Niederwil

Sie spürte jeden versteckten Zähler auf: Frieda Künzli war 43 Jahre lang Strom- und Wasserableserin

Frieda Künzli liest auf einer ihrer letzten Touren durch Niederwil die Zähler digital ab.

Frieda Künzli liest auf einer ihrer letzten Touren durch Niederwil die Zähler digital ab.

Die 72-jährige Frieda Künzli hört nach 43 Jahren als Strom- und Wasserableserin in Niederwil auf. Eine 102-jährige Familienära endet damit, schon ihr Grossvater war nämlich als Stromableser unterwegs.

Zügig läuft Frieda Künzli durch die Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses, öffnet eine Türe zum Keller und am Ende des Ganges nochmals eine Türe. Dann steht sie in ihrem Reich. Der Raum mit den Stromuhren. Die 72-Jährige trägt eine Leuchtweste und Schutzmaske und ist auf ihrer letzten Tour als Strom- und Wasserableserin für die Gemeinde Niederwil. Nach 43 Jahren hört sie im März mit der Tätigkeit auf. Eine 102-jährige Familienära endet. Künzlis Grossvater war ab 1918 als Stromableser unterwegs, später folgte ihr Vater, ehe sie ab 1978 die Funktion übernahm.

Gezielt bringt sie das kleine Messgerät auf der Stromuhr an, innert Sekunden erscheinen die Daten auf dem Smartphone und werden direkt zur Abrechnung weitergeleitet. «Zurzeit gibt es fünf verschiedene digitale Modelle und auch noch die analogen Zähler, die ich ablesen muss», sagt Frieda Künzli, während sie die nächste Stromuhr abliest. Etwa 90 Prozent der Zähler funktionieren bereits elektronisch. Zu ihren «Kunden» gehören rund 2200 Strom- und Wasserzähler in der ganzen Gemeinde.

Teilweise kennt sie sich in den Kellern besser aus als die Eigentümer selbst. Sie weiss überall, wo sich die Zähler befinden – auch an den unmöglichsten Orten. «Manchmal sind sie extrem hoch angebracht oder hinter Boilern oder Tanks versteckt. Dann greife ich zu einem Trick und verwende einen Stab mit Spiegel zum Ablesen. Spiegelverkehrt zu lesen, bereitet mir kein Problem, nur bei den Zahlen 6 und 9 muss ich aufpassen», erzählt Frieda Künzli.

Bei Schnee und Regen in den Blöcken unterwegs

Früher war sie jeweils im Frühling und Herbst auf Ablesetour. Doch seit die AEW Energie AG vor drei Jahren die Abrechnung umstellte, muss sie nun im Dezember nur noch einmal jährlich ablesen. «Das war eine grosse Änderung. Es dunkelt sehr früh und das Wetter ist im Winter schlechter. Wenn es regnete oder schneite, versuchte ich, meine Tour möglichst in Mehrfamilienhäusern zu planen», sagt Künzli.

Rund drei Wochen Zeit hat sie vom 4. bis 24. Dezember, um die ganze Gemeinde abzuarbeiten. Falls jemand nicht zu Hause ist, wirft sie eine Karte mit ihren Kontaktangaben mit Leuchtstift markiert ein und bittet darum, die Zählerstände zu melden. Über 90 Prozent der Leute würden innert Kürze reagieren und anrufen oder ein SMS schicken. «Das klappt hervorragend. Man muss die Leute auch ein wenig erziehen», sagt Künzli. Probleme habe es praktisch nie gegeben.

Überhaupt seien viele sehr hilfsbereit gewesen. Mancherorts stünde immer eine Leiter für sie bereit. Gelegentlich unterstützte sie auch ihr Mann Armin, wenn es ums Entfernen von Schachtdeckeln ging.

Den Kontakt mit der Bevölkerung hat Frieda Künzli immer gern gehabt. «Die Menschen waren stets zuvorkommend», sagt sie. Am Ende ihrer Karriere liegt ihr etwas am Herzen. «Ich danke meiner Arbeitgeberin für die immer gute Zusammenarbeit. Die Gemeinde war stets loyal, fortschrittlich und sozial. Diesen Dank möchte ich auch der Bevölkerung weitergeben. Bleiben Sie gesund», richtet sie den Niederwilern aus.

Eingeklemmtes Münz mit Schraubenzieher befreit

In den 43 Jahren hat sich ihre Aufgabe extrem gewandelt. Sie erinnert sich noch gut an die Münzautomaten, von denen es in Niederwil ein halbes Dutzend gab. «Ab und zu verklemmte das eingeworfene Münz und die Leute hatten keinen Strom.

Dann riefen sie mich an und ich rückte mit Schraubenzieher und Taschenlampe an, um das Problem zu beheben, auch am Wochenende», erzählt Künzli. Obwohl sie alle Gebäude aus dem Effeff kennt, muss sie im Rückblick schmunzeln. «Bei einem Haus war bei mir der Wurm drin. 20 Jahre lang wählte ich im Keller stets die falsche Tür», sagt sie. Das passiert auf der letzten Tour bestimmt nicht mehr.

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