Die kleine Sarmenstorfer Schul- und Gemeindebibliothek im ersten Stock des Schulhauses ist hell, gemütlich und mit Tausenden von Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbüchern, CDs, DVDs und Kasettli bestückt. Sie lädt zum Stöbern, Schmökern oder einfach zum Lesen ein. Das war nicht immer so.

Noch vor 40 Jahren hatte jeder Lehrer ein paar «altersgerechte» Bücher für die Schüler im Regal stehen, während die Lesegesellschaft Sarmenstorf im Estrich des alten Schulhauses ihre Bücher hortete. «Die Lesegesellschaft war damals schon ein öffentlicher Verein, aber die meisten Leute getrauten sich nicht, dort Bücher auszuleihen, weil es nach einem exklusiven Klub klang», erinnert sich Annemarie Huber. «Es gab kaum noch Kunden, und so hatte man auch kaum Geld, um Bücher zu kaufen.»

Dennoch war die heute 67-Jährige voller Zuversicht. «Mein Bruder war Kassier des Vereins. Als ein neuer Präsident gesucht wurde, schlug er mich vor, da er wusste, wie sehr ich Bücher schon immer geliebt habe.» So wurde die in Sarmenstorf aufgewachsene gelernte Gärtnerin die erste weibliche Präsidentin der Lesegesellschaft, denn seit der Gründung 1835 war diese stets von Männern geleitet worden.

Und bei dieser einen Pioniertat blieb es nicht. Annemarie Huber modernisierte nicht nur die Bibliothek Sarmenstorf, sondern half tatkräftig mit, den Weg für alle Bibliotheken im Kanton zu ebnen. Jetzt, nach 40 Jahren im Dienst der Leseratten, geht sie Ende September in Pension.

«Dafür braucht es keinen Lohn»

Die ersten 20 Jahre lang führte Annemarie Huber die Lesegesellschaft ehrenamtlich. Und das, obwohl sie in Aarau als eine der Ersten die Ausbildung zur Bibliothekarin im Nebenamt abgeschlossen hat. Doch dabei liess sie es nicht bewenden. «Es war so spannend, dass ich mich zur Bibliotheksleiterin habe ausbilden lassen.»

Und weil Huber so interessiert und motiviert war, wurde sie auch bald Mitglied der Aargauer Bibliothekskommission. «Wir hatten die Aus- und Weiterbildungen unter uns. Und wir sahen, dass es im Bibliothekswesen noch sehr viel zu tun gab.» Sie sei schon immer eine Kämpferin gewesen, und das traf sich gut, denn genau das brauchten die Aargauer Bibliotheken.

«Als ich zu Beginn in Aarau den Antrag stellte, dass Bibliothekare wie alle anderen Berufstätigen bezahlt werden sollten, sagte man mir, das sei doch eine schöne Arbeit, dafür brauche es doch keinen Lohn», berichtet sie heute lachend und kopfschüttelnd.

Computer statt Karteikästen

Doch nach und nach wurde Sarmenstorf punkto Bibliothek zur Pioniergemeinde. «Wir stellten den Antrag, dass nicht mehr ein Verein für die Bibliothek verantwortlich sein sollte, sondern die Gemeinde. Das wurde an der Gemeindeversammlung ohne Gegenstimmen angenommen», erinnert sie sich. So wurde auch der Lohn für Mitarbeiter eingeführt. «Natürlich gingen wir immer mit der Zeit, führten erst rudimentäre, dann immer bessere Computersysteme ein, die unsere alten Karteikarten ersetzten.» Das sei nötig gewesen, denn «alle paar Wochen warf wieder jemand die Karteikästen um, sodass wir keine Ahnung mehr hatten, welche Bücher wie lange ausgeliehen waren».

Auch erinnert sich Huber daran, dass ihr schon vor Jahrzehnten gesagt wurde, man brauche kein Geld für Bücher mehr, denn bald hätte jedes Haus einen Fernseher, dann würde niemand mehr lesen. «Und siehe da, heute haben viele Häuser wieder keinen Fernseher mehr, aber die Bibliotheken laufen weiter», freut sie sich.

Gleich noch zwei Jubiläen

Das hat sicher auch mit den hübschen Räumen der heutigen Bibliotheken zu tun. «Wir haben mindestens dreimal gezügelt. Einmal mussten wir ein Jahr im Keller des Altersheims bleiben, als die Schule umgebaut wurde. Da kamen überhaupt keine Kunden. Als man uns Jahre später nochmals dort unterbringen wollte, beschlossen wir, stattdessen die Bücher einzulagern und nur einmal pro Monat einen Bücherstand zu organisieren, das lief gut.»

So kam die Bibliothek Sarmenstorf, wie die Lesegesellschaft heute heisst, in den schönen Raum im Schulhaus. Dieser ist jedoch nicht behindertengerecht. Jahrelang haben die Bibliothekarinnen verschiedene Lesungen und Events organisiert. Heute beschränken sie sich auf Projekte mit den Bibliotheksverbünden Freiamt sowie Luzerner und Aargauer Seetal.

«Am Anfang werde ich es vermutlich schon etwas vermissen», sagt Huber über ihre Arbeitsstelle, die sie Ende September endgültig an Nachfolgerin Christine Eppisser weitergeben wird. «Aber mit meinen fünf Kindern und acht Enkeln wird mir sicher nicht langweilig. Dass sie einen tollen Betrieb hinterlässt, zeigen auch die beiden anderen Arbeitsjubiläen: Cecilia Leimgruber arbeitet bereits seit 25 Jahren in der Bibliothek Sarmenstorf, Stefanie Iten seit 20 Jahren.