Sarmenstorf

Sie wird heute 100 Jahre alt: Warum Gertrud Stutz früher «s’Tägerli-Ferdys Trudy» genannt wurde

Gertrud Stutz feiert genau heute ihren 100. Geburtstag. Sie hört und sieht schlecht, aber ihre Erinnerungen sind noch klar wie eh und je — gerne teilt sie ihre Kindheit.

«Wissen Sie, ich habe doch gar nichts Spannendes zu erzählen», beginnt Trudy Stutz. Doch ihre nach oben gezogenen Mundwinkel und das Glitzern in ihren Augen erzählen eine andere Geschichte. Ab heute hat die rüstige Frau ein ganzes Jahrhundert auf dem Buckel. Sie hatte ein eher ruhiges Leben. Aber ihr ist immer etwas eingefallen, um es nicht langweilig werden zu lassen.

Geboren und aufgewachsen ist sie im Sand draussen, eine halbe Stunde zu Fuss von Kerns in Obwalden. In der Kernser Kirche, wo sie getauft wurde, hat man seiner Zeit auch Bruder Klaus getauft, darauf ist sie ein wenig stolz. Sie war das Jüngste von sieben Kindern von Katharina und Josef Röthlin. Ihre Mutter hat sie allerdings nie kennen gelernt, sie verstarb wenige Monate nach Trudys Geburt an einer Lungenkrankheit.

Pfarrer wollte dem Vater die Kinder wegnehmen

Der Vater war Maurer und nun allein mit den sieben Kindern. «Der Pfarrer hatte ihm gesagt, wenn er nicht dafür sorge, dass wir anständig seien, verspreche er ihm, würde er uns alle zu verschiedenen Pflegefamilien geben», erinnert sich Trudy Stutz. «Davor hatte mein Vater solche Angst, dass er uns sehr streng erzog.»

Dennoch hatte sie ihren Vater gern – und auch die Grossmutter, die die Kinder an Mutters Stelle aufzog. «Sie sagte immer: ‹Macht nur, aber ihr werdet schon sehen, was passiert, wenn ich das abends dem Vater erzähle.› Das reichte, um uns von Dummheiten abzuhalten.»

Angst hatte sie nur vor ihrer Tante Rosi aus Villmergen, die keine Kinder hatte und ihren Vater jede Woche anflehte, ihr doch das Trudy zu überlassen. «Irgendwann sagte mein Vater: ‹Habe ich sechs durchgebracht, bringe ich auch sieben durch. Du brauchst gar nicht mehr zu fragen.› Ich weiss noch, wie froh ich damals war.»

Zum Zmittag gabs Milchsuppe – jeden Tag

Die Schule war in Kerns. «Weil wir so weit draussen wohnten, konnten wir über Mittag nicht nach Hause. Wir bekamen immer Milchsuppe, also Milch und Brot. Jeden Tag, sechseinhalb Jahre lang», sagt Trudy Stutz und schüttelt sich. Auf dem Schulweg hatten sie jedoch viel Spass mit den anderen Kindern. Hatte sie eine schöne Kindheit? Sie zuckt die Achseln: «Es war damals für alle gleich.»

Jeweils das älteste Kind musste daheim bleiben, um den Haushalt zu führen. «Nach und nach heiratete wieder eines und zog fort, bis am Ende nur noch ich da war. Also musste ich für Vater, Grossmutter und Haushalt schauen.» Als die Grossmutter 1938 starb, bot ihre Schwester, die nach Sarmenstorf eingeheiratet hatte, an, dass Vater und Trudy bei ihnen wohnen könnten. Das nahmen die beiden gerne an.

Sie bekam 35 Rappen Stundenlohn

«Am 10. Januar 1939 zogen wir nach Sarmenstorf. Einen Tag später fragte ich am Morgen früh bei der Alpinit um Arbeit an. Sie fragten, wann ich anfangen könne. Ich sagte, sofort. Nachmittags um 13 Uhr stand ich vor der Strickmaschine.» Sie lacht: «Sie hatten damals viel zu tun, also musste ich schnell lernen, mit den sechs Strickmaschinen alleine umzugehen. Mein Stundenlohn betrug 35 Rappen.» Es habe ihr dort «ordeli guet» gefallen.

Ennet der Strasse oben im «Chilewinkel», der heute Büttikerstrasse heisst, wohnte ausserdem ein gut aussehender, freundlicher junger Mann. Trudy kannte ihn, weil er oft dabei war, als ihre ältere Schwester mit Freunden ihre Familie in Kerns per Velo besuchte. Der Ferdinand Stutz.

Trudy und er gefielen einander immer besser. Die Mädchen hatten früher nicht einfach spazieren gehen dürfen, «sonst hiess es gleich: ‹Suechsch eine?›». Nur auf dem Bänkli vor dem Haus hätten sie sonntags sitzen dürfen. Doch der Ferdy musste ja nur über die Strasse, um sein Trudy zu sehen. Oft sagte er: «Aber gell, du läufst mir dann nicht davon.» So verlobten sie sich im Dezember 1940 und Trudys schönes Leben wurde noch schöner.

«Dann sollten wir halt heiraten»

Als der Krieg kam, wurde alles anders. «Es gab immer weniger Arbeit, also entliess die Alpinit alle ledigen Mädchen, weil die Älteren Familien zu versorgen hatten.» Doch auch da wussten sich Ferdy und Trudy zu helfen. «Das war Anfang August 1941. Da sagte Ferdy, wenn die nur noch verheiratete Frauen anstellen, sollten wir halt heiraten.» Gesagt, getan. Schon am 18. August heiratete das glückliche Paar in Sachseln bei Bruder Klaus. «Dort feierten wir auch unsere silberne und goldene Hochzeit, denn ich habe den Bruder Klaus sehr gerne.»

Weil man damals am Samstag nicht heiraten durfte, taten sie dies am Montag. Und weil während des Krieges kein Benzin verschwendet werden durfte, mieteten sie einen mit Holz betriebenen Car aus Zürich, um ihre Gäste nach Obwalden zu kutschieren. «Ferdy bat seinen Chef um ein paar freie Tage nach der Hochzeit. Zwei wurden ihm bewilligt. Aber er durfte es niemandem sagen, sonst hätten die auch frei gewollt, hiess es damals.»

Sie arbeitete von 4 bis 23 Uhr für die Strohindustrie

Sie bekamen vier Kinder, drei Mädchen und einen Buben. Trudy arbeitete in Heimarbeit für die Strohindustrie und stellte Hüte und Schuhe her. Dabei mussten auch die Kinder helfen. «Ich arbeitete von 4 Uhr morgens bis 11 Uhr abends und erhielt dafür 80 Franken pro Monat.»

Im Winter fabrizierte sie direkt in der Fabrik Strohbänder für Hüte. «Einmal mussten wir Tarnnetze aus rauen Schnüren knüpfen für die Armee», weiss sie noch. Sie wusch Flaschen für die Weinhandlung im Dorf. Und später ging sie putzen. «Trotz all der Arbeit hatten wir es immer lustig», erzählt Trudy Stutz. «Man kannte jeden Nachbarn und hat sich immer gegrüsst. Oft haben wir einander beim Heuen oder sonstigen Arbeiten geholfen. Da rechnete man noch nicht ab. Für ein Kafi und ein Zobig haben wir viel gemacht.»

Einfallsreich, ob an der Fasnacht oder mit Kühen

Ihr Mann war in vielen Vereinen, teilweise auch im Vorstand. «Im Theaterverein hatte er oft Hauptrollen, der konnte das so gut», schwärmt Trudy. Zusammen machten die beiden häufig Velo-Ausflüge. «Wir waren im Berner Oberland, in Appenzell, auf dem Susten.» Was Trudy besonders liebte: die Fasnacht. «Vor allem mit meinem Schwager habe ich mir immer die tollsten Kostüme ausgedacht. Einmal ging ich als Henne, er als Hahn und wir verteilten einen Korb voller gesottener Eier», erinnert sie sich lachend.

Eine Zeit lang hatte Familie Stutz, die man s’Tägerli-Ferdys nannte, weil im Kirchenwinkel fast alle Stutz hiessen und Ferdy ursprünglich vom Tägerlihof stammte, auch zwei Kühe. «Das war, als eines meiner Mädchen frisch geboren war und ich ihr zu wenig Milch geben konnte. Sie vertrug Kuhmilch schlecht, da bat mein Mann einen Nachbarn, ihm immer Milch von derselben Kuh zu geben. Als auch das nicht ging, kaufte Ferdy eine eigene Kuh und rettete unserer Kleinen so das Leben.»

Bis im Alter von 99 Jahren lebte sie selbstständig

Als Ferdy 1999 starb, blieb Trudy vorerst im gemeinsamen Haus, zügelte dann aber in eine hübsche Wohnung vis-à-vis der Kirche. Bis ins Alter von 99 Jahren wohnte sie dort selbstständig. Ihre Kinder halfen beim Putzen und der Wäsche, aber sonst war sie fit genug, um für sich zu sorgen.

«Vor einem Jahr musste ich leider fort von dort. Es fehlt mir, aber das ist halt so, wenn man alt wird», ist Trudy Stutz bewusst. Lange ging sie täglich mit ihrer 97-jährigen Freundin im Dorf spazieren und bei Freunden Kaffee trinken, aber das halten ihre Beine mittlerweile leider nicht mehr aus.

Im Seniorenheim Eichireben sei es schön. «Nur leider kann ich hier kaum mit jemandem reden. Die älteren Leute, die noch klar sind im Kopf, können meist nicht mehr laut genug reden, damit ich sie höre», erklärt sie ihr Dilemma. Darum hat sie gern Besuch von ihren Kindern, Enkeln, Urenkeln und Freunden. «Nur nicht alle auf einmal», sagt sie lachend. Vor zwei Wochen war sie nochmals in Sachseln bei Bruder Klaus, das war ihr wichtig. «Jetzt möchte ich noch meinen 100. feiern, mehr Wünsche habe ich nicht mehr.»

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