Ein gängiges Klischee: Lehrer sind nach Jahrzehnten im Schuldienst ausgebrannt. Nicht so die beiden Kantonsschullehrer Markus Stutz und Urs Senn. Sie nahmen die Lehrtätigkeit an der Kanti Wohlen 1979 zusammen auf und hörten nun nach 36 Jahren gemeinsam auf. Beide finden: «Lehrer sein, das ist fantastisch. Wir durften vielen Schülern dabei helfen, herauszufinden, wo sie talentiert sind.»

Schule stark gewachsen

Natürlich hat sich das Umfeld in den letzten 36 Jahren stark gewandelt. So ist die Kantonsschule Wohlen, die 200 Schüler zählte, als Stutz und Senn dort Lehrer wurden, grösser geworden. 800 Schülerinnen und Schüler drücken heute die Schulbank. Bald werden es noch mehr sein.

Über die kritische Grösse dürfe man sich durchaus seine Gedanken machen, sagen Stutz und Senn. «Bei 1000 und noch mehr Schülern wird die Schule noch etwas unpersönlicher.» Aber mit einer Maturitätsquote von 16 Prozent liege der Kanton Aargau «gerade richtig», stellt Stutz fest. Schliesslich wachse die Bevölkerung im Freiamt noch immer stark. Und da sei es nichts anderes als natürlich, dass auch immer mehr Schüler und Schülerinnen an die Mittelschule wollten. Über die richtige Grösse der Kantonsschule Wohlen würden aber richtigerweise nicht die Lehrer entscheiden. «Das ist Sache der Politik», finden die beiden.

«Interessiert, gescheit, anständig»

Die Politik, so spinnt der nun pensionierte Deutsch- und Englischlehrer Urs Senn den Faden weiter, müsse sicher daran interessiert sein, dass eine rein zweckorientierte, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtete Ausbildung die Ziele einer breiten Bildung nicht durchkreuze. «Unsere Schüler sind in der grossen Mehrheit interessiert, gescheit und sehr anständig.» Aber ihr Umfeld habe sich in den letzten 36 Jahren gewaltig geändert, meint der Mathematik- und Physiklehrer Markus Stutz. «Das Handy gab es, als wir an der Kanti anfingen, noch gar nicht. Heute gehört es zum Alltag. Dass man Tag und Nacht am Telefon erreichbar sein muss, ist sicher nicht gut.» Befremdlich wirkt auf Senn, dass die Wirtschaft schon Vierzehnjährige als Konsumenten umgarnt und so einem unvorteilhaften Sog unterwirft.

Viele Schüler erreichten viel

Alles in allem sind die beiden pensionierten Lehrer stolz auf ihre viele hundert ehemaligen Schülerinnen und Schüler, von denen es einige sehr weit ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gebracht haben – wie die Bundesrätin Doris Leuthard oder die Fernsehmoderatorin Susanne Wille. Viele Schülerinnen und Schüler hätten von den vielfältigen Bildungsmöglichkeiten, wie sie die Kantonsschule zum Glück noch immer biete, profitiert, sagen die beiden Neupensionäre. Mitgeholfen hätten da bestimmt auch das Kantiforum, das in Wohlen kulturell aktiv ist, die regelmässigen Schüleraustausche mit dem Ausland oder auch die vielen weiteren Schulveranstaltungen, die zur Erweiterung des Horizontes beitragen, sagt Urs Senn. «Ich durfte den meisten Schulklassen neben der zeitgenössischen Literatur auch die Werke von William Shakespeare näherbringen.»

Lehrerkollege Markus Stutz ging es in seinen Fachgebieten ähnlich. «Keine Physikstunde ohne Experiment, bei dem man etwas sieht und lernt», war sein Prinzip. Und im Freifach Astronomie durfte der Hobbysterngucker, der selber ein Fernrohr herstellte und es in der Schule auch einsetzte, zahlreiche Schüler in die Welt der Planeten einführen. Auch dies eine Ausweitung des Bildungshorizontes, wie wohl kaum ein Schüler missen möchte.

«Nie den Humor vergessen»

Schulkarrieren an der Kanti Wohlen nehmen gelegentlich unerwartete Kurven. So stellte eine Schülerin ihr Wirtschaftsstudium zurück, das sie angestrebt hatte, und wurde – Koch. Eine Ausnahmeerscheinung zwar, aber doch ein Indiz dafür, dass das Ziel, zufrieden und glücklich zu werden, nicht nur dann erreicht werden kann, wenn man sofort studiert. Beide Lehrkräfte fanden es wichtig, den Schülern einen möglichst spannenden Unterricht zu bieten und dabei den Humor nie zu vergessen.

«Wir haben die Lehrfreiheit immer geschätzt. Wir konnten sehr vieles selber gestalten. Das forderte uns zwar, aber machte eben auch Freude», sagen sie. In der Freizeit wollen beide weiterhin häufig reisen. Markus Stutz will an seinem Haus in Wohlen endlich eine Sonnenuhr anbringen – «eine, die stimmt», sagt er.