin auch weit mehr als blosse Nostalgie: «Wenn ich in den Keller gehe, dann tauche ich in eine andere Welt. Die Herstellung einer Drucksache läuft völlig anders ab als heute. Handsatz lässt sich nachträglich nur mit viel Aufwand korrigieren oder umstellen. Es braucht deshalb eine gute Vorbereitung; man muss das Endprodukt von Anfang an im Kopf haben.» Gianna Schneeberger greift in den Setzkasten, fügt im Winkelhaken Buchstabe an Buchstabe und sagt: «Handsatz ist einfach schön. Für mich hat er fast etwas Philosophisches.»

Weitere Informationen: Gianna@bluewin.ch.

Gutenbergs Jünger folgten dem Meister 500 Jahre lang

Geschichte Vor 150 Jahren revolutionierte die maschinelle Satzherstellung Buch- und Zeitungsdruck. Der traditionelle Handsatz wurde dennoch bis vor rund 35 Jahren gepflegt.

Johann Gensfleisch zum Gutenberg – er lebte von ca. 1400 bis 1468 in Mainz – hat wesentlich mehr als «bloss» die bewegliche Letter erfunden. Er hat insbesondere das damals bereits bekannte Druckverfahren so verfeinert, dass es für seine Zwecke, und für die seiner Nachkommen, nutzbar geworden ist. Er hat zudem Gerätschaften entwickelt, die - in modifizierter, dem technischen Wandel angepasster Form – von den Schwarzkünstlern noch bis in die 1980er-Jahre verwendet worden sind.

Dank Gutenbergs Erfindungen war der Durchbruch im Buchdruck überhaupt erst möglich. Die entscheidende Entwicklung war um 1440 der Handgiessapparat. Gutenberg konnte jetzt Lettern serienmässig und in gleich bleibender Qualität herstellen. Gutenberg hat auch Erfindungen im Bereich der Druckfarbe gemacht, weil es die von ihm benötigte zähflüssige Druckerschwärze damals noch nicht gab.

Auch die Spindelpresse, mit der die Buchseiten gleichmässig auf Papier oder Pergament gedruckt werden konnten, hat Gutenberg selber geplant, entwickelt und schliesslich aus den Komponenten einer Weinpresse zusammengebaut. Verschiedene Hilfsmittel, die Gutenberg einst erfunden hat, sind in den Druckereien bis zur endgültigen Verdrängung des Bleisatzes verwendet worden.

Die Satz- und Drucktechnik von Gutenberg hat in ihren Grundzügen Jahrhunderte überdauert. So wurden zwar grössere und stabilere Pressen aus Eisen gebaut. Das Druckprinzip mit dem flachen Tiegel, auf den eine ebenfalls flache Druckform wirkt, blieb aber gleich. Nach und nach war es möglich, mehrere Buchseiten auf einmal zu drucken und im 19. Jahrhundert kamen Schnellpressen auf den Markt, die in horrendem Tempo Vorder- und Rückseite gleichzeitig bedrucken konnten.

Nur die Entwicklung der Satztechnik vermochte mit der gewaltigen Produktionssteigerung im Druckbereich vorerst nicht Schritt zu halten. Um eine einzige Schnellpresse auszulasten, mussten in den Druckereien bis zu sechs Schriftsetzer beschäftigt werden.

Erst 1886 erfand Ottmar Mergenthaler die Linotype-Zeilengiessmaschine, welche die Satzherstellung revolutionierte. Das 20. Jahrhundert brachte dann eine kontinuierliche Entwicklung mit stetig verbesserten Setzmaschinen. In der Satzherstellung gab es jetzt nicht mehr nur «den Schriftsetzer».

Die Berufsleute spezialisierten sich nach der Lehre vielmehr auf das ihnen zusagende Fachgebiet. So gab es im Zeitungsbereich den Handsetzer, es gab den Maschinensetzer, der den Spaltentext herstellte, und es gab den Metteur, der die von Hand gesetzten Titel und Inserate, den Spaltensatz und die klischierten Bilder zu einer ganzen Zeitungsseite zusammenbaute.

Beim «Badener Tagblatt» und beim «Aargauer Tagblatt», die 1996 zur «Aargauer Zeitung» fusionierten, wurde die Satzherstellung 1981 und 1984 auf Fotosatz umgestellt. 500 Jahre nach Gutenberg hatte der Computer das Satzregal endgültig aus den Zeitungsdruckereien verdrängt. Und mit ihm die traditionellen Bleisetzer. Ihre einstigen Aufgaben werden heute – mit starker elektronischer Unterstützung – weitgehend von den Redaktorinnen und Redaktoren ausgeführt.